Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Nein.«
»Den berühmten Duport, den Tänzer, hast du nicht gesehen? Nun, dann wirst du mich auch nicht verstehen. Sieh einmal her, was ich kann!«
Natascha faßte, die Arme kreisförmig biegend, ihr Kleid, so wie das die Ballettänzerinnen tun, lief einige Schritte weg, wirbelte herum, machte einen Entrechat, schlug mit den Beinen aneinander und ging einige Schritte auf den äußersten Spitzen der Füße.
»So stehe ich! Siehst du wohl?« sagte sie; aber sie konnte sich nicht lange so auf den Zehen halten. »Siehst du, das kann ich! Ich werde nie heiraten, sondern Tänzerin werden. Aber du darfst es niemand sagen.«
Rostow lachte so laut und lustig los, daß Denisow in seinem Zimmer ordentlich neidisch wurde. Auch Natascha konnte sich nicht bezwingen und lachte mit ihm zugleich.
»War es aber nicht gut?« fragte sie mehrmals dazwischen.
»Gewiß! Sehr gut! Also Boris willst du nicht mehr heiraten?«
Natascha wurde dunkelrot.
»Ich will niemand heiraten. Das will ich auch ihm selbst sagen, sobald ich ihn wiedersehe.«
»Na, nun sieh einmal an!« sagte Rostow.
»Aber das ist alles nur dummes Zeug«, plauderte Natascha weiter. »Sag mal, ist Denisow nett?« fragte sie.
»Jawohl, sehr nett.«
»Na, jetzt auf Wiedersehen! Zieh dich nur schnell an. Er ist wohl ein Mensch, vor dem man sich fürchten muß, dieser Denisow?«
»Warum sollte man sich vor ihm fürchten?« fragte Nikolai. »Nein, Waska ist ein prächtiger Mensch.«
»Du nennst ihn Waska? Wie komisch! Also er ist sehr nett?«
»Jawohl, sehr nett.«
»Na, dann komm nur recht bald zum Teetrinken. Es sind schon alle beisammen.«
Natascha hob sich wieder auf die Zehenspitzen und ging in der Manier der Ballettänzerinnen aus dem Zimmer; aber ihr Lächeln war von der Art, wie nur glückliche fünfzehnjährige Mädchen lächeln.
Als Nikolai im Salon mit Sonja zusammentraf, errötete er. Er wußte nicht, wie er mit ihr verkehren sollte. Gestern hatten sie sich in der ersten Freude des Wiedersehens geküßt; aber heute hatten sie die Empfindung, daß sie dies nicht länger tun durften; er fühlte, daß alle, sowohl die Mutter als auch die Schwestern, ihn fragend ansahen und darauf gespannt waren, wie er sich gegen Sonja benehmen werde. Er küßte ihr die Hand und nannte sie »Sie«. Aber seine und ihre Augen sagten, wenn sie einander trafen, »Du« zueinander und küßten sich zärtlich. Sie bat durch ihren Blick um Verzeihung dafür, daß sie gewagt hatte, ihn durch ihre Abgesandte, Natascha, an sein Versprechen zu erinnern, und dankte ihm für seine Liebe. Er dankte ihr durch seinen Blick dafür, daß sie ihm die Freiheit angeboten hatte, und sagte ihr, daß er weder so noch so jemals aufhören werde, sie zu lieben, weil er eben gar nicht anders könne, als sie lieben.
»Wie sonderbar ist es doch«, bemerkte Wjera, einen Augenblick, wo alle schwiegen, benutzend, »daß Sonja und Nikolai sich jetzt ›Sie‹ nennen und miteinander wie Fremde verkehren.«
Wjeras Bemerkung war richtig, wie alle ihre Bemerkungen, machte aber, wie das häufig der Fall war, wenn Wjera ihre Ansichten aussprach, auf alle Hörer einen peinlichen Eindruck. Das war nicht nur bei Sonja, Nikolai und Natascha zu merken, sondern sogar die alte Gräfin, die befürchtete, ihr Sohn könne sich durch diese Liebe zu Sonja um eine glänzende Partie bringen, errötete wie ein junges Mädchen. Da trat gerade Denisow in den Salon, und zwar zu Rostows Erstaunen in einer neuen Uniform, pomadisiert und parfümiert, kurz: ebenso stutzerhaft, wie er bei Gefechten zu erscheinen pflegte, und benahm sich gegen die Damen als ein so liebenswürdiger Kavalier, wie es Rostow nie von ihm erwartet hätte.
II
Als Nikolai Rostow jetzt von der Armee nach Moskau zurückgekehrt war, wurde er von seinen Angehörigen als der beste Sohn und Bruder, als tapferer Held und überhaupt als der liebe, prächtige Nikolai aufgenommen. Seinen übrigen Verwandten erschien er als ein netter, angenehmer junger Mann von respektvollem Benehmen. Und das Urteil seiner Bekannten war: ein hübscher Husarenleutnant, ein flotter Tänzer und einer der besten Heiratskandidaten von ganz Moskau.
Die Rostowsche Familie war mit ganz Moskau bekannt. Geld hatte in diesem Jahr der alte Graf hinreichend, da er wieder neue Hypotheken auf alle seine Güter aufgenommen hatte, und daher verbrachte Nikolai seine Zeit in sehr vergnüglicher Weise; unter anderm hatte er sich einen eigenen Traber angeschafft sowie ganz moderne Reithosen von besonderer Art, wie sie noch niemand in Moskau hatte, und moderne Stiefel mit ganz schmalen Spitzen und kleinen silbernen Sporen. Nach seiner Rückkehr in das Elternhaus kostete er nun das angenehme Gefühl aus, sich nach einer längeren Zwischenzeit wieder in die alten Lebensverhältnisse hineinzufinden. Er hatte die Vorstellung, daß er sehr mannhaft geworden und körperlich und geistig sehr gewachsen sei. Seine ehemalige Verzweiflung über das Nichtbestehen der Prüfung in der Religion, seine kleinen Anleihen bei Gawriil für Droschkenfahrten, die heimlichen Küsse mit Sonja: alles das erschien ihm bei der Rückerinnerung wie Kindereien, die schon unendlich weit hinter ihm lagen. Jetzt war er ein Husarenleutnant mit silbernen Schnüren am Dolman und mit dem Georgskreuz; er fuhr seinen Traber zum Wettrennen ein, zusammen mit bekannten Sportsmännern, älteren, vornehmen Herren. Er war mit einer am Boulevard wohnenden Dame bekannt, die er abends zu besuchen pflegte. Er dirigierte die Mazurka auf dem Ball bei Archarows, unterhielt sich mit dem Feldmarschall Kamenski über den Krieg, verkehrte im Englischen Klub und duzte sich mit einem vierzigjährigen Obersten, mit dem ihn Denisow bekanntgemacht hatte.
Seine Leidenschaft für den Kaiser hatte in Moskau ein wenig nachgelassen. Aber da er ihn nicht sah und keine Möglichkeit hatte, ihn zu sehen, so erzählte er dafür häufig von dem Kaiser und von seiner Liebe zu ihm, wobei er durchblicken ließ, daß er noch nicht alles erzähle, und daß es mit seiner Liebe zum Kaiser noch eine besondere Bewandtnis habe, die andern Leuten nicht verständlich sei; und von ganzer Seele teilte er das zu jener Zeit in Moskau allgemeine Gefühl unbeschränkter Verehrung für den Kaiser Alexander Pawlowitsch, dem man damals in Moskau den Beinamen »der Engel in Menschengestalt« gegeben hatte.
In der kurzen Zeit, die Rostow in Moskau blieb, ehe er wieder zur Armee reiste, kam er Sonja nicht näher, sondern wurde ihr vielmehr fremder. Sie war sehr schön und nett und offenbar leidenschaftlich in ihn verliebt; aber er befand sich gerade in jener Phase des Jugendalters, wo ein junger Mann meint, so viel zu tun zu haben, daß ihm keine Zeit bleibe, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen, wo er fürchtet, sich zu binden, wo er seine Freiheit über alles schätzt, die er seiner Ansicht nach zu so vielem andern nötig hat. Wenn er während dieses Aufenthaltes in Moskau an Sonja dachte, dann sagte er sich: »Ach was! Solche jungen Mädchen wird es noch viele, viele geben, und gibt es auch anderwärts viele, viele, die ich noch nicht kenne. Mit der Liebe kann ich mich immer noch abgeben, sobald ich Lust dazu bekomme; aber jetzt habe ich keine Zeit.« Außerdem empfand er den Umgang mit weiblichen Wesen als eine Art Herabwürdigung seiner Männlichkeit. Er besuchte ja Bälle und verkehrte in Damengesellschaft, stellte sich aber dabei, als tue er das nur widerwillig. Die Pferderennen, der Englische Klub, die Trinkgelage mit Denisow, die Besuche bei der Dame am Boulevard, das war etwas anderes; das paßte für einen flotten jungen Husaren!
Anfang März war der alte Graf Ilja Andrejewitsch Rostow damit beschäftigt, ein Diner im Englischen Klub zu Ehren des Fürsten Bagration zu arrangieren.
Der Graf ging im Schlafrock im Saal auf und ab und erteilte dem Ökonomen des Englischen Klubs und dem berühmten Küchenchef des Klubs, Feoktist, seine Anweisungen über manches, was für dieses Diner nötig war: Spargel, frische Gurken, Erdbeeren, Kalbfleisch und Fische. Der Graf war seit dem Tag der Gründung des Klubs Mitglied desselben und gehörte zum Vorstand. Es war gerade ihm vom Klub das Arrangement des Festessens für Bagration übertragen worden, weil kaum ein anderer ein Diner so großzügig und opulent zu veranstalten verstand wie er, und namentlich auch, weil kaum ein anderer so wie er bereit war, Geld aus eigener Tasche zuzulegen, wenn es zur schöneren Ausgestaltung des Festessens erforderlich schien. Der Koch und der Ökonom hörten mit vergnügten Gesichtern die Anweisungen des Grafen an, weil sie wußten, daß es bei niemandem leichter möglich war, an einem Diner, das einige tausend Rubel kostete, selbst etwas Erkleckliches zu profitieren.