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Napoleons letzte Schlacht

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Napoleons letzte Schlacht
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„Warum?“

Jetzt zog eine tiefe, tiefe Glut über ihr Gesicht, und sie antwortete stockend:

„Weil – weil – – – oh, sie ist sehr böse auf uns.“

„Warum denn, mein Kind? Vielleicht kann ich helfen.“

Da legte sie plötzlich die Hand vor die Augen und bog das Köpfchen nieder. Königsau sah eine Fülle herrlichen Haares sich auflösen und sah Tränentropfen zwischen den kleinen, zarten Fingern hervorquellen – sie weinte.

Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille im Zimmer; dann sagte er im mildesten Ton:

„Ich habe Ihnen sehr weh getan, mein gutes Kind. Nicht wahr?“

Da hob sie langsam den Kopf, sah ihn durch Tränen an und antwortete:

„O nein, Monsieur. Ich höre vielmehr, daß Sie es gut mit mir meinen. Und darum will ich Ihnen etwas sagen. Kennen Sie den Weg, den Sie zu reiten haben?“

„Im einzelnen nicht.“

„Nun, er macht von hier aus einige Krümmungen. Ist Ihnen das kleine Liedchen bekannt: ‚Ma chérie est la belle Madeleine‘?“

„Ja.“

„Nun gut. Wenn Sie an der fünften Krümmung von hier ankommen, so steht am Rand des Dickichts rechter Hand ein Kreuz. Dort ist einmal einer ermordet worden. Sobald Sie dieses Kreuz sehen, singen Sie dieses Lied. Sie können doch singen, Monsieur?“

„Ein wenig.“

„Wenn Sie nicht gern singen, so pfeifen Sie wenigstens die Melodie.“

„Warum?“

„Oh, das darf ich ja doch nicht sagen.“

„So werde ich es Ihnen sagen. Hinter dem Kreuz stecken die verborgen, welche zuweilen zu Ihnen kommen. Sie lauern den Wanderern auf. Wer aber das Lied singt, oder pfeift, dem tun sie nichts, weil er unter ihrem Schutz steht.“

„Mein Gott, ich verbiete Ihnen streng, das zu verraten.“

„Ihr Verbot kommt zu spät“, sagte er lächelnd.

„Monsieur, ich bitte Sie um Gottes willen!“

„Ich werde keinem Menschen etwas sagen.“

„Oh, einem doch!“

„Wem?“

„Dem Kutscher der gnädigen Frau müssen Sie sagen, daß er heute abend das Lied pfeifen soll, sobald er an das Kreuz kommt. Der gnädigen Frau geschieht nichts; aber da bei Nacht ihr Wagen nicht genau zu erkennen ist, kann er sehr leicht verwechselt werden.“

„Ich werde das besorgen, liebes Kind. Aber haben Sie noch nicht daran gedacht, daß Sie sich zum Mitschuldigen dieser Verbrecher machen, wenn Sie deren Tun und Schlupfwinkel kennen, ohne sie anzuzeigen?“

„Ich weiß das, Monsieur. Aber sie würden mich und Mutter töten. Soll ich die Mörderin meiner eigenen Mutter werden?“

„Sie könnten ja fliehen, bis alle vernichtet sind!“

„Vernichtet? Oh, es stehen immer wieder neue und andere auf. Dieser Fabier –“

Sie hielt inne und errötete abermals vor Verlegenheit. Der zuletzt genannte Name fiel Königsau auf.

Es war aus den Mienen des Mädchens sicher zu erkennen, daß der Name Fabier ihm verhaßt sei, und Königsau hielt sich davon sofort überzeugt.

„Fahren Sie fort, Mademoiselle.“

„O bitte, ich wollte nichts sagen, Monsieur.“

„Aber Sie nannten ja einen Namen!“

„Er entschlüpfte mir nur so.“

„Sagten Sie nicht Fabier?“

„Ja.“

„So ist Ihnen vielleicht auch der Name Barchand bekannt?“

Da hob sie schnell den Kopf empor und fragte:

„Barchand? Oh, kennen Sie ihn?“

„Ich weiß es nicht genau. Waren diese beiden vielleicht auch hier im Wald?“

„Ja.“

„Nun, sie werden nicht wiederkommen.“

„Warum?“ fragte sie überrascht, und zwar sichtlich in freudiger Weise.

„Sie sind tot.“

„Ist dies wahr, wirklich wahr, Monsieur?“

„Gewiß!“

„Sie können es beschwören?“

„Mit allen Eiden der Welt.“

„Gott sei Lob und Dank! Wissen Sie, Barchand war einer der Anführer dieser bösen Leute, welche mich und meine Mutter so belästigen. Und Fabier war mein Dämon, mein böser Geist.“

„Ah, er liebte Sie?“

„Er sagte es. Noch gestern früh war er hier und sagte, daß er heute als ein sehr reicher Mann zurückkehren werde. Dann solle ich seine Frau werden oder sterben.“

„So hat er die Tochter Barchands betrogen!“

„Hat er das? Hat er ihr gesagt, daß er sie liebe?“

„Ja, um ihren Vater zu gewinnen.“

„Und woher wissen Sie das alles?“

„Ich habe sie vor ihrem Tod belauscht. Ich will Ihnen nun aufrichtig sagen, daß Fabier Barchand getötet hat, aber zur Strafe und um meiner eigenen Sicherheit willen, habe ich ihn dann selbst erschossen.“

„Sie? Ihn?“ fragte sie, als könne sie es nur schwer glauben und begreifen.

„Ja, mit dieser meiner Hand. Ich habe auch beide eingescharrt.“

Da holte sie tief Atem und faltete die Hände.

„Monsieur“, sagte sie, „bereuen Sie Ihre Tat nicht! Sie haben ein gottgefälliges Werk vollbracht. Sie sind mein Retter und der Retter vieler anderer geworden. Dieser Fabier hätte mich noch in den Tod getrieben; denn ich verabscheute ihn.“

„Ja, Sie lieben ja einen anderen.“

„Einen anderen?“ fragte sie errötend.

„Gewiß! Sie selbst haben es mir ja gesagt und gestanden.“

„Ich? Unmöglich!“ antwortete sie.

„Oh, nicht Ihre Worte, sondern Ihr Erröten, Ihre Verlegenheit haben es mir verraten.“

Sie wollte sich abwenden, er aber hielt sie bei den Händen fest und sagte:

„Darf ich es sagen, wen sie lieben, Mademoiselle?“

„Sie wissen es nicht! Sie können es nicht wissen!“ widerstrebte sie.

„Und doch weiß ich es. Der junge Baron ist es, dem Ihr Herz gehört.“

„Monsieur!“ rief sie erbleichend.

„Darum wurde Ihr Großvater entlassen.“

„Sie irren.“

„Und darum wurde die Frau Baronin so bös auf Sie, mein Kind.“

„Sie sind sehr grausam, Monsieur!“

„O nein. Ich möchte Ihr Freund sein und Ihnen helfen. Hat der Baron Ihnen bereits gesagt, daß auch er Sie liebhat?“

Sie schüttelte leise das Köpfchen.

„Aber er ist freundlich, liebreich und zuvorkommend gegen Sie gewesen? Er ist so zu Ihnen gewesen, wie man nur zu einem Mädchen ist, welches man liebhat?“

Sie nickte langsam und zog dann ihre Hand aus der seinigen.

„Monsieur“, sagte sie, „ich weiß gar nicht, wie das kommt, daß ich Ihnen das alles mitteile. Ich wage, Ihnen Dinge zu sagen, welche ich niemals einem anderen mitgeteilt habe. Meine Aufrichtigkeit könnte mich in große Gefahr bringen.“

„Niemals, mein Kind, denn es wird kein Mensch erfahren, daß Sie es sind, die mir dies alles gesagt hat. Wenn ein wirklich guter Mensch zu einem anderen kommt, so öffnet sich selbst das verschlossenste Herz. Das ist die Macht, welche ein ehrliches, offenes Menschenangesicht ausübt. Nun aber ist meine Zeit abgelaufen. Ich hoffe, daß ich Sie wiedersehe. Kehrt die Baronin nicht bei Ihnen ein?“

„Niemals.“

„Kommt der Baron auch nicht?“

„Zuweilen“, gestand sie.

„Wo ist Ihre Mutter?“

„Sie ist oben beschäftigt.“

„Und darf ich Ihren Namen wissen?“

„Ich heiße Berta.“

„Und wie noch?“

„Berta Marmont.“

„Ich danke. Leben Sie wohl, Mademoiselle Berta! Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre freundliche Warnung. Gott lasse Sie recht, recht glücklich werden.“

Er reichte ihr seine Hand. Sie hielt dieselbe fest, sah ihm voll in die Augen und fragte:

„Sie werden auch gewiß meine Warnung befolgen?“

„Gewiß.“

„Sie werden singen: Ma chérie est la belle Madeleine!“

„Ich werde es pfeifen. Weiterhin, von dem Kreuz ab ist der Wald wohl sicher?“

„Ja, bis La Chêne; ob jenseits noch, weiß ich nicht.“

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