Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
»Eine gesetzliche Sache!« wiederholte Tarantjew.
»Oblomowka wird dann den Erben zufallen.«
»Gewiß! Trinken wir, Gevatter.«
»Auf das Wohl der Tölpel!« sagte Iwan Matwejewitsch.
Sie tranken.
Viertes Kapitel
Wir müssen uns jetzt in die Zeit vor der Ankunft von Stolz an Oblomows Namenstag und in einen anderen Ort, weit von der Wiborgskajastraße entfernt, versetzen. Dort treffen wir bekannte Personen, von denen Stolz Oblomow nicht alles, was er wußte, erzählt hatte, vielleicht weil er seine Gründe dafür hatte oder weil Oblomow ihn nicht über alles diesbezüglich ausfragte, wofür er gewiß auch seine Gründe hatte.
Eines Tages schritt Stolz in Paris über einen Boulevard, betrachtete zerstreut die Passanten und die Aushängeschilder, ohne die Augen auf etwas ruhen zu lassen. Er hatte lange keine Briefe aus Rußland erhalten, weder aus Kiew noch aus Odessa noch aus Petersburg. Er langweilte sich, er trug drei Briefe auf die Post und wollte nach Hause zurückkehren. Plötzlich blieben seine Augen reglos und erstaunt an etwas haften, nahmen dann aber wieder ihren gewohnten Ausdruck an. Zwei Damen bogen vom Boulevard ab und traten in ein Geschäft. »Nein, das ist unmöglich; welch ein Gedanke! Ich müßte es ja wissen! Das sind sie nicht.« Er trat aber trotzdem an das Fenster dieses Geschäftes und betrachtete die Damen durch die Scheiben hindurch. »Man kann nichts sehen; sie kehren dem Fenster den Rücken zu.« Stolz trat in das Geschäft und verlangte etwas. Eine der Damen wandte sich dem Licht zu, er erkannte Oljga Iljinskaja und erkannte sie zugleich nicht! Er wollte zu ihr hineilen, blieb aber stehen und begann sie forschend zu betrachten. Mein Gott! Welch eine Veränderung! Das war zugleich sie und nicht sie. Es waren ihre Züge, aber sie war bleich, ihre Augen erschienen ein wenig eingefallen, und es war kein kindliches, naives, sorgloses Lächeln mehr auf ihren Lippen. Über den Brauen schwebte ein ernster, trauriger Gedanke, die Augen sprachen über vieles, was ihnen früher unbekannt war und worüber sie früher nicht gesprochen hatten. Sie hatte nicht mehr den früheren offenen, hellen, ruhigen Blick; über dem ganzen Gesicht lag ein Nebelschleier von Traurigkeit.
Er kam auf sie zu. Sie runzelte ein wenig die Brauen und blickte ihn einen Augenblick lang erstaunt an, dann erkannte sie ihn. Die Stirn glättete sich, die Brauen legten sich symmetrisch hin, die Augen erglänzten in stiller, nicht stürmischer, aber tiefer Freude. Jeder Bruder wäre froh gewesen, wenn eine geliebte Schwester sich über ihn so erfreut gezeigt hätte.
»Mein Gott! Sind Sie es!« sagte sie mit zu Herzen dringender, rührend freudiger Stimme.
Die Tante wandte sich schnell um, und sie begannen alle drei zugleich zu sprechen. Er warf ihnen vor, daß sie ihm nicht früher geschrieben hatten; sie suchten sich zu rechtfertigen. Sie waren erst seit drei Tagen da und suchten ihn überall. Jemand hatte ihnen gesagt, er wäre nach Lyon verreist, und sie wußten nicht, was sie tun sollten.
»Wie ist es Ihnen nur eingefallen zu reisen? Und Sie haben mir kein Wort davon geschrieben!« warf er ihnen wieder vor.
»Wir haben die Reise so schnell beschlossen, daß wir Ihnen nicht schreiben konnten«, sagte die Tante, »Oljga wollte Sie überraschen.«
Er blickte Oljga an; ihr Gesicht bestätigte nicht die Worte der Tante. Er blickte sie noch forschender an, doch sie war unergründlich und seiner Beobachtung unzugänglich.
Was ist mit ihr? dachte Stolz, ich habe sie sonst auf den ersten Blick verstanden, und jetzt ... welch eine Veränderung!
»Wie gereift und wie gewachsen Sie sind, Oljga Sjergejewna!« sprach er. »Ich erkenne Sie nicht! Und wir haben uns kaum ein Jahr nicht gesehen. Was haben Sie getan, was war mit Ihnen? Erzählen Sie, erzählen Sie!«
»Ja ... nichts Besonderes«, sagte sie, einen Stoff betrachtend.
»Was ist mit Ihrem Gesang?« fragte Stolz, die für ihn neue Oljga betrachtend und das ihm unbekannte Spiel ihrer Gesichtszüge studierend, doch dieses Spiel brach hervor und verschwand wie ein Blitz.
»Ich habe schon lange nicht mehr gesungen, schon seit zwei Monaten nicht mehr«, sagte sie nachlässig.
»Und was ist mit Oblomow?« fragte er plötzlich. »Lebt er? Er schreibt nicht.«
Jetzt hätte Oljga vielleicht unwillkürlich ihr Geheimnis verraten, wenn die Tante ihr nicht zu Hilfe gekommen wäre.
»Denken Sie sich«, sagte sie, aus dem Geschäft heraustretend, »er hat uns täglich besucht und ist dann verschwunden. Als wir ins Ausland reisen wollten, habe ich zu ihm hingeschickt - man hat sagen lassen, er sei krank und empfange niemand, wir haben uns also nicht mehr gesehen.«
»Und auch Sie wissen nichts?« fragte Stolz besorgt Oljga.
Oljga betrachtete eingehend einen vorüberfahrenden Wagen durch ihr Lorgnon.
»Er ist tatsächlich erkrankt«, sagte sie, mit geheuchelter Aufmerksamkeit dem Wagen folgend. »Schauen Sie, ma tante, mir scheint, unsere Reisegefährten sind vorübergefahren!«
»Nein, erzählen Sie mir genau von meinem Ilja«, ließ Stolz nicht ab. »Was haben Sie mit ihm getan? Warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?«
»Mais ma tante vient de dire«, sagte sie.
»Er ist furchtbar träge«, bemerkte die Tante, »und dann ist er so menschenscheu; sowie drei, vier Personen zu uns kommen, geht er gleich fort. Denken Sie sich, er hat ein Abonnement in die Oper genommen und hat nicht einmal die Hälfte der Opern besucht.«
»Er hat Rossini nicht gehört«, fügte Oljga hinzu.
Stolz schüttelte den Kopf und seufzte.
»Weshalb haben Sie zu reisen beschlossen? Für lange? Wie ist es Ihnen plötzlich eingefallen?« fragte er.
»Ihretwegen, auf den Rat des Arztes hin«, sagte die Tante, auf Oljga zeigend. »Petersburg hat ihr schlecht behagt, und wir sind für den Winter fortgereist, wir haben aber noch keine Entscheidung getroffen, wo wir ihn verbringen werden. In Nizza oder in der Schweiz.«
»Ja, Sie haben sich sehr verändert«, sagte Stolz, sinnend Oljga in die Augen blickend.
Iljinskys brachten ein halbes Jahr in Paris zu, und Stolz war ihr einziger täglicher Gesellschafter und Führer, Oljga begann sich merklich zu erholen; sie ging von ihrer Nachdenklichkeit zu Ruhe und Gleichgültigkeit über, wenigstens äußerlich. Was in ihrem Innern vorging, wußte niemand, doch sie wurde nach und nach wieder zu Stolz' Freundin, wenn sie auch nicht mehr ihr früheres lautes, kindliches, silberhelles Lachen besaß, sondern nur zurückhaltend lächelte, wenn Stolz ihr etwas Komisches erzählte. Sie schien sich manchmal sogar darüber zu ärgern, daß sie lachen mußte.
Er merkte es sofort, daß sie nicht mehr zum Lachen zu bringen war. Manchmal hörte sie seinen komischen Bemerkungen mit unsymmetrisch liegenden Augenbrauen und mit einer Falte auf der Stirn ohne ein Lächeln zu, blickte ihn dann schweigend an, als wäre sie ungeduldig oder als werfe sie ihm seinen Leichtsinn vor, und richtete an ihn plötzlich, statt seinen Witz zu beantworten, eine tiefgehende Frage, die sie mit einem so beharrlichen Blick begleitete, daß er sich seiner nachlässigen, leeren Worte schämte. Manchmal äußerte sich in ihr eine solche innere Ermüdung von dem täglichen Trubel und leeren Geplauder der Menschen, daß Stolz sich plötzlich einer anderen Sphäre zuwenden mußte, die er sonst selten und ungern im Gespräch mit Frauen berührte. Wieviel Geist, Spitzfindigkeit und Anstrengung mußte er anwenden, damit Oljgas tiefer, fragender Blick sich klärte und beruhigte, nicht länger dürstete und nicht nach etwas in der Ferne an ihm vorbei suchte! Wie regte es ihn auf, wenn ihr Blick bei einer nachlässigen Erklärung trocken und streng wurde, wenn die Brauen sich zusammenzogen und der Schatten einer tiefen, wenn auch unausgesprochenen Unzufriedenheit sich über ihr Gesicht breitete. Und er mußte zwei, drei Tage lang die feinsten Fähigkeiten seines Geistes, selbst List und Leidenschaft und sein ganzes Verständnis, mit Frauen umzugehen, anwenden, um mit Mühe allmählich einen Widerschein von Frieden und sanfter Resignation aus Oljgas Herzen auf ihr Gesicht, in ihren Blick und ihr Lächeln zu locken. Er kehrte manchmal von diesem Kampf ermattet abends nach Hause zurück und war glücklich, wenn er Sieger blieb.