Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
Ich drückte mich eng an die Mauer, aber das Licht oder vielmehr, die ganz winzige Verringerung von Finsternis vergrößerte sich weder noch flackerte sie, wie es eine Fackel getan hätte, die von unten hoch getragen wurde.
Es war auch nicht das rotgelbe Licht einer Laterne. Es war nur ein nicht ganz so tiefes Schwarz. Und ich mußte wirklich immer noch an der Zeitkrankheit leiden, denn ich brauchte fünf Minuten, bis mir eine weitere Möglichkeit einfieclass="underline" Der Grund für die pechschwarze Finsternis konnte auch sein, daß es Nacht war, und ich mich doch in einem Turm befand. Und daß der Ausgang unten war.
Nachdem ich mir zum zweiten Mal fast das Genick gebrochen hätte und meine Hand noch übler aussah, kapierte ich endlich, daß ich bloß eine halbe Stunde länger warten mußte, bevor ich genug sehen konnte, wo ich hintrat, und den Ausgang erreichte, ohne mich dabei umzubringen.
Ich setzte mich auf die Stufen, lehnte den Kopf gegen die Mauer und beobachtete, wie das Grau um mich herum wuchs.
Ich hatte den Schluß gezogen, daß Dunkelheit Verlies bedeutete, und als Konsequenz daraus hatte ich lauter falsche Folgerungen abgeleitet. War das auch eine Folge der Inkonsequenz? Stimmte eine unserer Annahmen nicht?
Die Geschichte strotzte vor solch falschen Schlüssen — Napoleon, der annahm, Ney hätte Quatre Bas eingenommen, Hitler, der annahm, die Alliierten würden in Calais landen, König Harolds Sachsen, die annahmen, die Truppen von Wilhelm dem Eroberer zögen sich zurück, und in die Falle tappten.
Hatten wir uns über die Inkonsequenz auch getäuscht? Gab es eine andere Sichtweise, die alles erklären konnte — vom Fehlen eines Schlupfverlustes bei Veritys Sprung angefangen bis zu seinem sprunghaften Anstieg im Jahr 2018? Eine Sichtweise, in die alles hineinpaßte — Prinzessin Arjumand, Carruthers und des Bischofs Vogeltränke, die ganzen idiotischen Wohltätigkeitsbasare und Geistlichen, von dem Hund ganz zu schweigen — eine, die alles erklärte?
Ich mußte eingeschlafen sein, denn als ich die Augen öffnete, war es heller Tag, und Stimmen näherten sich die Treppe hoch.
Erschrocken blickte ich mich in dem engen Turm um, als ob es dort ein Versteck gäbe, dann rannte ich die Treppe hinauf.
Ich hatte schon mindestens fünf Stufen hinter mich gebracht, als mir einfiel, daß ich sie ja zählen mußte, damit ich das Netz wiederfand. Sechs, sieben, acht, zählte ich lautlos und bog um die nächste Kurve. Neun, zehn, elf. Lauschend blieb ich stehen.
»Habetir deket dazdac?«fragte die Frau.
Es klang wie Mittelenglisch, was hieß, ich war wirklich im Mittelalter.
»Guotefrouwe Boethenneher, diu schifer nihtsin komen«, erwiderte der Mann.
»Dazdac muoz komen diuz wohe anein end«, sagte die Frau. Der Mann darauf: »Daz wirtniht gan.«
Zwar konnte ich die Worte nicht verstehen, aber eine solche Unterhaltung hatte ich unzählige Male zuvor gehört, unter anderem erst vor ein paar Tagen vor dem Südportal von St. Michael’s. Die Frau wollte wissen, wann etwas fertig wurde. Der Mann suchte sich rauszureden. Die Frau, offenbar eine frühe Ahnin von Lady Schrapnell, sagte, es sei ihr gleichgültig, es müsse bis zum Fest fertig sein.
»Daz wirtniht dan, guotefrouwe Boethenneher«, sagte der Mann. »Mir habetniht man so vil.«
»Ez mouz sin, Gruwens«, sagte die Frau.
Man hörte, wie Stein auf Stein schlug, dann schnappte sie: »Sicht, Gruwens! Diusze steppe is komen dohin.«
Sie schnauzte ihn wegen der losen Stufe an. Ausgezeichnet. Ich hoffte, sie machte ihm richtig die Hölle heiß.
»Macetdaz noch hiut«, sagte sie.
Sie stiegen immer noch höher. Ich schaute hoch zur Turmspitze und überlegte, ob weiter oben eine Plattform oder ein Türmzimmer war.
»Wirttan noch hiut, guotefrouwe Boethenneher.«
Botoner. War das hier vielleicht Ann Botoner oder Mary, die den Spitzturm der Kathedrale von Coventry erbaut hatte? Und dieses hier der Turm?
Ich stieg weiter nach oben, wobei ich versuchte, keinen Lärm zu machen und lose Stufen zu vermeiden. Neunzehn, zwanzig.
Oben war eine Plattform, von der aus man ins Innere des Turms sehen konnte. Ich schaute hinunter. Ein offener Bereich. Der Glockenturm. Oder vielmehr, wo die Glocken gewesen wären, wenn man sie bereits aufgehängt hätte. Jetzt dämmerte es mir. Ich war im Turm der Kathedrale von Coventry, im Jahr, als er erbaut wurde. 1395.
Ich hörte die beiden nicht mehr. Also ging ich wieder zur Treppe und versuchsweise zwei Stufen hinunter. Und prallte fast mit ihnen zusammen.
Sie standen direkt unter mir. Ich konnte das Oberteil einer weißen Haube sehen. Ich sprang schnell auf die Brüstung zurück, rannte dann weiter die Treppe hoch und trat fast auf eine Taube.
Sie flatterte auf, wie eine Fledermaus nach mir schlagend, dann an mir vorbei und auf die Brüstung.
»Huosz!« rief die Dame Botoner. »Huosz! Tiufelsbruot!«
Ich wartete, zur Flucht bereit, bemüht, nicht laut zu atmen, aber sie kamen nicht näher. Ihre Stimmen hallten eigenartig, als gingen sie zur anderen Seite der Brüstung, und nach einer Minute kroch ich wieder hinunter, damit ich sie sehen konnte.
Der Mann trug einen braunen Kittel sowie Lederhosen und hatte einen gequälten Ausdruck im Gesicht. Gerade schüttelte er den Kopf. »Nee, guotefrouwe Marree« sagte er. »Niht vor zwi wohen«
Mary Botoner. Neugierig betrachtete ich Bischof Bittners Urahnin, die ein rotbraunes Gewand trug, dessen Schlitze in den aufgebauschten Ärmeln ein gelbes Unterkleid zeigten und das mit einem breiten Gürtel geschlossen war, der ziemlich weit unten hing. Ihre Leinenhaube schloß sich eng um ihr rundes, nicht mehr ganz junges Gesicht, und sie erinnerte mich an jemanden. Lady Schrapnell? Mrs. Mering? Nein, jemand älteres. Mit weißem Haar?
»Muouz sin diuz wohe!« Sie deutete über die Brüstung.
Der Handwerker schüttelte vehement den Kopf. »Daz wirtniht gan, guotefrouwe Boethenneher.«
Die Frau stampfte mit dem Fuß auf. »Ez muoz sin, Gruwens.« Damit wandte sie sich von der Brüstung weg zur Treppe.
Ich duckte mich schnell, um nicht gesehen zu werden, bereit, gleich wieder aufzutauchen, aber die Unterhaltung war offenbar beendet.
»Aber, guotefrouwe Boethenneher…« Der Handwerker folgte ihr.
Ich kroch den beiden hinterher, immer eine Kurve über ihnen.
»Gotimhimel kann nit…« jammerte der Handwerker.
Ich war beinahe beim Netz.
»Waz is diuz?« fragte die Frau.
Vorsichtig schlich ich eine Stufe tiefer, dann noch eine, bis ich die beiden sehen konnte. Mary Botoner wies auf etwas an der Wand.
»Auch diuz«, sagte sie, und ich sah genau über ihrem Kopf einen leichten Schimmer, gleich einem Heiligenschein.
Nicht jetzt, dachte ich. Nicht nachdem ich eine ganze Nacht gewartet habe.