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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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»Wir sind in den Hügeln von Kintara«, sagte Cadsuane, die plötzlich vor ihnen erschien; ihr Pferd stieg auf die Hinterbeine, ließ die Hufe durch die Luft wirbeln und versprühte Schnee. »Und wir reiten nach Far Madding.« Sie hielt sich nicht nur im Sattel, sie schien das Aufbäumen des Tieres nicht mal zu bemerken!

»Ist der Coramoor in Far Madding?«

»Angeblich soll Geduld eine Tugend sein, Herrin der Wogen.« Obwohl Cadsuane den Titel benutzte, der Harine zustand, lag kein Respekt in ihrem Benehmen. Nicht der geringste. »Ihr reitet mit mir. Versucht nicht, zurückzufallen. Es wäre unerfreulich, wenn ich Euch wie Kornsäcke transportieren müsste. Sobald wir in der Stadt sind, werdet Ihr schweigen, bis ich Euch zu sprechen erlaube. Ich werde nicht zulassen, dass Ihr durch Unwissenheit Probleme schafft. Ihr werdet Sarene Euch führen lassen. Sie hat Ihre Befehle.«

Shalon erwartete einen Wutausbruch, aber Harine beherrschte sich, obwohl es sie offensichtlich viel Mühe kostete. Sobald sich Cadsuane abgewandt hatte, murmelte sie wütend vor sich hin, biss aber die Zähne zusammen, als sich Sarenes Pferd in Bewegung setzte. Offensichtlich sollte keine Aes Sedai hören, was sie zu sagen hatte.

Wie sich herausstellte, bedeutete mit Cadsuane zu reiten, hinter ihr herzureiten, und zwar zwischen den Bäumen vorbei nach Süden. Alanna und Verin ritten zwar neben der Frau, aber als Harine den Versuch unternahm, sich zu ihnen zu gesellen, machte ein Blick von ihr klar, dass sonst niemand willkommen war. Shalon erwartete eine Explosion, die nicht kam. Stattdessen bedachte Harine aus irgendeinem Grund Sarene mit einen finsteren Blick und riss ihr Pferd herum, um zwischen Moad und Shalon zu reiten. Sie unternahm keine Anstrengung, Sarene, die auf Shalons anderer Seite ritt, noch irgendwelche Fragen zu stellen, sondern beschränkte sich darauf, die vor ihr befindlichen Frauen finster anzuschauen. Hätte Shalon sie nicht besser gekannt, hätte sie gesagt, dass in diesen Blicken eher Trotz als Wut lag.

Shalon wiederum war heilfroh, schweigen zu können. Ein Pferd zu reiten war schon schwierig genug, ohne sich gleichzeitig unterhalten zu müssen. Davon abgesehen wusste sie plötzlich, warum sich Harine so seltsam verhielt. Sie versuchte bestimmt, bei den Aes Sedai die Wogen zu glätten. Das musste es sein. Harine zügelte ihr Temperament nie, wenn es nicht unbedingt nötig war. Die Anstrengung, die die Kontrolle sie jetzt kostete, musste sie innerlich förmlich brodeln lassen. Und wenn ihre Bemühungen nicht das gewünschte Ergebnis brachten, würde sie Shalon in einen Kessel stecken und kochen. Der Gedanke daran verursachte Shalon Kopfschmerzen. Sie konnte nur hoffen, dass das Licht sie leitete und ihr half; es musste eine Möglichkeit geben, wie sie vermeiden konnte, ihre Schwester auszuspionieren, ohne dass man ihrer Wangenkette sämtliche Ehrenauszeichnungen abriss und sie sich auf einen Springer abkommandiert fand, dessen Segelherrin darüber brütete, warum sie niemals höher aufgestiegen war und die ihre Wut darüber an jedermann ausließ. Genauso schlimm wäre es gewesen, wenn Mishael ihr Ehegelübde als gebrochen erklärte. Es musste eine Möglichkeit geben.

Manchmal drehte sie sich auf ihrem Sattel um und warf einen Blick auf die hinter ihr reitenden Aes Sedai. Von den Frauen vor ihr war mit Sicherheit nichts zu lernen. Gelegentlich wechselten Cadsuane und Verin ein paar Worte, aber sie steckten dabei die Köpfe zusammen und sprachen zu leise, um belauscht werden zu können. Alanna schien das, was vor ihnen lag, kaum erwarten zu können; sie blickte ununterbrochen nach Süden. Ein paar Mal ließ sie ihr Pferd ein paar Schritte schneller ausschreiten, bevor Cadsuane sie mit einem leisen Wort zurückholte, dem sie mit wildem Blick oder einer mürrischen Grimasse zögernd gehorchte. Cadsuane und Verin schienen um die Frau besorgt zu sein. Cadsuane strich fast auf die gleiche Art über ihren Arm, wie Shalon den Hals ihres Pferdes tätschelte, und Verin strahlte sie an, als würde sie sich von einer Krankheit erholen. Was Shalon nichts sagte. Also dachte sie über die anderen nach.

Wenn man auf einem Schiff aufsteigen wollte, reichte es nicht, nur die Winde Weben oder das Wetter vorhersagen oder die Position bestimmen zu können. Man musste die Absicht lesen können, die zwischen den Worten eines Befehls verborgen lag, und imstande sein, kleine Gesten und Veränderungen im Gesichtsausdruck zu interpretieren. Man musste erkennen, wer sich wem unterwarf, selbst wenn es kaum merklich war, denn Mut und Fähigkeiten ließen einen nur bis zu einem gewissen Punkt aufsteigen.

Nicht weit hinter ihnen ritten vier Frauen — Nesune, Erian, Beldeine und Elza — in einer kleinen Gruppe, obwohl sie nicht zusammengehörten, sondern lediglich den gleichen Platz einnahmen. Weder sprachen sie miteinander noch sahen sie sich an. Sie schienen einander nicht besonders zu mögen. Shalon setzte sie in Gedanken in das gleiche Boot wie Sarene. Die Aes Sedai gaben vor, dass sie alle unter Cadsuane vereint waren, aber das entsprach offensichtlich nicht der Wahrheit. Merise, Corele, Kumira und Daigian saßen in einem anderen Boot, das von Cadsuane gelenkt wurde. Manchmal schien Alanna in dem einen und dann wieder in dem anderen Boot zu sein, während Verin in gewisser Weise zwar zu Cadsuanes Boot gehörte, aber nicht darin saß. Vielleicht schwamm sie nebenher, während Cadsuane ihre Hand hielt. Und wäre das nicht allein schon seltsam genug gewesen, war da noch die Sache mit dem erwiesenen Respekt.

Seltsamerweise hatte es den Anschein, als würden die Aes Sedai Stärke in der Macht Erfahrung oder Fähigkeiten vorziehen. Ihre Rangordnung gründete sich auf Stärke, wie bei Decksmatrosen, die sich in Küstentavernen prügelten. Natürlich beugten sie sich alle Cadsuane, doch bei den anderen gab es Merkwürdigkeiten. Den Regeln ihrer eigenen Hierarchie zufolge bekleideten einige der Frauen aus Nesunes Boot eine Position, auf der sie von einigen aus Cadsuanes Boot Respekt erwarten konnten, aber obwohl ein paar von ihnen dies durchaus zum Ausdruck brachten, benahmen sie sich dabei, als würden sie einem Höhergestellten gegenüberstehen, der ein ernstes, allgemein bekanntes Verbrechen begangen hatte. Der Hierarchie nach übertraf Nesune alle im Rang — von Cadsuane und Merise einmal abgesehen —, doch sie verhielt sich Daigian — welche die unterste Sprosse der Leiter einnahm — gegenüber auf eine Weise, als würde sie trotzig zu diesem Verbrechen stehen, und die anderen in ihrem Boot verhielten sich genauso. Alles lief sehr unauffällig ab, ein leicht erhobenes Kinn, eine leise gewölbte Braue, ein Verziehen der Lippen, aber für ein beim Aufstieg auf den Schiffen geübtes Auge war es unverkennbar. Vielleicht würde ihr nichts davon helfen, aber wenn sie schon Werg zupfen musste, dann ging das nur, indem sie einen Faden fand und zog.

Der Wind frischte auf; die Böen drückten den Umhang gegen ihren Rücken und ließen ihn zu ihren beiden Seiten emporflattern. Sie nahm es kaum wahr.

Die Behüter stelten möglicherweise einen weiteren Faden dar. Sie bildeten den Abschluss, verborgen hinter den Aes Sedai, die hinter Nesune und den anderen drei ritten. Eigentlich hatte Shalon erwartet, dass zwölf Aes Sedai von mehr als sieben Behütern begleitet werden würden. Angeblich hatte jede Aes Sedai mindestens einen Behüter, wenn nicht noch mehr. Sie schüttelte gereizt den Kopf. Natürlich abgesehen von der Roten Ajah. Sie war nicht völlig unwissend, was die Rote Ajah betraf.

Aber die Frage war nicht, wie viele Behüter, sondern ob sie alle Behüter waren. Sie war sich ziemlich sicher, den ergrauten alten Damer und den so hübschen Jahar in schwarzen Mänteln gesehen zu haben, bevor sie sich plötzlich mit den Aes Sedai zusammengetan hatten. Zu diesem Zeitpunkt war sie nicht willens gewesen, sich die Schwarzmäntel genauer anzusehen, und um der Wahrheit die Ehre zu geben, war ihre Aufmerksamkeit mindestens zur Hälfte von der hübschen Ailil in Beschlag genommen gewesen, aber sie war sich sicher. Und wie auch immer Eben da hineinpasste, sie war sich fast sicher, dass die beiden anderen jetzt Behüter waren. Fast sicher. Jahar sprang genauso schnell wie Nethan oder Bassane, wenn Merise mit den Fingern schnippte, und der Art nach zu urteilen, wie Corele Damer anlächelte, war er entweder ihr Behüter oder ihr Bettwärmer, und Shalon konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau wie sie einen fast kahlen alten Mann mit einem lahmen Bein in ihr Bett holte. Sie wusste bestimmt nicht viel über die Aes Sedai, aber sie war überzeugt, dass es keine akzeptierte Praxis war, mit Männern, welche die Macht lenken konnten, den Bund einzugehen. Falls sie beweisen konnte, dass sie es getan hatten, würde sich das vielleicht als das Messer erweisen, das scharf genug war, um sich von Cadsuane freizuschneiden.

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