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Sophiechen und der Riese

Электронная книга - «Sophiechen und der Riese». Краткое содержание книги:

Das Waisenkind Sophiechen beobachtet eines Nachts im Waisenhaus eine seltsame Szene: Ein Riese mit großen Ohren bläst mit einer Trompete in ein Kinderzimmer. Schlimmerweise bemerkt er, daß er beobachtet wurde und nimmt Sophiechen mit ins Land der Riesen. Dort muß Sophiechen Schreckliches entdecken: Während sie mit dem GuRie, dem Guten Riesen unterwegs ist, sind die andereren neun Riesen weniger nett: Jede Nacht ziehen sie auf der Suche nach Menschenfleisch aus und schlagen sich den Bauch voll. Sophiechen ist klar, daß etwas geschehen muß, doch was soll ein kleines Mädchen gegen riesige Monster ausrichten?
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«Nein, keiner. Du mußt ja denken, daß es dann schon schummrig ist. Außerdem hat der Klumpenwürger einen schnellen Arm. Der zuckt so schnell hin und her wie ein geölter Blitz.»

«Aber wenn jeden Abend so viele Menschen verschwinden, dann fällt das doch auf!» sagte Sophiechen. «Die Welt ist ganz schön groß», sagte der GuRie. «Da gibt es über hundert verschiedene Länder. Und die Riesen sind schlau. Sie passen auf, daß sie nicht zu oft in dasselbe Land gehen. Mal sind sie hier und mal sind sie da.» «Aber trotzdem ...» sagte Sophiechen. «Und nicht vergessen», sagte der GuRie, «die menschlichen Leberwesen verschwinden überall und immerzu, auch wenn die Riesen sie nicht fressen. Die menschlichen Leberwesen machen sich gegenseitig viel öfter tot als die Riesen.»

«Aber dafür essen sie sich nicht gegenseitig auf.» «Riesen tun sich gegenseitig auch nicht auffressen», sagte der GuRie. «Und morden tun die Riesen sich auch nicht. Die Riesen sind wirklich nicht sehr lieb, aber morden tun sie sich nicht. Die Krokodilleriche töten auch keine Kro-kodilleriche. Und die Muschikatzen töten keine Muschikatzen.»

«Aber Mäuse ermorden sie», sagte Sophiechen. «Schon, schon. Aber sie ermorden nicht jemand von ihren eigenen Leuten», sagte der GuRie. «Die menschlichen Leberwesen sind die einzigen Leberwesen, die ihre eigenen Leute morden.»

«Und die Giftschlangen? Töten die sich etwa nicht gegenseitig?» fragte Sophiechen. Sie suchte verzweifelt nach irgendeinem Lebewesen, das sich genauso schlecht benimmt wie der Mensch.

«Auch die giftigsten Schlangen töten keine anderen giftigen Schlangen», sagte der GuRie. «Auch die allerschrecklichsten Tiere tun das nicht - nicht einmal die Löwenzähne und auch nicht die Brennesseln von Loch Ness! Von den eigenen Leuten wird keiner ermordet, das tut kein Tier. Hast du dir das mal überlegt?» Sophiechen sagte nichts.

«Ich versteh nicht die menschlichen Leberwesen», sagte der GuRie. «Du bist doch auch so ein menschliches Leberwesen, und du sagst doch immer, es ist gräßlichhaft und fürchterbar, daß die Riesen menschliche Leberwesen essen. Stimmt's oder hab ich recht?» «Genau», sagte Sophiechen.

«Aber die menschlichen Leberwesen bringen doch andauernd andere menschliche Leberwesen um!» sagte der Gu-Rie. «Sie ballern mit Kanonen und fliegen mit Fliegzeugen und werfen sich gegenseitig Bomben auf den Kopf. Immerzu ermorden die menschlichen Leberwesen andere menschliche Leberwesen.»

Das stimmte. Da hatte er wirklich recht, das wußte Sophiechen. Sie begann sich zu fragen, ob die Menschen eigentlich wirklich besser waren als die Riesen. «Und selbst wenn», sagte sie zur Verteidigung ihrer eigenen Gattung, «ich finde es gemein, wenn diese fiesen Riesen jeden Abend losziehen und Menschen essen gehen. Wir haben denen doch nichts getan!»

«Das sagt auch Ferkelwutz, das Schweinchen», erwiderte der GuRie. «Jedes Schweinchen, das geschlachtet wird, sagt: Den menschlichen Leberwesen hab ich doch nichts getan, warum essen sie dann mich?» «Ach ja», seufzte Sophiechen.

«Die menschlichen Leberwesen tun alles nur für sich selbst», fuhr der GuRie fort. «Aber was gut ist für die menschlichen Leberwesen, ist noch lange nicht gut für die kleinen Ferkelwutze. Stimmt's oder hab ich recht?» «Genau», antwortete Sophiechen.

«Und die Riesen tun auch nur alles für sich selbst. Und das ist nicht gut für die menschlichen Leberwesen. Jeder tut alles nur für sich selbst.» «Aber du bist doch auch dagegen, daß diese tierisch brutalen Riesen jeden Abend Menschen fressen, oder?» fragte Sophiechen.

«Bin dagegen», antwortete der GuRie mit Festigkeit. «Das stimmt, und ich hab recht. Fühlst du dich auch schön gemütlich da unten in meiner Tasche?» «Sehr gemütlich», sagte Sophiechen. Da drehte der GuRie wieder auf und ging in seine Höchstgeschwindigkeit über. Mit ungeheuren Sprüngen schoß er dahin. Sein Tempo war irrsinnig schnell. Die Landschaft zischte nur so vorüber, und Sophiechen mußte bald in Deckung gehen, weil ihr sonst bei dem heulenden Sturm der Kopf von den Schultern geweht worden wäre. Sie kauerte unten in der Tasche und horchte auf das Brausen des Fahrtwindes. Der pfiff durch das winzige Guckloch in die Tasche hinein und zerrte an ihr wie ein Orkan. Aber diesmal blieb der GuRie nicht lange auf Höchstgeschwindigkeit. Es war, als ob er ein Hindernis zu überwinden hätte - ein hohes Gebirge vielleicht oder einen Ozean oder eine gewaltige Wüste. Sobald er das Hindernis hinter sich hatte, wurde er langsamer und ging in seinen normalen Galopp über. Nun konnte Sophiechen wieder ihren Kopf herausstrecken und sich alles anschauen, was es da draußen zu sehen gab.

Sofort fiel ihr auf, daß sie jetzt in einem Land der blassen Farben angekommen waren. Hinter Nebelschleiern war die Sonne im Dunst verschwunden. Die Luft wurde kühler und kühler. Flach war das Land, es gab keine Bäume, und alles schien seine Farbe verloren zu haben.

Von Minute zu Minute wurde der Nebel dichter. Die Luft kühlte noch mehr ab und wurde nun richtig kalt, und alles sah immer noch fahler und bleicher aus, bis sie schließlich eingehüllt waren in weißliches Grau. Sie waren in ein Land gekommen, wo die Nebelschwaden wirbelten und die Dunstwolken geisterhaft wogten. Am Boden keimte ein Rasen, doch das Gras war nicht grün, sondern grau wie Asche. Nichts deutete auf ein lebendiges Wesen hin. Ringsherum herrschte tonlose Stille - bis auf das gedämpfte Wummern der Füße, während der GuRie durch das Dunstgewölk lief.

Plötzlich hielt er an. «Wir sind da - endlich!» verkündete er. Er bückte sich und holte Sophiechen aus seiner Westentasche und stellte sie auf den Boden. Da stand sie nun in ihrem Nachthemdchen mit nackten Füßen. Sie zitterte und schaute um sich in die wirbelnden Nebelschwaden und gespensterhaft wogenden Dünste. «Wo sind wir denn hier?» fragte sie. «Im Traumland sind wir», sagte der GuRie. «Wir sind da, wo die Träume herkommen.»

Wie man Träume fängt

Der gute Riese stellte den Koffer ab. Dann bückte er sich weit nach unten, so daß sein Riesengesicht ganz nah an Sophiechens Gesicht herankam. «Jetzt müssen wir so leise sein wie die Mucksmäuschen», flüsterte er.

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