Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]
- Автор: Уиллис Конни
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Переводчик: Christian Lautenschlag
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Farben der Zeit [To Say Nothing of the Dog - de]». Краткое содержание книги:
Ich sah sie nicht, aber Baine würde mich jeden Augenblick sehen. Ich duckte mich hinter die Fliedersträucher, wobei ich versuchte, nicht mit den Blättern zu rascheln — und wäre fast von neuem auf Prinzessin Arjumand getreten.
»Mrriuuh« machte sie laut. »Mrreoh.«
Baine wandte sich um und schaute stirnrunzelnd zum Flieder.
»Mrroh.« Pscht, sagte ich lautlos und legte den Finger auf die Lippen. Prinzessin Arjumand fing an, sich laut miauend an meinem Bein zu reiben. Ich beugte mich hinunter, um sie hochzuheben und stieß gegen einen abgestorbenen Zweig. Er brach mit lautem Geraschel seiner dürren Blätter.
Baine begann sich in Richtung Flieder zu bewegen und ich, mir Erklärungen auszudenken. Ein verlorengegangener Crocketball? Und wieso sollte ich morgens um neun Uhr mit mir selbst Crocket spielen? Schlafwandeln? Nein, ich war vollständig angekleidet. Ich schaute sehnsüchtig zum Pavillon zurück, schätzte die Entfernung und Zeit bis zum nächsten Rendezvous. Beides lag zu weit. Und wie ich Prinzessin Arjumand kannte, würde sie in letzter Sekunde herbeigestakst kommen und eine weitere Inkonsequenz im Kontinuum verursachen. Es lief also auf den verlorengegangenen Crocketball hinaus.
»Mrirrh«, machte Prinzessin Arjumand, und Baine hob die Arme, um die Fliederzweige zu teilen.
»Baine, kommen Sie sofort zu mir«, rief Tossie vom Treidelpfad her. »Ich möchte mit Ihnen sprechen.«
»Jawohl, Miss.« Baine ging zu der Stelle, wo sie in Rüschen, Falten und Spitzen gekleidet stand, das Tagebuch in der Hand.
Ich nutzte die Gelegenheit, um Prinzessin Arjumand hochzuheben und paar Schritte tiefer in die Fliedersträucher hineinzutauchen. Die Katze kuschelte sich an meine Brust und begann laut zu schnurren.
»Ja, Miss?« fragte Baine.
»Ich verlange, daß Sie sich bei mir entschuldigen«, sagte Tossie aufgebracht. »Sie hatten kein Recht, gestern so zu mir sprechen.«
»Das stimmt«, erwiderte Baine gemessen. »Es stand mir nicht zu, meine Meinung zu äußern, selbst wenn ich darum gebeten wurde, und deshalb entschuldige ich mich für mein Verhalten.«
»Mreeeh«, sagte Prinzessin Arjumand. Während des Lauschens hatte ich vergessen, sie weiterzustreicheln, und sie legte sanft eine Pfote auf meine Hand. »Mroooh.«
Tossie schaute sich verwirrt um, und ich duckte mich noch tiefer ins Gebüsch.
»Geben Sie zu, daß es sich um ein wunderbares Kunstwerk handelte«, sagte Tossie.
Eine lange Pause entstand, dann sagte Baine ruhig: »Wie Sie wünschen, Miss Mering.«
Tossies Wangen röteten sich leicht. »Nicht ›Wie ich wünsche‹. Reverend Doult sagte, es sei…« — eine Pause — »›… es sei ein Beispiel für alles, was die moderne Kunst so erhaben mache‹: Ich habe seine Worte in mein Tagebuch geschrieben.«
»Ja, Miss.«
Ihre Wangen wurden röter. »Erdreisten Sie sich, einem Mann der Kirche zu widersprechen?«
»Nein, Miss.«
»Mein Verlobter, Mr. St. Trewes sagte auch, es sei außergewöhnlich.«
»Ja, Miss«, sagte Baine ruhig. »Ist das alles, Miss?«
»Nein, das ist nicht alles. Ich verlange, daß Sie zugeben, sich getäuscht zu haben, indem Sie es als scheußlich, kitschig und rührselig bezeichnet haben.«
»Wie Sie wünschen, Miss.«
»Nicht, wie ich wünsche«, sagte Tossie und stampfte mit dem Fuß auf. »Hören Sie auf, das zu sagen.«
»Jawohl, Miss.«
»Mr. St. Trewes und Reverend Doult sind Gentlemen. Wie können Sie es wagen, ihren Meinungen zu widersprechen? Sie sind nur ein einfacher Bediensteter.«
»Jawohl, Miss«, sagte Baine erschöpft.
»Man sollte Sie entlassen, weil Sie so unverschämt zu Ihrer Herrschaft sind.«
Es folgte eine weitere lange Pause, und dann sagte Baine: »Alle Tagebucheintragungen und Entlassungen dieser Welt können die Wahrheit nicht verändern. Zwar widerrief Galilei unter Androhung von Folter, aber deshalb dreht sich die Sonne doch nicht um die Erde. Wenn Sie mich entlassen, bleibt die Vase immer noch gewöhnlich, ich habe immer noch recht, und Ihr Geschmack ist immer noch plebejisch, gleichgültig, was Sie in Ihr Tagebuch schreiben.«
»Plebejisch?« wiederholte Tossie, die inzwischen puterrot im Gesicht war. »Wie können Sie so mit mir sprechen? Ihrer Herrin? Sie sind entlassen.« Sie wies zornbebend zum Haus. »Packen Sie sofort Ihre Sachen.«
»Jawohl, Miss«, sagte Baine. »E pur si muove.«
»Wie?« fragte Tossie, krebsrot vor Wut. »Was haben Sie gesagt?«
»Ich sagte, nun, da Sie mich entlassen haben, bin ich nicht länger ein Mitglied der dienenden Klasse und deshalb in der Position, offen zu sprechen«, entgegnete er gelassen.
»Sie sind in überhaupt keiner Position, um mit mir offen zu sprechen«, sagte Tossie und hob das Tagebuch wie eine Waffe. »Verschwinden Sie sofort!«
»Ich wage es dennoch, die Wahrheit zu sagen, weil ich der Meinung bin, daß Sie es verdienen«, sagte Baine ernst. »Ich hatte gestern nur das Beste für Sie im Sinn, wie stets zuvor auch. Gott hat Sie mit großen Reichtümern gesegnet — nicht nur mit materiellem Reichtum, Position und Schönheit, sondern auch mit einem klugen Köpfchen und ausgeprägter Sensibilität, ebenso mit einem wachen Geist. Und doch vergeuden Sie diese Reichtümer mit Crocket und Organza und kitschiger Kunst. Sie haben eine Bibliothek zur Verfügung, in der Bücher der größten Denker der Vergangenheit stehen, und doch lesen Sie die törichten Romane von Charlotte Yonge und Edward Bulwer-Lytton. Angesichts der Möglichkeit, Wissenschaften zu studieren, vertrödeln Sie Ihre Zeit mit Taschentrickspielern, die Seihtücher und Leuchtfarbe tragen. Konfrontiert mit der Pracht gotischer Architektur, bewundern Sie statt dessen eine billige Imitation davon und konfrontiert mit der Wahrheit, stampfen Sie mit dem Fuß auf wie ein verwöhntes Kind und verlangen, Märchen erzählt zu bekommen.«
Was für eine Rede! Ich erwartete, daß Tossie, kaum daß Baine geendet hatte, ihm mit dem Tagebuch eins über den Kopf geben und mit knisternden, flatternden Rüschen davonrauschen würde, aber statt dessen fragte sie: »Sind Sie wirklich der Meinung, daß ich ein kluges Köpfchen habe?«
»Allerdings. Durch Studium und Selbstdisziplin wären Sie in der Lage, wunderbare Dinge zu vollbringen.«
Von meiner unvorteilhaften Position mitten im Flieder aus konnte ich ihre Gesichter nicht erkennen, und ich hatte das Gefühl, es wäre wichtig, sie jetzt zu sehen. Deshalb bewegte ich mich zu einem lichteren Busch. Und prallte auf Finch. Fast ließ ich Prinzessin Arjumand fallen. Sie fiepte, und Finch jaulte.
»Pscht«, flüsterte ich beiden zu. »Finch, haben Sie meine Nachricht bekommen, die ich bei den Chattisbournes hinterlassen habe?«
»Nein, ich war in Oxford«, strahlte Finch, »wo, wie ich mit großer Freude sagen darf, mein Auftrag ein voller Erfolg war.«
»Pscht«, flüsterte ich wieder. »Nicht so laut. Der Butler und Tossie haben einen Streit.«
»Einen Streit?« Finch schürzte die Lippen. »Ein Butler streitet nie mit seinem Arbeitgeber.«
»Nun, der hier schon«, sagte ich.
Finch wühlte raschelnd unter den Büschen. »Ich bin froh, daß ich Sie getroffen habe«, sagte er und tauchte mit einem Korb Kohlköpfe auf. »Wo ist Miss Kindle? Ich muß mit Ihnen beiden reden.«
»Was meinen Sie damit: ›Wo ist Miss Kindle?‹ Haben Sie nicht gesagt, Sie kämen grad aus dem Labor?«
»So ist es«, sagte er.
»Dann müssen Sie sie gesehen haben. Sie sprang gerade durchs Netz.«
»Zum Labor?«
»Natürlich zum Labor«, sagte ich. »Wie lange waren Sie dort?«
»Anderthalb Stunden«, erwiderte Finch. »Wir besprachen die nächste Etappe meines Auftrags, und während dieser Zeit kam niemand durchs Netz.«