Unendlichkeit [Revelation Space - de]
- Автор: Рейнольдс Аластер
- Серия: Revelation Space (de) #1
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-18787-3
- Переводчик: Irene Holicki
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Unendlichkeit [Revelation Space - de]». Краткое содержание книги:
»Sagen Sie, dass wir siegen«, bat Sylveste. »In Gottes Namen, sagen Sie es mir!«
Sie las wie im Fieber die Statusanzeigen ab, die sich auf ihr Armband ergossen. Für einen Moment war die Feindschaft vergessen; das Band der Neugier war stärker. »Wir halten stand«, sagte sie. »Die Waffe ist inzwischen einen Kilometer tief eingedrungen und schiebt sich mit einer konstanten Geschwindigkeit von einem Kilometer pro neunzig Sekunden weiter vor. Schub steigt auf Maximalwerte; das heißt, sie trifft auf mechanischen Widerstand…«
»Was passiert sie gerade?«
»Weiß nicht«, gestand sie. »Alicias Aufzeichnungen nach sollte die falsche Kruste nur einen halben Kilometer dick sein, aber in der Außenhülle der Waffe befinden sich kaum Sensoren — sie hätten die Anfälligkeit gegen cybernetische Angriffe erhöht.«
Die Schiffskameras übertrugen eine abstrakte Skulptur auf die Projektionssphäre: einen Kegelstumpf, der mit dem schmalen Ende auf einer löchrigen, grauen Oberfläche ruhte. Ringsum entstanden immer neue Risse und Spalten, und die Blasen spien ihre Sporen so wild durch die Gegend, als seien ihre Zielsucheinrichtungen ausgefallen. Die Waffe wurde nun erheblich langsamer. Auf der Brücke war kein Laut zu hören, aber Volyova konnte sich mühelos vorstellen, was sich da unten akustisch abspielte, das ohrenbetäubende Reiben und Knirschen, das nur deshalb nicht nach außen drang, weil keine Luft da war, um den Schall zu leiten. Das Armband zeigte an, dass der Druck auf die Spitze drastisch nachgelassen hatte, als hätte der Brückenkopf die Kruste durchstoßen und sei in den darunter liegenden Hohlraum vorgedrungen: in das Reich der Schlangen.
Die Waffe wurde immer langsamer.
Totenkopfsymbole tanzten über das Armbanddisplay und meldeten, dass der Brückenkopf mit Molekularwaffen angegriffen wurde. Dagegen hatte Volyova Vorsorge getroffen. Schon verteilten sich Antikörper in der Panzerung, um die fremden Quälgeister in Empfang zu nehmen und zu bekämpfen.
Die Waffe wurde noch langsamer — und hielt an.
Sie hatte ihre endgültige Tiefe erreicht. Etwa dreizehnhundert Meter Kegel ragten noch über die von Rissen durchzogene Oberfläche hinaus; das Ganze sah aus wie eine kopflastige zylindrische Festung. Die Waffen in der Randeinfassung schossen immer noch auf die Kruste, aber die Sporen kamen jetzt aus zwanzig bis dreißig Kilometern Entfernung. Wenn sich die Kruste nicht unglaublich schnell regenerierte, stellten sie keine Bedrohung mehr dar.
Der Brückenkopf würde sich nun verankern, seine Position festigen, eine Analyse der Molekularwaffen vornehmen, die ihn bedrängten, und seine Gegenmaßnahmen genauestens darauf abstimmen.
Er hatte Volyova nicht enttäuscht.
Sie drehte ihren Sessel herum und bemerkte dabei — zum ersten Mal seit einer Ewigkeit —, dass sie den Nadler immer noch krampfhaft umklammert hielt.
»Wir sind drin«, sagte sie.
Es war wie eine Biologiestunde für Götter oder ein pornografischer Schnappschuss der Art, wie man sie auf empfindungsfähigen Planeten schätzte.
Unmittelbar nachdem sich die Waffe verankert hatte, hielt Khouri mehrere Stunden lang engen Kontakt mit Volyova, um den Überblick über die ständigen Wechselfälle der träge geführten Schlacht zu behalten. Von der Geometrie her erinnerten die beiden Protagonisten an ein zwergenhaft kleines konisches Virus, das von einer riesigen Kugelzelle zerstört wurde. Khouri musste sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass dieser winzige Konus so groß wie ein Gebirge und dass die Zelle eine Welt war.
Seither schien nicht mehr viel zu passieren, aber das lag nur daran, dass der Konflikt in erster Linie auf molekularer Ebene ausgetragen wurde, an einer unsichtbaren fraktalen Front, die sich über mehr als zehn Quadratkilometer erstreckte. Zunächst hatte Cerberus vergeblich versucht, mit hochgradig entropischen Waffen zurückzuschlagen und den Eindringling in Megatonnen atomarer Asche zu verwandeln. Dann war es zu einer Art Verdauungsstrategie übergegangen. Es versuchte zwar noch immer, den Gegner in seine Atome zu zerlegen, aber jetzt ging es systematisch vor. Wie ein Kind, das ein komplexes Spielzeug auseinander nimmt, anstatt es in Stücke zu schlagen, legte es jede Komponente sorgfältig in einem eigenen Fach ab, um sie irgendwann bei einem bisher noch nicht einmal angedachten Projekt wiederverwenden zu können. Dahinter steckte durchaus eine gewisse Logik. Die Weltraumgeschütze hatten einige Kubikkilometer der Welt vernichtet und Volyovas Angriffswaffe bestand vermutlich aus Materie mit ganz ähnlichen Elementar- und Isotopenverhältnissen wie die zerstörten Substanzen. Der Feind konnte potenziell als riesiges Reservoir für Reparaturmaterial genutzt werden und es Cerberus ermöglichen, seine eigenen, begrenzten Ressourcen zu schonen. Vielleicht hatte sich der Planet auch früher schon solche Materiedepots gesucht, um daraus die unvermeidlichen Schäden und Abriebverluste zu beheben, die über die Jahrzehntausende durch Meteoriteneinschläge und das ständige Bombardement mit kosmischer Strahlung entstanden waren. Vielleicht hatte er Sylvestes erste Sonde gar nicht aus dem übersteigerten Bedürfnis heraus geschluckt, das Geheimnis seiner Existenz zu bewahren, sondern vielmehr aus Hunger; vielleicht hatte er wie eine Venusfliegenfalle nur blind auf den Reiz reagiert, ohne irgendwie an die Zukunft zu denken.
Aber Volyovas Waffe war nicht so angelegt, dass sie sich widerstandslos verdauen ließ.
»Sieh nur, Cerberus lernt von uns«, sagte sie und rief die Baupläne von mehreren Dutzend verschiedener Komponenten des molekularen Arsenals auf, das die Welt zurzeit gegen ihre Waffe einsetzte. Das Display sah aus wie eine Seite aus einem Lehrbuch für Entomologie: eine Ansammlung von Metallinsekten mit unterschiedlicher Spezialisierung. Einige waren Disassembler: die vorderste Front des amarantinischen Verteidigungssystems. Sie griffen die Oberfläche des Brückenkopfes physisch an, lösten mit ihren Manipulatoren Atome und Moleküle heraus und zerrissen die chemischen Bindungen. Außerdem lieferten sie sich Nahkämpfe mit Volyovas Fronttruppen. Was sie an Materie ergattern konnten, gaben sie an fettere Insekten hinter den vordersten Linien weiter. Diese Einheiten ordneten und sortierten wie unermüdliche Beamte die Materieklumpen, die sie empfingen. Waren sie von einfacher Struktur, wie etwa ein einzelner, nicht differenzierter Eisen- oder Kohlebrocken, dann wurde er mit einer Recycling-Markierung versehen und an noch fettere Fabrikationsinsekten weitergeleitet, die nach internen Bauvorschriften weitere Insekten herstellten. Waren die Materieklumpen dagegen so organisiert, dass sie feste Strukturen enthielten, dann wurden sie nicht sofort zur Wiederverarbeitung freigegeben, sondern gingen an eine andere Insektenart, die sie zerlegte und auf brauchbare Prinzipien hin untersuchte. Wurden diese Insekten fündig, dann eigneten sie sich die Prinzipien an, schneiderten sie auf ihre Bedürfnisse zurecht und gaben sie an die Fabrikationsinsekten weiter. Auf diese Weise war jede Insektengeneration ein wenig höher entwickelt als ihr Vorgänger. »Sie lernen von uns«, wiederholte Volyova ebenso begeistert wie beunruhigt. »Nehmen unsere Gegenmaßnahmen auseinander und integrieren die darin enthaltene Konstruktionscharakteristiken in die eigene Strategie.«
»Das klingt ja richtig begeistert.« Khouri aß einen Apfel aus schiffseigener Produktion.