Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Rostow war sehr glücklich über die Liebe, die ihm bezeigt wurde; aber der erste Augenblick des Wiedersehens war so selig gewesen, daß sein jetziges Glück ihm gering erschien und er immer noch auf etwas Weiteres wartete, das hinzukommen sollte.
Am andern Morgen schliefen die Angekommenen infolge der Ermüdung von der Reise bis gegen zehn Uhr.
In dem davorliegenden Zimmer lagen in bunter Unordnung Säbel, Patronentaschen, Säbeltaschen, geöffnete Koffer und schmutzige Stiefel umher. Zwei Paar geputzte Stiefel mit Sporen waren soeben an die Wand gestellt worden. Die Diener brachten Waschbecken, warmes Wasser zum Rasieren und die gesäuberten Kleider. Es roch nach Tabak und Männern.
»He, Grigori, die Pfeife!« rief Waska Denisows heisere Stimme. »Rostow, steh auf!«
Rostow rieb sich die zusammenklebenden Lider und hob den strubbeligen Kopf vom warmen Kissen in die Höhe.
»Ist es denn schon spät?«
»Jawohl, bald zehn Uhr!« antwortete Nataschas Stimme, und im Nebenzimmer wurde das Rascheln gestärkter Kleider und das Lachen von Mädchenstimmen hörbar, und durch die ein klein wenig offenstehende Tür schimmerte etwas Blaues, Bänder, schwarze Haare und fröhliche Gesichter. Es waren Natascha, Sonja und Petja, welche gekommen waren, um in Erfahrung zu bringen, ob Nikolai schon aufgestanden sei.
»Nikolai, steh auf!« ertönte wieder Nataschas Stimme an der Tür.
»Gleich, gleich!«
Inzwischen hatte Petja im ersten Zimmer die Säbel erblickt und einen davon ergriffen. Er empfand dabei jenes Entzücken, das Knaben im Hinblick auf einen älteren militärischen Bruder zu empfinden pflegen, und vollständig vergessend, daß es sich für die beiden jungen Mädchen nicht schickte, entkleidete Mannspersonen zu sehen, öffnete er die Tür.
»Ist das dein Säbel?« schrie er.
Die Mädchen sprangen zurück. Denisow versteckte mit erschrockenen Augen seine haarigen Beine unter der Bettdecke und blickte hilfesuchend zu seinem Kameraden. Auf Rostows energischen Zuruf kam Petja ins Zimmer herein und machte die Tür hinter sich zu. Von draußen erscholl Gelächter.
»Nikolai, komm doch im Schlafrock heraus«, rief Nataschas Stimme.
»Ist das dein Säbel?« fragte Petja. »Oder der Ihrige?« fügte er hinzu, indem er sich mit ehrfurchtsvollem Respekt an den schnurrbärtigen, schwarzhaarigen Denisow wendete.
Rostow fuhr eilig in die Schuhe, zog den Schlafrock an und ging hinaus. Natascha hatte einen der Sporenstiefel angezogen und stieg gerade in den anderen hinein. Sonja wirbelte sich herum, so daß sich ihr Kleid aufblähte, und wollte sich eben niederhocken, als er hereinkam. Beide Mädchen trugen die gleichen neuen blauen Kleider, beide waren sie frisch, rotwangig und lustig. Sonja lief davon; Natascha aber faßte ihren Bruder unter den Arm und führte ihn ins Sofazimmer, und dort begannen sie nun beide ein eifriges Gespräch. Sie hatten am vorhergehenden Abend noch keine Zeit gefunden, über tausenderlei Kleinigkeiten, die nur für sie beide Interesse haben konnten, einander zu befragen und einander Auskunft zu geben. Natascha lachte bei jedem Wort, das er sagte und das sie sagte, nicht weil das, was sie sagten, lächerlich gewesen wäre, sondern weil ihr fröhlich zumute war und sie ihre Freude nicht zu beherrschen vermochte, die sich dann eben durch Lachen äußerte.
»Ach, wie schön, wie herrlich!« sagte sie zu allem.
Rostow fühlte, wie unter der Einwirkung der warmen Strahlen dieser Liebe zum erstenmal seit einem halben Jahr in seiner Seele und auf seinem Gesicht einer Knospe gleich jenes kindliche Lächeln wieder aufblühte, das ihm seit seinem Abschied aus dem Elternhaus völlig ferngeblieben war.
»Nein, hör mal«, sagte sie. »Bist du jetzt wirklich ganz und gar ein Mann? Ich freue mich furchtbar, daß du mein Bruder bist.« Sie berührte seinen Schnurrbart. »Ich möchte gern wissen, was ihr Männer eigentlich für Menschen seid. Ebensolche wie wir? Nein?«
»Warum ist denn Sonja weggelaufen?« fragte Rostow.
»Ja, das ist eine wunderliche Geschichte! Wie wirst du denn zu Sonja sagen, ›Du‹ oder ›Sie‹?«
»Wie es sich gerade machen wird«, antwortete Rostow.
»Bitte, sage ›Sie‹ zu ihr. Ich werde dir den Grund ein andermal erklären.«
»Was ist denn eigentlich los?«
»Nun, ich kann es dir auch gleich sagen. Du weißt, daß Sonja meine Freundin ist; ich habe sie so lieb, daß ich mir den Arm für sie verbrannt habe. Da, sieh her!«
Sie streifte ihren Musselinärmel auf und zeigte ihm an ihrem langen, magern, zarten Arm unterhalb der Schulter, ziemlich hoch über dem Ellbogen (an einer Stelle, die selbst bei Ballkleidern bedeckt ist), ein rotes Mal.
»Das habe ich mir eingebrannt, um ihr meine Liebe zu beweisen. Ich habe einfach ein Lineal im Feuer heiß gemacht und es dagegengedrückt.«
Sie saßen in ihrem ehemaligen Unterrichtszimmer auf dem Sofa mit den Polsterlehnen, und während Rostow in Nataschas lebenssprühende Augen blickte, fühlte er sich wieder in sein Kinderleben in der Familie zurückversetzt, das niemandem als ihm selbst wichtig und bedeutungsvoll erschienen war, ihm aber die schönsten Genüsse seines Lebens gewährt hatte; und das Verbrennen des Armes mit dem Lineal zum Beweis der Liebe erschien ihm nicht als sinnlos: er hatte Verständnis dafür und wunderte sich nicht darüber.
»Aber was denn nun weiter? Ist das alles?« fragte er.
»Na, also solche Freundinnen sind wir, die besten Freundinnen! Na ja, das mit dem Lineal, das war ja eine Dummheit; aber wir sind Freundinnen fürs ganze Leben. Wenigstens sie, wenn sie jemand liebgewinnt, dann ist das auf immer; aber ich bekomme das nicht fertig; ich vergesse immer alles gleich wieder.«
»Nun, und weiter?«
»Ja, so liebt sie mich und dich.«
Natascha wurde auf einmal rot.
»Na, du besinnst dich wohl noch, vor deiner Abreise … Also sie sagt jetzt, dir stehe es frei, das alles zu vergessen … Sie hat zu mir gesagt: ›Ich werde ihn immer lieben; aber er soll frei sein.‹ Hab ich nicht recht, daß das edel und vornehm gedacht ist? Nicht wahr? Nicht wahr? Sehr vornehm? Ja?« fragte Natascha ernst und aufgeregt; es war zu merken, daß sie das, was sie jetzt sagte, schon früher unter Tränen gesagt hatte.
Nikolai schwieg ein Weilchen, in Gedanken vertieft.
»Ich nehme ein gegebenes Wort niemals zurück«, sagte er dann. »Und außerdem ist Sonja ein so reizendes Wesen, daß nur ein Tor auf ein solches Glück verzichten könnte.«
»Nein, nein«, rief Natascha. »Ich habe darüber schon mit ihr gesprochen. Wir wußten, daß du das sagen würdest. Aber das geht nicht; denn, verstehst du, wenn du so redest, dich durch dein Wort für gebunden hältst, dann käme es ja so heraus, als hätte sie das absichtlich gesagt. Es hätte dann den Anschein, als heiratetest du sie nur gezwungen; es wäre dann alles nicht so, wie es sein sollte.«
Rostow sah ein, daß die beiden Mädchen das alles wohl erwogen hatten. Sonja hatte ihn schon gestern durch ihre Schönheit überrascht. Und heute, wo er sie nur flüchtig gesehen hatte, war sie ihm noch schöner erschienen. Sie war ein reizendes sechzehnjähriges Mädchen, das ihn offenbar leidenschaftlich liebte (daran zweifelte er keinen Augenblick). Warum sollte er sie da nicht jetzt lieben und später sogar heiraten? dachte Rostow. Aber jetzt hatte er freilich noch so viele andere Freuden und Beschäftigungen! »Ja, die beiden Mädchen haben das alles wohl erwogen«, dachte er. »Ich muß frei bleiben.«
»Na schön«, sagte er. »Wir wollen ein andermal weiter darüber reden. Ach, wie freue ich mich, wieder mit dir zusammen zu sein!« fügte er hinzu. »Aber wie steht es mit dir? Bist du deinem Boris auch nicht untreu geworden?«
»Ach, Dummheiten!« rief Natascha lachend. »Ich denke weder an ihn noch sonst an jemand und will von niemand etwas wissen.«
»Nun, sieh einmal an! Was ist denn eigentlich mit dir?«
»Mit mir?« erwiderte Natascha, und ein glückseliges Lächeln verklärte ihr Gesicht. »Hast du Duport gesehen?«