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Napoleons letzte Schlacht

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Napoleons letzte Schlacht
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Er schlich sich leise vorwärts und lauschte.

„Also du bist ihm nicht gut?“ fragte die männliche Stimme.

„Nein, ganz und gar nicht“, antwortete die weibliche in einem tiefen, rauhen Alt.

„Aber er ist doch dein Liebhaber.“

„Wer sagt das?“

„Ich habe es gesehen.“

„Wann?“

„Vorgestern am Zaun. Da habt Ihr euch geküßt.“

„Er mich, aber ich ihn nicht.“

„Aber du hast mit ihm getanzt.“

„Mit anderen auch.“

„Aber mit mir nicht.“

„Dummkopf! Du wirst mein Mann und bist mir also sicher.“

„Ah, so! Aber ich will doch mit meiner Geliebten auch einmal tanzen.“

„Warte, bis sie deine Frau ist.“

„Und wenn ich dich nun nicht zur Frau haben mag!“

„So läßt du es bleiben! Aber dann wirst du auch kein reicher Mann, der den Wein aus Krügen trinkt und den Tabak aus Meerschaumpfeifen raucht.“

„Du redest nur stets von Reichtum. Wovon soll ich reich werden?“

„Durch mich!“

„Durch dich?“ ertönte es lachend. „Was besitzt du denn? Einen Rock, zwei Hemden, zwei Strümpfe, eine Schürze, eine Jacke, ein Tuch und ein paar Holzschuhe. Das ist dein ganzer Reichtum!“

„Dummkopf! Muß man denn seinen Reichtum auf dem Leib tragen?“

„Wo denn?“

„Den versteckt man.“

„Ah! Man gräbt ihn zum Beispiel ein?“

„Ja.“

„Du? Du hättest Geld vergraben?“

„Ja.“

„Wo denn?“

„Das geht dich jetzt noch nichts an. Das erfährst du erst, wenn du mein Mann bist.“

„Donnerwetter! Wenn das wahr wäre! Ist's wahr?“

„Dummkopf! Würde ich dir es sagen, wenn es nicht wahr wäre!“

„Ja, das mag richtig sein. Wieviel ist es denn?“

„Rate einmal!“

„Tausend Franken?“

„Noch mehr!“

„Fünftausend Franken?“

„Vielmehr!“

„Zehntausend?“

„Noch lange nicht genug!“

„Aber du machst mich ja ganz stupid! Für zehntausend Franken kann ich mir doch ein schönes Haus oder gar ein Bauernhaus kaufen!“

„Dummkopf! Was liegt mir an einem Haus oder an einem Bauerngut! Ein Schloß will ich haben, ein Schloß mit Türmen und großen Fenstern!“

Es entstand eine Pause, dann ertönte die männliche Stimme wieder.

„Aber dazu gehört ja mehr als eine Million!“

„Auch diese habe ich.“

„Mädchen, du bist verrückt!“

„Dummkopf! Ist man verrückt, wenn man mehr als eine Million hat?“

„O nein! Da ist man im Gegenteil sehr gescheit. Aber von wem hast du das Geld?“

„Von meinem Vater.“

„Der ist ganz arm, blutarm!“

„Hat er nicht erst vor zwei Wochen drin in der Gaststube achtzig Franken im Spiel verloren?“

„Ja, das ist wahr. Wo hat er das Geld her?“

„Das kann ich nicht sagen.“

„Also, um alles zu erfahren, muß ich erst dein Mann sein?“

„Natürlich!“

„Hahahaha! Dann wäre ich in Wirklichkeit der Dummkopf, wie du mich immer nennst!“

„Ach, du glaubst mir nicht?“

„Nein. Ich lasse mich nicht fangen. Jetzt lockst du mich zum Heiraten; aber nach der Hochzeit hast du keinen Franken, viel weniger eine Million.“

Wieder entstand eine Pause, nach welcher die weibliche Stimme fragte:

„Also du magst mich nicht?“

„Mit leeren Versprechungen nicht.“

„Aber ich sage ja die Wahrheit!“

„Beweise es!“

„Wenn ich dir jetzt alles sage, so verrätst du es und heiratest mich nicht!“

„Unsinn! Ich möchte gar so gern reich sein, und wenn ich es durch dich werden kann, so werde ich es doch nicht verraten!“

„Aber wenn nun ein bißchen Unrecht dabei wäre?“

„Das ist mir egal!“

„Wenn der Schatz einem anderen gehörte?“

„Das wäre ihm recht! Mag er nicht so dumm sein und sein Geld vergraben!“

„Er ist ja gar nicht so dumm gewesen. Es ist ihm genommen und dann vergraben worden.“

„Mag er es sich nicht nehmen lassen. Wer war es denn?“

„Kein Mann und keine Person, sondern der Staat.“

„Der Staat? Ach, dem können wir das Geld nehmen, er hat es ja erst von uns! Es ist also wohl gar eine Kasse?“

„Ja.“

„Donnerwetter, eine Kriegskasse also? Wohl gar dieselbe, welche damals so gesucht wurde? Wo steckt sie?“

„Das erfährst du jetzt noch nicht. Du weißt einstweilen genug.“

„Nein, ich weiß nicht genug. Das von der Kriegskasse kannst du dir erst ausgesonnen haben, um mich zu fangen; ich beiße aber an diese Angel nicht an.“

„Ja, was willst du denn noch wissen?“

„Wo sie liegt.“

„Droben in den Bergen. Nicht weit von Bouillon.“

„Ah! Kennst du den Ort?“

„Nein; aber mein Vater weiß ihn.“

„Woher weiß er ihn denn?“

„Dummkopf; weil er selbst die Kriegskasse dort vergraben hat!“

„Er selbst? Ach, so ist er es gewesen, der sie damals gestohlen hat?“

„Ja. Aber du wirst ihn doch nicht verraten?“

„Fällt mir gar nicht ein! Aber teilen muß er mit mir! Verstanden?“

„Das tut er auch, wenn du mich zur Frau nimmst.“

„Aber ich setze den Fall, er tut es nicht, wenn ich dann dein Mann bin?“

„So schlage ich ihn tot und nehme ihm das Geld ab. Ja, gewiß, das tue ich.“

„Donnerwetter! So hast du mich also sehr lieb?“

„Würde ich dich sonst zum Mann haben wollen und dir so viel Geld geben?“

„Ja, du hast recht. Aber woher weißt du, daß sie bei Bouillon vergraben liegt?“

„Der Vater sagte es mir.“

„Aber wenn er dich belogen hat?“

„Ich bin ihm nachgegangen, als er Geld holte; ich habe mich überzeugt.“

„So mußt du doch den Ort gesehen haben!“

„Nein. Er lief mir zu schnell; ich verlor ihn aus den Augen. Ich mußte also umkehren. Aber als er dann nach Hause kam, hatte er alle Taschen voller Goldstücke.“

„Ah, ich danke dir! Weißt du, daß Fabier dich betrügt?“

„Inwiefern?“

„Er läuft der Tochter in der Waldschenke nach.“

„Ah, das hast du also auch gewußt? Ja, er hätte mir mein Geld abgenommen und es zu ihr hingetragen. Aber ich bin pfiffiger als er. Ich nehmen einen Mann, den ich eher betrügen kann, als er mich. So muß man es machen.“

Fast hätte Königsau laut aufgelacht und sich dadurch kläglich verraten.

„Du meinst also, mich betrügen zu können? Da muß ich außerordentlich vorsichtig zu Werke gehen, um nicht zu sehr über das Ohr gehauen zu werden!“

„Tue das immerhin! Deine Klugheit habe ich nicht zu fürchten. Aber jetzt habe ich nicht länger Zeit zu unnützen Gesprächen. Gehe fort und komme lieber heute abend wieder, wenn meine Arbeit beendet ist. Adieu.“

Königsau hörte das laute, klatschende Geräusch eines schallenden Schmatzes und dann eilig sich entfernende Schritte. Er trat an eins der Laubengangfenster und blickte hindurch. Er sah ein sehr untersetzt gebautes Mädchen, schmutzig gekleidet und mit wirr um den Kopf hängenden Haaren, das Gesicht voller Blatternarben und Sommersprossen. Das Wesen sah eher einer Stumpfsinnigen, als einem normalen Menschen ähnlich, und der boshafte Blick des kleinen Auges machte es noch abstoßender. Das also war Barchands Tochter, die Nebenbuhlerin der schönen Berta Marmont! Welch ein Unterschied zwischen beiden!

Der sich Entfernende war ein Mensch mit Säbelbeinen und einem ungeheuren Kopf. Als er sich noch einmal umdrehte, um seiner Geliebten zuzulächeln, bildete dieses beabsichtigte Lächeln eine höchst verunglückte Fratze, welche sich wie eine tragische Larve um sein Gesicht legte.

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