Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Die Franzosen hatten sich längst in den kleinen Fahrgastraum unter Deck zurückgezogen. Leonid stand unterdessen auf dem Vorderdeck -mit geschlossenen Augen, als ob er sich in Trance begeben wollte.
In geduckter Haltung versuchte Viktoria das Boot auf Kurs zu halten, während eine tiefhängende Brücke unaufhaltsam auf sie zuzura-sen schien.
Leonid fiel plötzlich auf die Knie und hockte mit gespreizten Beinen mitten auf dem Schiffsboden. War der Kerl wahnsinnig? So wie er da saß, musste er eine lebendige Zielscheibe für ihre Widersacher abgeben.
Als weitere MP-Salven in das Boot einschlugen, ging ein Ruck durch Leonids Körper, und im ersten Moment dachte Viktoria, er sei getroffen worden. Fassungslos beobachtete sie, wie sich aus seiner Mitte etwas löste, eine Art wabernder Ball, der an eine Luftspiegelung erinnerte, die durch eine große Hitze erzeugt wird. Das Phänomen war langsam genug, dass sie es mit Blicken verfolgen konnte. Es prallte auf das Boot ihrer Verfolger und warf es mit einer solchen Wucht herum, dass es sich von der Wasseroberfläche erhob und sich dann spektakulär überschlug.
Eine Moment später jedoch huschte eine dunkle Gestalt über das Deck. Offenbar war es einem ihrer Verfolger gelungen, noch vor der Kollision auf das Schiff zu springen. In der Hand hielt er eine Pistole, die er auf Viktoria richtete.
Vor Schreck verriss sie das Steuer und hielt auf eine Brücke zu. Das Schiff schwankte heftig, und der Mann verlor seinen Halt. Viktoria nutzte die Gelegenheit und suchte hinter einer Holzwand Schutz. Leonid war aus seiner Trance erwacht. Sofort eröffnete er das Feuer, während sein Widersacher sich hinter dem Abgang zum Laderaum verschanzte und ebenfalls schoss.
Viktoria sah aus einem Blickwinkel, wie der Mann sein leer geschossenes Magazin wegwarf und dann ein Messer von seinem Gürtel zog. Offenbar hatte er keine Munition mehr. Leonid schien es nicht besser zu ergehen. Auch er warf seine Waffe über Bord, allerdings besaß er kein Messer.
»Bring das Boot auf Kurs!«, brüllte er ihr zu und stürzte an ihr vorbei, um ihr den Angreifer vom Hals zu halten.
In letzter Sekunde gelang es Viktoria, eine Kollision mit einem Betonpfeiler zu vermeiden. Weil sie gleichzeitig Gas gab, schossen sie regelrecht unter der Brücke hindurch. Wasser spritzte auf, und das Boot neigte sich gefährlich nach rechts. Leonid verlor das Gleichgewicht und stürzte mit seinem Gegner quer über den Mittelsteg, der die Sitzreihen voneinander trennte.
Atemlos verfolgte Viktoria das Geschehen, so dass sie gar nicht bemerkte, dass über ihnen ein Helikopter aufgetaucht war.
»Achtung! Achtung! Federalnaja Slushba Besopasnosti! Stoppen Sie sofort die Motoren, oder wir schießen!« Die männliche Stimme aus dem Megafon hallte quer über die Moskwa.
Wie gebannt schaute Viktoria nach oben. Auf der Helikopterkufe saßen Männer in schwarzen Overalls, die mit Maschinenpistolen bewaffnet waren.
Während Viktoria vor lauter Panik einen Brechreiz verspürte, achtete Leonid nicht auf diese neue Bedrohung. Ajaci war aus seinem Versteck hervorgekommen und sprang um Leonid und seinen Gegner herum, unschlüssig, in welches Bein er sich verbeißen sollte.
Leonid gelang es, seinen Widersacher zum Heck zu drängen, um ihn über Bord zu werfen.
Plötzlich sprang Ajaci vor und jagte seine Fänge in den Oberschenkel des Angreifers. Während der Mann taumelte, gab Leonid ihm einen Stoß, so dass er bei voller Fahrt ins Wasser fiel. Mit ihm stürzte Ajaci in die Moskwa, weil er sich in das Bein des Mannes verbissen hatte.
Leonid blieb wie erstarrt stehen. Wie aus dem Nichts war ein Ausflugsdampfer unter der nächsten Brücke aufgetaucht, den Leonid in all der Hektik nicht bemerkt hatte und der nun direkt auf den Gangster und Ajaci zusteuerte. Der Kapitän setzte warnend seine Hupe ein, weil es längst zu spät war, den Kurs zu ändern. Mit einem Satz sprang Leonid in die Fluten, um Ajaci zu retten.
Viktoria blieb das Herz stehen. Verzweifelt versuchte sie, das Boot zu stoppen. Doch es blieb ihr nur, vom Gas zu gehen und mit anzusehen, wie der Ausflugsdampfer nicht nur den Angreifer, sondern auch Leonid und den Hund regelrecht überrollte.
»Leonid!« Der Schrei erstickte ihre Kehle. Zu ihren Füßen rührte sich etwas. Der Kapitän war zu sich gekommen.
Von oben plärrte immer noch die Helikopterstimme.
»Achtung! Federalnaja Slushba Besopasnosti! Stoppen Sie sofort die Motoren!«
Der Kapitän zog sich mühsam am Steuerrad hoch und tat, was man von ihm verlangte. Viktoria überlegte nicht lange. Sie riss sich die Kostümjacke samt Rock vom Leib und nahm Anlauf. Obwohl sie keine Rettungsschwimmerin war, sprang sie in Slip und BH in das eiskalte Wasser und kraulte in blinder Angst hinter dem Ausflugsdampfer her. Verzweifelt warf sie den Kopf herum. Von Leonid war weit und breit nichts zu sehen, und auch sein Widersacher tauchte nicht auf. Dafür hörte sie nicht weit entfernt ein leises Fiepen. Wie eine nasse Katze mühte sich Ajaci, den Kopf über Wasser zu halten, dabei rang er röchelnd nach Atem, weil er offenbar Wasser geschluckt hatte. Sofort schwamm sie zu ihm hin und versuchte ihn zu halten, damit er nicht ertrank.
Der Kapitän des Schiffs hatte das Boot inzwischen gewendet und zog sie und den Hund mit einiger Mühe an Bord. Er legte ihr eine Decke um und befolgte dann den Befehl von oben, an das rechte Ufer zu steuern und dort auf weitere Anweisungen zu warten. Viktoria saß zusammen mit Ajaci zitternd auf einer Bank. Das französische Ehepaar war völlig verstört aus seiner Zuflucht unter Deck wieder aufgetaucht.
»Ihre Handtasche«, sagte die Frau und hielt ihr Svetlanas weiße Lackledertasche hin. »Ich habe sie unter dem Tisch gefunden.« Viktoria bedankte sich mit einem Nicken. Geistesgegenwärtig nahm sie Svetlanas Pass heraus und ließ ihn ins Wasser fallen. Mit klopfendem Herzen beobachtete sie, wie er in den Fluten versank.
Kurz darauf seilten sich vier Männer in dunklen Overalls aus dem Helikopter ab und landeten neben dem Anleger. Zwei Limousinen fuhren vor. Ein großer, sportlicher Mann mit kurz geschorenen roten Haaren stieg aus. Er trug Zivilkleidung und stellte sich Viktoria, die immer noch in die Decken gehüllt war, in aller Form vor.
»Oberst Pokrovskij, FSB. Frau Viktoria Vanderberg?«
Sie nickte schwach.
»Ich hätte da ein paar Fragen an Sie. Wenn sie uns bitte begleiten würden?«
Eine junge Frau hatte Viktoria eine Hose und einen Kittel gegeben. Bleich und apathisch saß sie in einem kleinen Verhörzimmer. Immer wieder hatte der Oberst versucht, etwas über den Hergang ihrer Reise herauszufinden.
»Ich sage nichts ohne einen Anwalt «, lautete ihre permanente Antwort. Tausendmal war ihr dieser Spruch schon bei diversen Vorabendkrimis im Fernsehen begegnet. Nie hätte sie vermutet, ihn eines Tages aus ihrem eigenen Mund zu hören. »Außerdem möchte ich unverzüglich einen Vertreter meiner Botschaft sprechen.«