Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Aber er kann es nicht sein, hier so ganz allein mitten auf diesem menschenleeren Feld!« dachte Rostow. In diesem Augenblick wendete Alexander den Kopf, und Rostow erblickte die geliebten Züge, die sich so tief seinem Gedächtnis eingeprägt hatten. Der Kaiser war blaß; seine Wangen waren eingefallen; die Augen lagen tief in ihren Höhlen; aber um so milder und anziehender erschienen seine Züge. Rostow war glücklich, sich überzeugt zu haben, daß das Gerücht von einer Verwundung des Kaisers unzutreffend war. Er war glücklich, ihn zu sehen. Er wußte: er durfte, ja mußte sich unmittelbar an ihn wenden und an ihn ausrichten, was Fürst Dolgorukow ihm auszurichten befohlen hatte.
Aber wie ein verliebter Jüngling zittert und bangt, wenn der lang ersehnte Augenblick endlich gekommen ist und er »ihr« unter vier Augen gegenübersteht, und wie er nicht wagt, das auszusprechen, was er sich in schlaflosen Nächten zurechtgelegt hat, sondern erschrocken um sich blickt und Hilfe oder eine Möglichkeit des Aufschubs und der Flucht sucht: so wußte auch Rostow jetzt, wo er das erreicht hatte, was sein größter Wunsch auf der Welt gewesen war, nicht, wie er sich dem Kaiser nähern sollte, und es traten ihm tausend Gründe entgegen, weshalb dies unangemessen, unpassend und unmöglich sei.
»Nein! Es würde ja scheinen, als freute ich mich, diese Gelegenheit benutzen zu können, wo er allein und niedergeschlagen ist. Die Anwesenheit jeder fremden Person muß ihm in diesem Augenblick des Kummers unangenehm und peinlich sein; und dann: was könnte ich jetzt zu ihm sagen, wo mir schon bei seinem bloßen Anblick der Herzschlag aussetzt und Lippen und Gaumen trocken werden?« Von all den zahllosen Ansprachen an den Kaiser, die er sich in Gedanken zurechtgelegt hatte, kam ihm jetzt keine einzige ins Gedächtnis. Diese Ansprachen sollten unter ganz anderen Verhältnissen gehalten werden; sie sollten größtenteils in Augenblicken des Sieges und Triumphes gesprochen werden, und ganz besonders, wenn er infolge der empfangenen Wunden auf dem Sterbebett liegen und der Kaiser ihm für sein heldenhaftes Verhalten danken würde; dann wollte er ihm sterbend seine durch die Tat bekräftigte Liebe aussprechen.
»Und dann: wie könnte ich jetzt noch den Kaiser nach seinen Befehlen für den rechten Flügel fragen, wo es doch schon drei Uhr vorbei und die Schlacht verloren ist? Nein, ich darf unter keinen Umständen zu ihm heranreiten. Ich darf ihn in seinen trüben Gedanken nicht stören. Lieber tausendmal sterben als einen zürnenden Blick von ihm erhalten und eine üble Meinung bei ihm erwecken!« sagte sich Rostow und ritt mit Trauer und Verzweiflung im Herzen fort, indem er sich beständig nach dem Kaiser umblickte, der noch immer in derselben unentschlossenen Haltung bei dem Graben zu Pferd saß.
Während Rostow diese Erwägungen anstellte und dann traurigen Herzens von dem Kaiser fortritt, kam zufällig der Hauptmann von Toll zu Pferd in dieselbe Gegend, ritt, sobald er den Kaiser erblickte, geradewegs auf ihn zu, bot ihm seine Dienste an und war ihm behilflich, den Graben zu Fuß zu überschreiten. Der Kaiser, der sich unwohl fühlte und sich zu erholen wünschte, setzte sich unter einen Apfelbaum, und Toll blieb neben ihm stehen. Rostow sah von weitem mit Neid und Reue, wie von Toll lange und eifrig zum Kaiser sprach, und wie der Kaiser, der offenbar in Tränen ausbrach, die Augen mit der Hand bedeckte und dem Hauptmann die Hand drückte.
»Und ich hätte an seiner Stelle sein können!« dachte Rostow bei sich, und kaum imstande, die Tränen des Mitleids mit dem Schicksal des Kaisers zurückzuhalten, ritt er in voller Verzweiflung weiter, ohne zu wissen, wohin er ritt, und was sein Ritt jetzt noch für einen Zweck hatte.
Seine Verzweiflung war um so heftiger, da er fühlte, daß lediglich seine eigene Schwachmütigkeit an seinem Kummer schuld war.
Er hätte zum Kaiser heranreiten können … er hätte es nicht nur tun können, nein, es wäre sogar seine Pflicht gewesen. Dies war nun die einzige Gelegenheit gewesen, dem Kaiser seine Ergebenheit zu bezeigen, und diese Gelegenheit hatte er nicht benutzt … »Was habe ich getan?« dachte er. Er wendete sein Pferd und jagte wieder nach der Stelle zurück, wo er den Kaiser gesehen hatte; aber es war niemand mehr jenseits des Grabens. Nur Militärfuhrwerke und Equipagen fuhren auf der Landstraße. Von dem Lenker eines der ersteren erfuhr Rostow, daß Kutusows Stab sich nicht weit davon in dem Dorf befinde, wohin die Fuhrwerke fahren würden. Rostow ritt hinter ihnen her.
Vor ihm ging ein Reitknecht Kutusows, der mehrere mit Decken versehene Pferde führte. Hinter dem Reitknecht fuhr ein Fuhrwerk, und hinter dem Fuhrwerk ging ein alter Leibeigener, mit krummen Beinen, in einem Halbpelz, eine Mütze auf dem Kopf.
»Tit, he, Tit!« sagte der Reitknecht.
»Was willst du?« erwiderte der Alte gedankenlos.
»Tit, Tit, Tit! Hast du Appetit, tit, tit?«
»Schäm dich was, du Dummrian, pfui!« sagte der Alte und spuckte ärgerlich aus. Es verging einige Zeit, in der sie schweigend weiterzogen; dann wiederholte sich derselbe Spaß.
Um fünf Uhr war die Schlacht überall verloren. Mehr als hundert Geschütze der Verbündeten befanden sich bereits in der Gewalt der Franzosen.
Przebyszewski mit seinem Korps hatte die Waffen gestreckt. Die anderen Abteilungen hatten ungefähr die Hälfte ihrer Leute verloren und zogen sich in ungeordneten, buntgemischten Haufen zurück.
Die durcheinandergeratenen Überreste der Truppen Langerons und Dochturows drängten sich auf den Dämmen und an den Ufern der Teiche bei dem Dorf Aujesd.
Nach fünf Uhr war nur noch bei dem Damm von Aujesd eine heftige, unbeantwortete Kanonade der Franzosen zu hören, welche eine aus vielen Geschützen bestehende Batterie auf dem Abhang der Pratzener Höhen aufgestellt hatten und von dort unsere auf dem Rückzug befindlichen Truppen beschossen.
In der Arrieregarde sammelten Dochturow und andere Führer ihre Bataillone und verteidigten sich durch Gewehrfeuer gegen die französische Kavallerie, welche die Unsrigen verfolgte. Die Abenddämmerung senkte sich herab. Auf dem schmalen Damm bei Aujesd, auf welchem so viele Jahre lang friedlich der alte Müller, die Zipfelmütze auf dem Kopf, mit seiner Angel gesessen hatte, während sein Enkel mit aufgestreiften Hemdsärmeln in der Gießkanne unter den silberglänzenden, zappelnden Fischen umhergriff, auf diesem Damm, auf dem so viele Jahre lang friedlich die mährischen Bauern, in blauen Jacken, mit zottigen Mützen auf ihren zweispännigen, mit Weizen beladenen Fuhrwerken zur Mühle gefahren und, mit Mehl bepudert, mit weißer Ladung von der Mühle weggefahren waren: auf diesem schmalen Damm drängten sich jetzt zwischen Wagen und Kanonen, unter den Pferden und zwischen den Rädern eine Menge Menschen, die Gesichter von Todesangst entstellt, erdrückten einander, starben, schritten über Sterbende hinweg und töteten einander, nur um nach wenigen Schritten selbst in gleicher Weise getötet zu werden.
Alle zehn Sekunden fühlte man, wie die Luft zusammengedrückt wurde, und es fiel entweder eine klatschende Kanonenkugel oder eine platzende Granate mitten in diese dichtgedrängte Menschenmasse hinein, tötete einen oder mehrere und bespritzte die Nächststehenden mit Blut. Dolochow, der an der Hand verwundet war, ging mit etwa einem Dutzend Soldaten seiner Kompanie (er war bereits wieder Offizier) zu Fuß; sie und der Regimentskommandeur, der zu Pferd saß, bildeten den gesamten Rest des Regiments. Von dem Gewühl mit fortgezogen, hatten sie sich in den Eingang zum Damm hineingedrängt und mußten jetzt, von allen Seiten gepreßt, stehenbleiben, weil weiter vorn ein Pferd von der Bespannung einer Kanone gefallen war und die Menge sich bemühte, es aus dem Weg zu ziehen. Eine Kanonenkugel tötete jemand hinter ihnen; eine andere schlug vor ihnen ein, so daß Dolochow mit Blut bespritzt wurde. Die Menge drängte wie rasend vorwärts, preßte sich zusammen, rückte einige Schritte vor und mußte dann wieder stehenbleiben.