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Napoleons letzte Schlacht

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Napoleons letzte Schlacht
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Während er so allein im Zimmer saß, dachte er an den Baron. Dieser war jedenfalls ein leichtlebiger, gutherziger Kavalier. Wußte er, daß Margot die Verlobte Königsaus war? Jedenfalls nicht, wie sich aus seinen Reden vermuten ließ. Übrigens hatte Frau Richemonte bei ihrer Ankunft auf dem Meierhof es unterlassen, den Lieutenant als ihren künftigen Schwiegersohn vorzustellen. Sie hatte ihn einfach als ihren Freund bezeichnet. Königsau kannte den Grund, welcher sie dazu bestimmt hatte, nicht, aber er sagte sich, daß die vergangenen Ereignisse wohl Ursache geboten hätten, selbst gegen Verwandte vorsichtig zu sein.

Nach einiger Zeit kehrte der Baron zurück und meldete, daß gesattelt sei. Er öffnete einen Kasten und zog zwei Doppelpistolen hervor, welche er Königsau überreichte.

„Sind sie geladen?“ fragte dieser.

„Nein. Ich bin ein Mann des Friedens und habe nur selten geschossen. Diese Waffen aber sollen vorzüglich sein; sie sind ein Erbteil meines Vaters, welcher Offizier war. Munition ist da.“

„So erbitte ich mir das Nötige.“

Der Baron brachte Kugeln, Pulver und Zündhütchen herbei. Königsau lud die Pistolen und fragte dabei:

„Woran kann man das Geschirr erkennen, in welchem die Damen kommen?“

„Es ist eine ziemlich alte Staatskarosse aus der Zeit Ludwigs des Fünfzehnten.“

„Und die Pferde?“

„Ein Schimmel und ein Brauner.“

„Ist außer dem Kutscher noch Dienerschaft dabei?“

„Leider nein, obgleich ein Hintersitz für den Diener vorhanden war.“

„Ich danke, Monsieur! Ich werde mich sofort auf den Weg machen.“

„Werden Sie mit zurückkehren?“

„Ich werde die Damen bis zum Meierhof begleiten und dann sehen, ob die Frau Baronin mir Veranlassung gibt, mit einzutreten.“

„Gut. Auf alle Fälle aber empfehle ich Ihnen Vorsicht an.“

„Ich werde sie nicht außer acht lassen.“

Die beiden Männer begaben sich in den Hof hinaus, wo ein brauner Wallach auf den Reiter wartete. Königsau stieg auf. Er gab sich hier das Benehmen eines sehr mittelmäßigen Reiters und wurde, da der Herr des Hofes bei ihm war, von dem Posten ohne Schwierigkeit durchs Tor gelassen. Er hatte dabei ganz das Aussehen eines gewöhnlichen Arbeitsmannes, der es gewagt hat, einen Botenritt zu unternehmen, sich aber recht unbehaglich auf dem Gaul fühlt.

So ritt er eine Strecke langsam im Schlendergang fort, sobald aber Roncourt mit dem Meierhof hinter ihm lag, setzte er dem Pferd die Sporen in die Seiten und brachte es erst in Trab und dann sogar in Galopp.

Der Weg zog sich fast ununterbrochen durch den Wald, und zwar höchst einsam. Rechterhand lief ein Flüßchen in zahllosen Windungen dahin, und zur Linken war nichts zu sehen als ohne alle Abwechslung Baum an Baum.

Nur einmal gab es ein einsames Häuschen, für den müden Wanderer zur Einkehr errichtet. Königsau stieg hier ab, um eine kleine Erfrischung zu genießen und sich zu erkundigen.

Als er eintrat, sah er ein junges Mädchen am Spinnrad sitzen; sonst war niemand vorhanden. Es erhob sich und fragte freundlich nach seinem Begehr, doch war zu bemerken, daß es ihn mit einem – man möchte sagen – mitleidig besorgten Blick betrachtete.

„Kann ich ein Glas Wein haben?“ fragte er.

Dabei bot er dem Mädchen zum Gruß die Hand, die es auch nahm und leise berührte.

„Ja, gern“, antwortete es.

Es brachte das Verlangte, setzte es vor ihn hin und ließ dann wieder das Rad fleißig schnurren, aber sein Auge flog öfters verstohlen zu ihm hinüber. Er bemerkte dies wohl, aber er tat nicht, als ob er es sehe. Es lag in diesen Blicken des Mädchens etwas, was ihn aufmerksam werden ließ.

„Wie weit hat man noch bis La Chêne populeux?“ fragte er endlich.

„Sie müssen eine gute Stunde reiten“, antwortete es. „Wollen Sie dorthin?“

„Ja.“

„Wohl gar noch weiter?“

„Allerdings. Ich reite möglicherweise bis nach Vouziers.“

„O weh“, entfuhr es ihr.

„Warum o weh?“ fragte er.

Es errötete, senkte verlegen die Augen und antwortete stockend:

„Weil – weil es bis dahin Nacht sein wird.“

„Schadet das etwas?“

Jetzt hob die Gefragte den Blick empor und antwortete:

„Die Nacht ist keines Menschen Freund. Und dieser Wald ist so lang, so sehr lang.“

Da ging er näher auf sein Ziel los, indem er sie fragte:

„Man hat mir gesagt, daß es in diesem Wald nicht so recht geheuer sei. Ist dies wahr, Mademoiselle?“

Sie zögerte mit der Antwort, blickte ihn abermals forschend an und fragte dann, anstatt ihm eine Antwort zu geben:

„Sie sind hier fremd, Monsieur?“

„Ja.“

„Aber Sie reiten doch ein hiesiges Pferd.“

„Kennen Sie es?“

„Ja. Es gehört nach dem Meierhof Jeannette.“

„Das stimmt. Sind Sie dort bekannt?“

„Oh, sehr gut. Ich bin sogar das Patenkind der Frau Baronin. Mein Großvater war Diener des seligen gnädigen Herrn.“

„Ah, so kennen Sie auch die Karosse der gnädigen Baronin?“

„Gewiß. Sie ist heute früh hier vorübergefahren.“

„Nun, mein Kind, ich will der Frau Baronin entgegenreiten.“

Da fuhr sie beinahe von dem Schemel empor, auf welchem sie saß.

„Der gnädigen Frau entgegenreiten?“ fragte sie, indem ihr schönes Gesichtchen eine plötzliche Angst verriet. „Ist das wahr?“

„Jawohl“, antwortete er.

„Mein Gott, so kehrt die Baronin erst des Nachts heim?“

„Wahrscheinlich.“

„Aber wer soll da ihren Wagen erkennen!“

Dieser Ausruf war jedenfalls sehr zweideutig. Königsau fragte daher:

„Ist es denn notwendig, daß ihr Wagen erkannt wird?“

„Ja, freilich!“ antwortete sie schnell, aber unbesonnen. „Es darf ihr ja kein Leid geschehen!“

„Wer könnte ihr denn etwas tun?“

Diese Frage brachte sie zu der Erkenntnis, daß sie mehr gesagt habe, als sie jedenfalls beabsichtigt hatte. Über ihr hübsches, aufrichtiges Gesicht legte sich die Röte der Verlegenheit, und sie antwortete erst nach einer kleinen Pause:

„Oh, Monsieur, Sie fragten mich vorhin, ob es wahr sei, daß es hier im Wald nicht so recht geheuer ist. Man hat Ihnen recht berichtet. Es gibt im Wald böse Menschen, denen nicht zu trauen ist.“

„Und Sie kennen diese Menschen?“ fragte er, einen eindringlichen Blick auf sie richtend.

Ihre Wimpern lagen längere Zeit fest über den Augen, ehe sie antwortete:

„Monsieur, ich wohne ganz allein hier mit meiner Mutter. Es kommen sehr oft Leute, welche wir nicht kennen dürfen, sonst würde es uns schlimm ergehen.“

„Aber, liebes Kind, warum bleibt Ihr da hier wohnen?“

„Oh, wir wollten gern fort, aber es geht nicht. Als Vater dieses Haus kaufte, da war es im Wald sicher und gut. Es kamen nur ehrliche Leute zu uns, und wir hatten unsere Freude an dem Heimwesen. Da aber brach der Krieg aus, und nun füllte sich das Land mit schlimmen Leuten, welche alle bei uns einkehrten. Vater wurde von einem erschossen. Großvater wurde von der Baronin entlassen und starb auch bald. So war ich mit Mutter allein. Wir dürfen niemand verraten, sonst sind wir verloren.“

„So verkauft das Haus.“

„Wer kauft es uns ab, Monsieur?“

„So bittet die Baronin um Hilfe. Sie ist gut und wird Euch den Wunsch nicht abschlagen.“

„Sie hat ihn uns bereits abgeschlagen“, antwortete das Mädchen leise und langsam.

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