Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
»O Gott, wie reif ist sie geworden! Wie dieses Mädchen sich entwickelt hat! Wer war denn ihr Lehrer? Wo hat sie das Leben erlernt? Beim Baron? Aus seinen glatten, geckenhaften Phrasen ist nichts zu schöpfen. Doch nicht bei Ilja! ...«
Und er konnte Oljga nicht begreifen, kam am nächsten Tag wieder zu ihr, las dann vorsichtig und ängstlich in ihrem Gesicht, wobei er oft in Verlegenheit geriet und nur mit Zuhilfenahme seiner ganzen Vernunft und Lebenskenntnis die Fragen, Zweifel und Forderungen besiegte - alles das, was sich in Oljgas Zügen widerspiegelte. Er begab sich mit der Fackel der Erfahrung in den Händen in das Labyrinth ihres Verstandes und Gemütes und entdeckte und studierte täglich neue Züge und neue Tatsachen, ohne noch den Grund zu entdecken, und verfolgte nur erstaunt und beunruhigt, wie ihr Geist täglich neue Nahrung verlangte und ihre Seele ohne Unterlaß nach Erfahrungen und Betägigung suchte.
Dem ganzen Leben und der Tätigkeit von Stolz gesellte sich mit jedem Tage ein anderes Leben und eine andere Tätigkeit hinzu; nachdem er Oljga mit Blumen umringt hatte, nachdem er sie mit Büchern, Noten und Albums versorgt hatte, beruhigte sich Stolz, da er die freie Zeit seiner Freundin für genügend ausgefüllt hielt, und ging arbeiten oder fuhr irgendein Bergwerk oder ein mustergültiges Gut besichtigen, oder er ging in Gesellschaft, um mit neuen hervorragenden Menschen bekannt zu werden; dann kehrte er müde zu ihr zurück, wollte sich ans Klavier setzen und den Tönen ihrer Stimme lauschen. Statt dessen sah er aber auf ihrem Gesicht schon neue Fragen und in ihrem Blick ein beharrliches Verlangen nach Aufklärung auftauchen. Und er gab ihr unmerklich und unwillkürlich nach und nach Rechenschaft darüber, was er besichtigt hatte und weshalb er es getan hatte. Manchmal äußerte sie den Wunsch, das, was er gesehen und erfahren hatte, selbst zu sehen und zu erfahren. Und er wiederholte seine Arbeit und fuhr mit ihr, um ein Gebäude, eine Gegend, eine Maschine zu besichtigen oder eine alte Begebenheit von den Mauern und Steinen abzulesen. Er hatte sich allmählich unmerklich daran gewöhnt, in ihrer Anwesenheit laut zu denken und zu fühlen, und erfuhr, als er sich eines Tages streng prüfte, daß er nicht mehr allein, sondern zu zweien lebte und daß er dieses Leben seit dem Tage von Oljgas Ankunft führte. Er schätzte vor ihr wie vor sich selbst fast unbewußt die von ihm erworbenen Schätze ab und wunderte sich über sich und über sie; dann prüfte er sorgfältig, ob in ihrem Blick keine Frage zurückblieb, ob das Leuchten des befriedigten Geistes sich über ihr Gesicht verbreitete und ob ihr Blick ihm wie einem Sieger das Geleite gab. Wenn das geschah, ging er stolz und voller Aufregung nach Hause und bereitete sich in der Nacht lange Zeit heimlich für morgen vor. Die langweiligsten Arbeiten erschienen ihm nicht trocken, sondern nur notwendig; sie näherten ihn dem Innern des Lebensgewebes. Die Gedanken, die Beobachtungen und Erlebnisse wurden nicht schweigend dem Archiv des Gedächtnisses einverleibt, sondern hauchten jedem Tag glühende Farben ein. Wie glühte Oljgas bleiches Gesicht, wenn er, ohne ihren fragenden, düsteren Blick abzuwarten, vor ihr voll Feuer und Energie den neuen Vorrat, das neue Material ausbreitete! Und wie vollkommen glücklich war er, wenn ihr Geist voll Aufmerksamkeit und anmutiger Demut sich seinen Blick und jedes Wort aufzufangen beeilte und sie beide wachsam aufpaßten: er, ob in ihren Augen keine Frage zurückblieb, und sie, ob in ihm nicht noch etwas Ungesagtes verborgen war, ob er nicht etwas vergessen hatte, und vor allem, ob er es nicht für nötig hielt, ihr irgendeinen dunkeln, für sie schwer zugänglichen Punkt zu erwähnen und ihr seine Gedanken zu erläutern. Je wichtiger und komplizierter die Frage war, je aufmerksamer er sie in dieselbe einführte, desto länger und forschender ruhte ihr dankbarer Blick auf ihm und desto wärmer, tiefer und dankbarer wurde er.
Oljga, dieses Kind, wächst mir über den Kopf! dachte er erstaunt.
Er dachte über Oljga so viel nach, wie er noch nie über etwas nachgedacht hatte.
Im Frühjahr reisten sie alle in die Schweiz. Stolz hatte noch in Paris eingesehen, er könne von nun an nicht mehr ohne Oljga leben. Nachdem er diese Frage gelöst hatte, begann er zu überlegen, ob Oljga ohne ihn leben könne. Doch diese Frage war nicht so leicht zu beantworten. Er nahm sie langsam, allmählich und vorsichtig in Angriff, ging bald tastend, bald kühn vorwärts und glaubte sich schon nahe am Ziele, er mußte nur noch ein unzweifelhaftes Symptom, einen Blick, ein Wort, eine Regung der Langeweile oder der Freude erhaschen; es fehlte ihm noch eine kleine Linie, eine kaum merkliche Bewegung von Oljgas Augenbrauen, ein Seufzer, und morgen würde das Geheimnis gelöst werden! Er wurde geliebt! Auf ihrem Gesichte las er ein kindliches Vertrauen zu ihm; sie blickte ihn manchmal so an, wie sie es sonst niemand gegenüber tat und wie sie nur eine Mutter anblicken würde, wenn sie eine hätte. Sein Kommen, der Umstand, daß er ihr seine freie Zeit und ganze Tage widmete, wurde von ihr nicht als ein Gefallen, als eine schmeichelhafte Äußerung von Liebe und als eine Liebenswürdigkeit, sondern einfach als eine Pflicht angesehen, als wäre er ihr Bruder, ihr Vater und sogar ihr Gatte; und das war viel, das war alles. Sie war mit ihm in jeder Äußerung und jedem Schritte so offen und aufrichtig, als ob seine Worte für sie eine unbestreitbare Bedeutung hätten und sie seine Autorität anerkannte. Er wußte auch, daß er diese Autorität besaß; sie bestätigte das jeden Augenblick, sagte, daß sie nur ihm glaubte und sich im Leben auf ihn allein und sonst auf niemand blind verlassen könnte. Das machte ihn natürlich stolz, doch darauf hätte ja auch irgendein älterer, kluger und erfahrener Onkel und sogar der Baron stolz sein können, wenn er ein Mensch von tiefem Verstande und von Charakter gewesen wäre. Es blieb aber eine ungelöste Frage, ob das ein Symptom von Liebe war! Gesellte sich diesem Glauben an die Autorität ein wenig von dem berückenden Selbstbetrug, von jener schmeichelhaften Verblendung hinzu, bei der die Frau bereit ist, sich auf eine grausame Weise zu irren und durch diesen Irrtum glücklich zu sein? ... Nein, sie fügte sich ihm so bewußt. Es ist wahr, ihre Augen leuchteten, wenn er ihr irgendeinen Gedanken entwickelte oder seine Seele vor ihr bloßlegte; sie überflutete ihn mit den Strahlen ihres Blickes, aber man sah stets die Ursache. Und in der Liebe wird ein Verdienst blind und unbewußt anerkannt, und gerade in dieser Blindheit und Unbewegtheit liegt das Glück. Wenn sie gekränkt war, sah man gleich den Grund. Er ertappte sie nie auf einem plötzlichen Erröten, auf einer Freude oder Angst und fing niemals einen sehnsuchtsvollen oder flammenden Blick bei ihr auf, und wenn er irgend etwas Ähnliches zu erhaschen glaubte, wenn es ihm schien, ihr Gesicht hätte sich vor Schmerz verzerrt, als er ihr sagte, er würde nächstens nach Italien reisen, wenn sein Herz in diesen ihm teuren, seltenen Augenblicken zu erstarren und sich mit Blut zu füllen begann, verhüllte sich alles wieder in einen Schleier, und sie fügte naiv und offen hinzu: »Wie schade, daß ich mit Ihnen nicht hinreisen kann, ich hätte so große Lust! Sie werden mir aber alles erzählen und so wiedergeben, als ob ich selbst dort gewesen wäre.«
Und der Zauber wurde durch diesen offenen, vor ihm nicht verheimlichten Wunsch und durch dieses förmliche, banale Lob für sein Erzählertalent zerstört. Sowie er die kleinsten Züge gesammelt hatte, sowie es ihm gelungen war, das feine Gewebe fertigzustellen und ihm nur mehr irgendeine Masche fehlte, die er jetzt gleich haben würde ... wurde sie plötzlich wieder ruhig, gleichmäßig, einfach und manchmal sogar kalt. Sie saß mit ihrer Handarbeit schweigend da, hörte zu, indem sie ab und zu den Kopf hob und auf ihn so neugierige, fragende und sachliche Blicke richtete, daß er mehr als einmal ärgerlich das Buch fortwarf oder irgendeine Erklärung abbrach, aufsprang und fortging. Wenn er sich umwandte, begegnete er ihrem erstaunten Blick und kehrte um, nachdem er sich irgend etwas zu seiner Entschuldigung ausgedacht hatte. Sie hörte einfach zu und glaubte ihm. Sie hatte nicht einmal einen Zweifel oder ein schelmisches Lächeln. Liebt sie oder liebt sie nicht? Diese zwei Fragen wechselten in ihm immer ab. Wenn sie liebte, warum war sie dann so vorsichtig, so verschlossen? Wenn sie nicht liebte, warum war sie so freundlich und gehorsam? Er fuhr für eine Woche aus Paris nach London und teilte ihr das am Tage der Abreise mit, ohne ihr vorher etwas davon gesagt zu haben. Wenn sie plötzlich erschrocken wäre und die Farbe gewechselt hätte, dann wäre er seiner Sache sicher gewesen, das Geheimnis hätte vor ihm offen gelegen und er wäre glücklich gewesen! Sie drückte ihm aber fest die Hand und wurde traurig; er war verzweifelt.