Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
Das war der Grund, warum Stolz in ihrem Gesicht und in ihren Worten weder ein Zeichen von vollkommener Gleichgültigkeit, noch einen aufflammenden Blitz, noch selbst einen Funken von Gefühl erhaschen konnte, das auch nur um ein Haar die Grenzen einer warmen, herzlichen, aber aussichtslosen Freundschaft überschritten hätte. Ihr blieb, um dem allem ein Ende zu machen, nichts übrig, als, nachdem sie die Anzeichen einer aufkeimenden Liebe in Stolz wahrgenommen hatte, ihr weder Nahrung noch Spielraum zu lassen und schnell zu verreisen. Doch sie hatte den rechten Zeitpunkt schon verfehlt; das war längst geschehen, außerdem hätte sie voraussehen sollen, daß das Gefühl sich in ihm zur Leidenschaft steigern würde; das war auch nicht Oblomow; sie konnte ihm nicht entfliehen. Es wäre vielleicht physisch möglich gewesen, aber moralisch war die Abreise für sie unmöglich; bisher hatte sie nur von den früheren Rechten der Freundschaft Gebrauch gemacht und in Stolz wie bisher bald einen launigen, spöttischen Gesellschafter, bald einen klugen, tiefen Beobachter der Lebenserscheinungen gefunden - alles dessen, was mit ihnen geschah oder an ihnen vorüberhuschte und ihr Interesse hervorrief. Doch je öfter sie zusammenkamen, desto mehr näherten sie sich geistig einander, und desto mehr steigerte sich seine Bedeutung für sie; er vertauschte die Rolle eines Beobachters unmerklich mit derjenigen des Deuters der Lebenserscheinungen und ihres Leiters. Er wurde unsichtbar zu ihrem Verstande und ihrem Gewissen, und es entstanden neue Rechte und neue Bande, die Oljgas ganzes Leben umstrickten, alles außer einem geheimen Winkel, den sie sorgsam vor seinen Augen und seinem Urteil verbarg. Sie nahm diese geistige Bevormundung ihres Verstandes und Herzens und sah, daß auch sie einen gewissen Einfluß auf ihn ausübte. Sie hatten ihre Rechte ausgetauscht; sie hatte diesen Austausch schweigend und ohne sich darüber zu äußern angenommen. Wie sollte sie jetzt plötzlich alles zurückfordern? ... Und außerdem war darin ... so viel Vergnügen, Abwechslung und Inhalt ... des Lebens enthalten ... Was würde sie tun, wenn das alles plötzlich nicht mehr da wäre? Und als ihr der Gedanke zu fliehen kam, war es schon zu spät, sie hatte nicht mehr die Kraft, es zu tun. Jeder Tag, den sie ohne ihn verbrachte, jeder Gedanke, den sie ihm nicht anvertraut und nicht mit ihm geteilt hatte, verlor für sie jeden Reiz und jede Bedeutung. Mein Gott, wenn ich seine Schwester sein könnte! dachte sie. Welch ein Glück, auf einen solchen Menschen stete Rechte zu haben und nicht nur seinen Verstand, sondern auch sein Herz, seine Anwesenheit offen und frei genießen zu können, ohne es mit irgendwelchen schweren Opfern, Kränkungen und mit dem Anvertrauen einer kläglichen Vergangenheit zu erkaufen.
Und was bin ich jetzt? Wenn er verreist, habe ich nicht nur kein Recht, ihn zurückzuhalten, sondern muß die Trennung wünschen, und wenn ich ihn zurückhalten wollte, was müßte ich ihm sagen, mit welchem Rechte will ich ihn jeden Augenblick sehen und sprechen hören? ... Weil ich mich sonst langweile und sehne, weil er mich belehrt und amüsiert, weil er mir nützlich und angenehm ist ... Das ist natürlich ein Grund, aber kein Recht. Und was biete ich ihm dagegen? Das Recht, mich selbstlos zu bewundern und an Gegenliebe nicht einmal denken zu dürfen, während so viele andere Frauen sich glücklich schätzen würden ... Sie quälte sich und grübelte, wie sie sich von diesen Dilemmas des Lebens befreien könnte, und sah weder ein Ziel noch ein Ende. Vor ihr war nur die Furcht vor seiner Enttäuschung, vor der ewigen Trennung. Manchmal dachte sie daran, ihm alles zu entdecken, um ihren und seinen Kampf auf einen Schlag zu beenden, aber sie hatte nicht den Mut, sowie sie daran dachte. Sie schämte sich, und es war ihr weh ums Herz. Am seltsamsten war der Umstand, daß sie ihre Vergangenheit zu achten aufhörte und sich ihrer zu schämen begann, seit sie mit Stolz unzertrennlich war und seit er sich ihres Lebens bemächtigt hatte. Wenn zum Beispiel der Baron oder jemand anderes es erfahren hätte, wäre sie gewiß verlegen geworden und hätte sich unbehaglich gefühlt, doch sie hätte sich nicht so gequält, wie sie sich jetzt beim Gedanken daran, daß Stolz es erfahren könnte, quälte.
Sie dachte mit Entsetzen daran, was sein Gesicht ausdrücken würde, wie er sie anblicken, was er sagen und was er dann denken würde? - Sie würde ihm plötzlich so nichtig, schwach und klein erscheinen. Nein, nein, um nichts in der Welt! Sie begann sich zu beobachten und entdeckte zu ihrem Entsetzen, daß sie sich nicht nur ihres vergangenen Romans, sondern auch dessen Helden schämte ... Dabei quälte sie auch die Reue, weil sie für die tiefe Ergebenheit ihres früheren Freundes undankbar war. Vielleicht hätte sie sich auch an ihre Scham gewöhnt; woran gewöhnt sich denn der Mensch nicht! Wenn ihre Freundschaft für Stolz aller eigennütziger Gedanken und Wünsche bar gewesen wäre. Doch wenn es ihr sogar gelang, jedes verführerische, schmeichelnde Flüstern des Herzens zu betäuben, war sie den Träumen ihrer Phantasie gegenüber machtlos. Oft erschien vor ihren Augen, gegen ihren Wunsch, und leuchtete das Bild jener anderen Liebe, der Traum von einem reichen Glück, nicht mit Oblomow, nicht in trägem Hindämmern, sondern auf dem geräumigen Schauplatz eines vielseitigen Lebens, mit all seiner Tiefe, mit allen Reizen und mit allem Leid.
Der Traum vom Glück mit Stolz wuchs immer mehr in ihr! ... Da begann sie ihre Vergangenheit mit Tränen zu netzen, konnte sie aber nicht reinwaschen. Sie suchte ihren Traum zu verscheuchen und versteckte sich noch mehr hinter der Mauer von Undurchdringlichkeit, von Schweigen und von jener freundschaftlichen Gleichgültigkeit, die Stolz quälte. Dann vergaß sie sich und ließ sich ganz selbstlos durch die Anwesenheit des Freundes hinreißen, war bezaubernd, liebenswürdig und zutraulich, bis der unrechtmäßige Traum von Glück, auf das sie alle Rechte verloren hatte, sie daran erinnerte, daß die Zukunft für sie verloren war, daß die rosigen Träume schon hinter ihr lagen, daß die Blüte ihres Lebens abgefallen war.