Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
Er erhob sich.
»Nein, um Gottes willen, nein!« begann sie ängstlich und flehentlich zu ihm stürzend und wieder seine Hand ergreifend, »haben Sie Erbarmen mit mir; was wird dann mit mir sein?«
Er setzte sich und sie auch.
»Aber ich liebe Sie, Oljga Sjergejewna«, sagte er fast barsch. »Sie haben gesehen, was mit mir in diesem halben Jahr vorgegangen ist! Was wollen Sie denn; vollen Triumph? Daß ich verkomme und wahnsinnig werde? Ich danke ergebenst!«
Sie wechselte die Farbe.
»Gehen Sie!« sagte sie voll Würde, unterdrücktem Schmerz und tiefer Traurigkeit, die sie nicht verbergen konnte.
»Verzeihung, ich bin Ihnen gegenüber schuldig!« bat er sie. »Wir haben uns gezankt, bevor wir uns noch irgend etwas klar gemacht haben. Ich weiß, daß Sie das nicht wollen können, Sie können sich aber auch nicht in meine Lage versetzten, und darum erscheint Ihnen mein Wunsch, zu fliehen, seltsam. Der Mensch wird manchmal unbewußt zum Egoisten.«
Sie änderte die Stellung auf dem Sessel, als ob sie unbequem säße, sagte aber nichts.
»Nun, und wenn ich dableibe, was kommt dabei heraus?« fuhr er fort. »Sie werden mir natürlich Ihre Freundschaft anbieten, die ich aber ja auch ohnehin besitze. Wenn ich verreise, wird sie mir auch in einem Jahr und in zwei Jahren sicher sein. Die Freundschaft ist etwas sehr Schönes, Oljga Sjergejewna, wenn sie zwischen jungen Männern und Frauen Liebe heißt oder zwischen alten Leuten Erinnerung an Liebe ist. Aber Gott behüte uns davor, daß sie von der einen Seite Freundschaft und von der anderen Liebe sei. Ich weiß, daß Sie sich in meiner Gesellschaft nicht langweilen, was empfinde aber ich, wenn ich mit Ihnen zusammen bin?«
»Ja, wenn es so ist, dann verreisen Sie in Gottes Namen!« flüsterte sie kaum hörbar.
»Dableiben!« überlegte er sich laut. »Auf der Klinge eines Messers stehen, das ist eine schöne Freundschaft!«
»Und geht es mir denn besser?« entgegnete sie unerwartet.
»Ihnen?« fragte er lebhaft. »Sie ... Sie lieben ja nicht ...«
»Ich weiß nicht, ich schwöre es, ich weiß nicht! Aber wenn Sie ... wenn mein gegenwärtiges Leben sich irgendwie verändert, was geschieht dann mit mir?« fügte sie traurig, fast flüsternd hinzu.
»Wie soll ich das verstehen? Erklären Sie es mir, um Gottes willen!« sagte er, den Sessel an sie heranschiebend, durch ihre Worte und den innerlichen, wahrhaften Ton, in welchem sie gesprochen wurden, betroffen.
Er bemühte sich, ihr Gesicht zu sehen. Sie schwieg. In ihr brannte der Wunsch, ihn zu beruhigen, das Wort »gequält« ungesagt zu machen oder es anders zu erklären, als er es aufgefaßt hatte; sie wußte aber selbst nicht, wie sie das beginnen sollte, sie fühlte nur dunkel, daß sie sich beide unter dem Druck eines verhängnisvollen Mißverständnisses in falscher Lage befanden, daß sie beide darunter litten, daß nur er oder sie mit seiner Hilfe in die Vergangenheit und die Gegenwart Ordnung und Klarheit bringen konnte. Aber dann müßte man den Abgrund überschreiten und ihm eröffnen, was sie erlebt hatte; wie wünschte und wie fürchtete sie sein Urteil!
»Ich verstehe selbst nichts; ich befinde mich noch mehr als Sie im Chaos und Dunkel!« sagte sie.
»Sagen Sie, glauben Sie mir?« fragte er, ihre Hand ergreifend.
»Grenzenlos, wie einer Mutter - das wissen Sie«, antwortete sie leise.
»Erzählen Sie mir doch, was mit Ihnen seit unserer Trennung vorgegangen ist. Sie sind jetzt für mich undurchdringlich, und früher habe ich Ihre Gedanken von Ihrem Gesicht abgelesen; ich glaube, daß es das einzige Mittel ist, damit wir einander verstehen. Sind Sie mit mir einverstanden?«
»Ach ja, das ist unvermeidlich ... Man muß irgendwie ein Ende machen ...« sprach sie bange, das nahe Geständnis voraussehend. Nemesis! Nemesis! dachte sie, den Kopf auf die Brust herabsenkend.
Sie blickte zu Boden und schwieg. Und ihm hatten diese einfachen Worte und noch mehr ihr Schweigen Entsetzen eingeflößt.
Sie quält sich! O Gott! Was war mit ihr? dachte er mit kaltem Schweiß auf der Stirn und fühlte, daß ihm die Hände und Füße zitterten. Er stellte sich etwas sehr Furchtbares vor. Sie schwieg immer noch und kämpfte sichtlich mit sich.
»Also ... Oljga Sjergejewna ...« trieb er sie zur Eile an.
Sie schwieg und machte eine nervöse Bewegung, die man im Dunkel nicht unterscheiden konnte, man hörte nur ihr seidenes Kleid knistern.
»Ich sammle Mut«, sagte sie endlich. »Wenn Sie wüßten, wie schwer das ist!« fügte sie dann hinzu, sich zur Seite abwendend und den Kampf zu Ende zu führen bemüht.
Sie wünschte, Stolz möchte das Ganze nicht aus ihrem Mund, sondern durch ein Wunder erfahren. Zum Glück dunkelte es schon, und ihr Gesicht war schon im Schatten; nur die Stimme konnte sie verraten, und die Worte wollten ihr nicht von der Zunge, als wüßte sie nicht recht, in welchem Ton sie beginnen sollte. Mein Gott! Wie schuldig ich sein muß, wenn ich mich so schäme und es mir so weh ums Herz ist! peinigte sie sich innerlich.
Und war es denn lange her, daß sie so selbstbewußt ihr eigenes und ein fremdes Schicksal gelenkt hatte und so klug und stark war? Und jetzt war an sie die Reihe gekommen, wie ein kleines Mädchen zu zittern! Scham über die Vergangenheit, die Qual der verletzten Eitelkeit in der Gegenwart und die ganze falsche Stellung peinigte sie ... Es war unerträglich!
»Ich werde Ihnen helfen ... Sie ... haben geliebt ...« sagte Stolz mit Mühe, so weh taten ihm die eigenen Worte.
Sie bestätigte seine Annahme durch ein Schweigen. Und ihn wehte Entsetzen an.
»Wen denn? Ist das ein Geheimnis?« fragte er, bemüht, mit fester Stimme zu sprechen, fühlte aber, daß ihm die Lippen zitterten.
Und sie quälte sich noch mehr! Sie wollte einen anderen Namen nennen und eine andere Geschichte erzählen. Sie schwankte einen Augenblick lang, es war aber nichts zu machen; sie sagte plötzlich, wie ein Mensch, der sich im Augenblick der höchsten Gefahr vom steilen Ufer oder in die Flammen stürzt: »Oblomow.«
Er erstarrte. Ein paar Minuten lang hielt das Schweigen an.
»Oblomow!« wiederholte er erstaunt, »das ist nicht wahr!« fügte er dann überzeugt mit gesenkter Stimme hinzu.
»Es ist wahr!« sagte sie ruhig.
»Oblomow!« wiederholte er nochmals. »Das ist unmöglich!« sagte er dann. »Da stimmt etwas nicht: Sie haben sich, Oblomow oder endlich die Liebe selbst nicht begriffen.«
Sie schwieg.
»Das ist keine Liebe, das ist etwas anderes, sage ich!« wiederholte er beharrlich.
»Ja, ich habe mit ihm kokettiert, habe ihn an der Nase herumgeführt und unglücklich gemacht ... und jetzt nehme ich, Ihrer Meinung nach, Sie in Angriff?« sagte sie mit zurückgehaltener Stimme, in der wieder Tränen der Kränkung erklangen.
»Liebe Oljga Sjergejewna! Seien Sie nicht böse und sprechen Sie nicht so; das ist nicht Ihre Art. Sie wissen, daß ich das alles nicht denke. Aber ich kann es mir nicht vorstellen, ich begreife nicht, wie Oblomow ...«
»Er ist doch aber Ihrer Freundschaft würdig; Sie wissen nicht, wie hoch Sie ihn schätzen sollen. Warum ist er denn der Liebe nicht wert?« verteidigte sie ihn.
»Ich weiß, daß die Liebe weniger anspruchsvoll ist als die Freundschaft«, sagte er, »sie ist manchmal sogar blind, und man liebt nicht der Verdienste wegen - das stimmt alles. Aber für die Liebe ist etwas anderes, sind manchmal Kleinigkeiten notwendig, etwas, das weder zu bestimmen noch zu nennen ist und das mein unvergleichlicher, aber plumper Ilja nicht besitzt. Deshalb wundere ich mich. Hören Sie«, fuhr er lebhaft fort, »wir werden so niemals ans Ziel gelangen und einander verstehen. Schämen Sie sich nicht der Einzelheiten, schonen Sie sich eine halbe Stunde lang nicht, erzählen Sie mir alles, und ich werde Ihnen sagen, was es war und vielleicht auch, was sein wird ... Mir scheint immer, daß es nicht das Richtige war ... Ach, wenn es so wäre!« fügte er eifrig hinzu. »Wenn es Oblomow und kein anderer war! Oblomow! Das bedeutet ja, daß Sie nicht der Vergangenheit und nicht der Liebe angehören, sondern daß Sie frei sind ... Erzählen Sie, erzählen Sie schnell!« schloß er mit ruhiger, fast fröhlicher Stimme.