Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
56
Die Überquerung des Äquators
Am Vorabend des Tages, an dem Surcouf den Äquator zu überqueren gedachte – besser gesagt, an jenem Tag -, rief der wachhabende Matrose gegen drei Uhr eines schönen Septembermorgens: »Segel in Sicht!«
Sogleich kam Surcouf aus seiner Kajüte geeilt.
»Welchen Kurs hält es?«, fragte er.
»Es kommt aus Nordwesten und scheint in Richtung Südosten zu fahren, was hieße, dass es die gleiche Route wie wir hätte.«
Kaum hatte Surcouf dies vernommen, als er sich vom Schanzdeck in die Wanten und von dort auf den Mars des Großmasts hangelte.
Bei den Worten »Schiff in Sicht!«, diesem Zauberwort der Meere, sprangen die Matrosen, die Wache hatten, auf Rahen und Marsen, um sich ein Bild von der Kampfkraft des Schiffs zu machen, mit dem man zu tun haben würde und das eine ähnliche Route wie die Revenant zu verfolgen schien, nur dass es höchstwahrscheinlich vom Golf von Mexiko kam. Die Revenant verlangsamte ihre Fahrt und manövrierte sich auf Gefechtsdistanz zu dem englischen Schiff, denn Surcouf wollte es in Augenschein nehmen und sich die Möglichkeit vorbehalten, anzugreifen oder die Flucht zu ergreifen. Von beiden Schiffen aus wurde aufmerksam observiert, und diese Observation nahm an die zwei Stunden in Anspruch. Der Tag brach an, und die Farben am Firmament verblassten, als der Engländer an der Wendigkeit und Schnelligkeit der Revenant, am Schnitt ihrer Segel und an ihren hohen Masten erkannte, dass er es mit einem Kaperschiff zu tun hatte. Sogleich verkündete das englische Schiff mit einem Kanonenschuss, dass es sich zu erkennen geben wolle, und die Flagge Großbritanniens stieg wie eine düstere Flamme in der Takelage empor, bis sie an der Spitze des Besanmasts verharrte.
Die Kanonenkugel sauste über die Wasseroberfläche, berührte die höchsten Wellenkämme und flog über das Kaperschiff hinweg, bevor sie hinter ihm im Wasser verschwand.
Surcouf sah ungerührt zu, als ginge ihn das alles nichts an. Doch obwohl er sich bisher nicht vergewissert hatte, ob das englische Schiff, mit dem er sich anlegen wollte, ein Handelsschiff war, ließ er mit einem Pfiff für Stille sorgen und befahl dann: »Alle Mann achtern antreten!«
Die Mannschaft sammelte sich um das Dach der Treppe, auf dem er es sich bequem gemacht hatte und das ihm bei besonderen Anlässen als Wachtbank diente; er wollte sich unmittelbar an seine Leute wenden, ohne sich zuvor mit seinen Offizieren darüber zu beraten, ob man es wagen könne, das englische Schiff anzugreifen, denn er wusste, dass man ihm geraten hätte, von einem so waghalsigen Unterfangen Abstand zu nehmen: Obwohl niemand wissen konnte, dass die Mannschaft an Bord des Engländers doppelt so viele Leute zählte wie die der Revenant und dass zusätzlich Soldaten an Bord waren, konnte man die vielen Uniformen auf Deck gut erkennen.
»Schön und gut«, rief Surcouf in seiner kurzen Ansprache, »das ist ein gewaltig großes Schiff, aber schließlich kein Kriegsschiff, sondern ein Schiff der englischen Handelsflotte. Wir sind zwar nicht stark genug, um es durch Kanonenbeschuss in die Knie zu zwingen, aber wir werden es entern; jeder soll sich bewaffnen. Zum Dank für den tollkühnen Überfall, den ihr vollbringen werdet, gebe ich euch eine Stunde zum Plündern auf eigene Rechnung.«
Ohne zu zaudern, eilten alle unter Jubelrufen an ihren Posten und bewaffneten sich. Der Waffenmeister teilte an die Männer Entersäbel und Streitäxte aus, lange Pistolen und Dolche, diese gefährlichen Waffen des Nahkampfs. Die Marsgäste schmückten ihre Mastkörbe mit kupfernen Musketen und Granatenfässern, während die Quartiermeister furchterregende Enterhaken vorbereiteten.
Zur gleichen Zeit schlugen die zwei Wundärzte mithilfe der Krankenpfleger ihr Feldlazarett am Eingang der Luke auf. Die Arzneikiste mit ihren Fläschchen und Medikamenten wurde vorbereitet, und neben ihr errichtete man eine Pyramide aus Scharpie, Kompressen und Verbandmaterial; etwas weiter weg ging von der Aderpresse, den chirurgischen Instrumenten und dem Nähbesteck der unheimliche Glanz polierter, funkelnder Instrumente aus, und der Operationstisch und die Matratzen, die der Unglücklichen harrten, die sie aufnehmen würden, vervollständigten die Vorbereitungen der Sanitäter und hinterließen ein Gefühl der Traurigkeit.
Ein schrilles, langes Pfeifen war der Befehl für alle, sich auf Posten zu begeben und sich gefechtsbereit zu halten.
Der englische Kapitän, der auf seine Überlegenheit vertraute, stellte sein Schiff in den Wind, um wieder in Gefechtsposition zu gelangen; außerdem schickte er einen Offizier zu den Passagieren, die noch ruhten, um sie einzuladen – auch die Damen -, auf die Poop zu kommen, um dem Schauspiel beizuwohnen, das im Kapern oder Versenken eines französischen Kaperschiffs bestand.
Als Surcouf das Manöver des Gegners sah, wendete er ebenfalls und näherte sich ihm; er segelte jetzt über Steuerbordbug und hatte das englische Schiff steuerbords; er fuhr so nahe an dem Engländer vorbei, dass er den Namen Standard lesen konnte, und als die Standard sich im Windschatten der Revenant befand, schickte sie ihr eine ganze Breitseite, ohne dass Surcouf das Feuer erwiderte. Die Schäden an der Revenant beschränkten sich auf durchlöcherte Segel und zerfetztes Tauwerk, was schnell zu beheben war.
Surcouf sieht die vielen Soldaten auf dem Deck des Gegners, lässt ein Dutzend lange Piken an zwölf Matrosen ausgeben, die sich mitten auf Deck aufstellen und von Surcouf angewiesen werden, auf die eigenen Männer ebenso wie auf die Gegner einzuschlagen, falls Erstere zurückweichen und Letztere vorrücken. Die Mastkörbe sind besetzt, und ihre Besatzung hat ausreichend Granaten zur Hand, die Kupferrohre der Musketen spiegeln die Sonnenstrahlen, und die besten Schützen an Bord der Revenant legen sich auf dem im Wasser befindlichen Mastwerk und in den Schaluppen in den Hinterhalt, um wie von einer Schanze aus auf die englischen Offiziere zu schießen.
Gleichzeitig füllt sich die Poop des Engländers mit eleganten Ladys und vornehmen Gentlemen – Schaulustigen, die mit bloßem Auge, mit Lorgnetten und Operngläsern den Kampf verfolgen wollen.
»Mein Kapitän«, sagt Bléas zu Surcouf, »haben Sie auch den Eindruck, dass diese Weiberwelt und diese Dandys da oben sich über uns lustig machen wollen? Sehen Sie nur, wie sie neckisch grüßen und winken, als wollten sie sagen: ›Gute Reise, Herrschaften, wir werden Ihr Schiff versenken; bitte langweilen Sie sich nicht zu sehr am Meeresgrund.‹«
»Lassen Sie sie prahlen«, erwidert Surcouf, »und ärgern Sie sich nicht über die hübschen Püppchen; Sie wissen so gut wie ich, dass sie in weniger als einer Stunde demütig und unterwürfig gesenkten Hauptes vor uns stehen werden. Sehen Sie lieber, wie dieser dreiste Kanonier einen Kopf kürzer wird.«
In der Tat hatte sich ein schöner junger Mann ohne Kopfbedeckung, dessen blonde Haare im Wind wehten, hinter der Verschanzung hervorgewagt, um seine Kanone zu laden. Surcouf zielt auf ihn, die Kugel fährt ihm durch die Haare, ohne seinen Kopf zu streifen, er erhebt die Hand zu einer verächtlichen Gebärde in dem Glauben, er könne sich zurückziehen, bevor Surcouf sein Gewehr laden kann, doch er macht die Rechnung ohne Surcoufs doppelläufige Donnerbüchse; Surcouf feuert, und diesmal stürzt der junge Mann nieder wie ein gefällter Baum, umschlingt seine Kanone mit beiden Armen, rutscht an ihr mit den Beinen zuerst hinunter, kann sich noch einen Augenblick mit gefalteten Händen am Rohr festhalten, bis die Kraft ihn verlässt und der Verwundete ins Wasser fällt und verschwindet. Dieser Tod, den er in allen Einzelheiten mit ansah, beeindruckte Surcouf zutiefst.
»Alle Mann an Deck hinlegen bis zu neuer Ordre!«, ruft er nach kurzem Schweigen, als er seine Gefühle bezwungen hat.