Im Anfang war der Mord
- Автор: Джордж Элизабет
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- ISBN: 3442459532
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
Auf einem Lastwagenrastplatz außerhalb von Riverside wurde Lise endlich mitgekommen, in einem großen Sattelschlepper, der auf dem Weg nach Phoenix war. Der Fahrer, ein dickbäuchiger, einsamer alter Sack, probierte es bei ihr mit der väterlichen Masche. Sie spielte mit, weil es ihr Zugang zu dem klimatisierten Führerhäuschen seines Lasters verschaffte und sie dadurch viel früher als geplant auf dem Weg Richtung Osten war.
«Ein süßes junges Ding wie Sie sollte nicht per Anhalter fahren«, sagte er und half Lise beim Anschnallen.»Die Wüste kann im Sommer verdammt gefährlich sein.« «Ich kenne die Wüste. Außerdem«— sie legte die Hand auf seine haarige Pfote —»bin ich nicht mehr so jung, und süß ist an mir auch nichts.« Er lachte, musterte sie daraufhin aber etwas genauer.
Und die schwere Handtasche, die sie bei sich hatte, ebenfalls. Nach dem ausführlichen Blick gab er die väterliche Masche auf. Sie war froh darum, viel Zeit für Geplänkel hatte sie nämlich nicht.
Die abgedroschenen alten Witze, die er ihr erzählte, wurden zusehends schneidiger, während er auf der Interstate 10 ostwärts fuhr. Billige neue Siedlungen und rosafarbene stuckverzierte Einkaufszentren wichen allmählich einer Landschaft mit rasiermesserscharfen Yuccapalmen und flirrender Hitze. Auf der ganzen Strecke lachte Lise über seine blöden Witze, bloß damit er wusste, dass sie bei der Stange blieb.
Die steile Anhöhe durch Beaumont und Banning und Cabazon hinauf lachte sie aufs Stichwort, beobachtete ihn beim Schalten und überlegte, ob sie den Laster auch ohne ihn fahren konnte. Oder nicht. Zweimal, um die Sache etwas zu beschleunigen, erzählte sie ihm Witze, die seinen kahlen Kopf flammend rot werden ließen.
Vor der Abzweigung nach Palm Springs schlug er vor, auf ein paar kühle Drinks und ein paar Spiele in einem indianischen Bingo-Palast Halt zu machen. Während sie zusah, wie die Sache funktionierte, verirrte sich seine Hand immer wieder hinten in ihr eng anliegendes Stretchtop.
Beim Gefühl, ihn so dicht auf der Pelle zu haben, seinen anzüglichen Blicken, seinem Geruch und dem verrauchten Gestank des Etablissements wurde ihr ganz feuchtkalt und klebrig zumute. Doch sie hielt sich wacker, würgte nicht, als sich ihr der Magen umdrehte. Übung hatte sie, fünf Jahre lang hatte sie sich wacker gehalten und dadurch überlebt. Um zehn, sprach sie sich Mut zu, sähe die Sache schon ganz anders aus.
Dem Bingo folgte eine Stunde Rumgeschmuse auf dem Vordersitz, und dann ging es den Highway hinunter zu einem Motel 6 — alle Zimmer zu $ 29.95, jedes mit Kabel-TV und Telefon. Er sagte ihr, was er wollte; sie bat sich aus, dass er vorher duschte.
In Riverside hatte er noch behauptet, er hieße Jack. Doch der Name auf dem in Louisiana ausgestellten Führerschein, den sie in seiner Brieftasche fand, lautete Henry LeBeau. Er stand singend unter der Dusche, als sie diese Entdeckung machte. Lise probierte ein paar Mal auf dem Hotelbriefpapier, seinen Namen zu schreiben, während sie vom Zimmertelefon aus ein Gespräch anmeldete. Mrs. Henry LeBeau, Lise LeBeau … Sie schrieb es, bis jemand abhob.
«Ich bin draußen«, sagte Lise.
«Du lügst.« «Ich doch nicht«, sagte sie.»Die Strafe fürs Lügen ist zu hoch.« «Ich hab meinen besten Mann bei dir gelassen. Der hätte mich angerufen.« «Wenn er könnte. Vielleicht ist dein bester Mann nicht so gut, wie du dachtest. Vielleicht bin ich besser.« Während sie darauf wartete, dass am anderen Ende der Leitung etwas gesagt wurde, schrieb sie noch ein paar Mal LeBeaus Namen, schrieb ihn, bis er sich ganz natürlich anfühlte.
Endlich drang mehr als nur schweres Keuchen aus dem Hörer.
«Wo bist du, Lise?« «Ziemlich weit weg und ganz woanders. Spar dir die Mühe, mich zu suchen, denn diesmal findest du mich nicht.« «Klar finde ich dich.« Sie legte auf.
Jack/Henry stellte die Dusche ab. Bevor er aus dem Badezimmer kam, frisch und sauber und auf Liebe hoffend, war Lise bereits weg aus dem Motel und unterwegs. Seine Brieftasche hatte sie eingesteckt.
Die Hitze draußen war nach dem kühlen, abgedunkelten Zimmer wie ein Frontalangriff: vierundvierzig Grad Celsius bei null Prozent Luftfeuchtigkeit, laut Anzeigetafel. Die Nachmittagssonne fiel Lise direkt in die Augen, und die Luft roch nach Lastwagentreibstoff und heißem Straßenpflaster, aber immer noch besser als der zwei Tage alte Schweiß, der ihnen aus dem Sattelschlepper ins Motel gefolgt war. Um diesen Gestank loszuwerden, musste sie ein Dutzend Mal heiße Luft holen.
Das Motel lag mitten in der Pampa an einer Ausfahrt auf halber Strecke zwischen L.A. und Phoenix: ein paar Tankstellen mit Garage und ein Minimarkt, und im Umkreis von hundert Meilen nur windzerzauste Kakteen und scharfkantige Felsen als Nachbarn. Die Augen abschirmend, lief Lise auf die Schnellstraße zu, schon unterwegs auf der Suche nach Möglichkeiten, bevor sie die Straße in Richtung Texaco-Tankstelle überquerte.
Das Treffen, an dem sie teilnehmen musste, würde in Palm Springs stattfinden, sie musste irgendwie dorthin gelangen. Sie wusste todsicher, dass sie nicht noch einmal in einen Lastwagen einsteigen würde, aber draußen konnte sie auch nicht bleiben.
Die Hitze knallte vom Himmel, prallte vom Straßenpflaster ab und nahm sie von zwei Seiten in die Zange. Lise bekam Panik. Wenn sie die nächsten fünfzehn, vielleicht zwanzig Minuten in der Sonne blieb, wäre sie mit Sicherheit gar gekocht. Doch es war nicht die Hitze, die sie unter das schützende Dach der Rastanlage trieb. Nachdem sie so lange eingesperrt gewesen war, fürchtete sie sich manchmal vor freien Plätzen.
In der Texaco-Tankstelle und dem angeschlossenen Minimarkt tummelte sich das übliche gemischte Publikum: schlecht gelaunte Familien in Minibussen, stämmige Lastwagenfahrer, Großstadtpflanzen im Wüstenoutfit mit übertrieben viel glänzendem Schmuck, alle darauf erpicht, möglichst schnell voll zu tanken, die Mücken von der Windschutzscheibe zu kratzen und wieder loszufahren, damit sie die Klimaanlage vor der erbarmungslosen Hitze bewahrte.
Als sie an den Zapfsäulen vorbeiging und auf eine günstige Gelegenheit wartete, glitt ein alter weißhaariger Kerl in einem großen neuen Cadillac an ihr vorbei und fuhr am Minimarkt seitlich heran. Ein sehr ordentlich wirkender Mann, dachte sie, einer von der Sorte, die nicht gern heiß und zerknittert wird. Wie ihr Vater. Als er aus dem Wagen stieg, um in den Minimarkt zu gehen, ließ der Armleuchter seinen Motor laufen und die Klimaanlage weiterblasen, damit es im Wageninneren schön kühl blieb.
Lise sah, wie der Mann im Laden drinnen einen Ständer mit Straßenkarten drehte, während sie in sein Auto stieg und davonfuhr.
Als sie an die Auffahrt kam, um wieder zurück Richtung Westen zu fahren, sah sie Mr.
Henry LeBeau halb angezogen und schwitzend wie einen abgehalfterten Ringer vor dem Motel stehen und aufgeregt um sich blicken, als ob er etwas verloren hätte.
«Bye, bye, Mr. LeBeau. «Lise lächelte der winzigen Gestalt zu, die in ihrem Rückspiegel verschwand.»Danke fürs Mitnehmen.« Dann blickte sie sich suchend um, rechnete fast damit, einen Verfolger auszumachen, eine Flotte von langen, glänzend schwarzen Wagen, die dazu abkommandiert waren, sie zu finden, zu umzingeln und wieder nach Hause zu bringen. So leicht konnte sie doch nicht entkommen.
Das einzig Glänzende, was sie sah, waren jedoch die Luftspiegelungen, die wie silberne Pfützen über die Schnellstraße verteilt waren. Sie wurde etwas gelöster, machte es sich auf dem Ledersitz bequem, richtete die Luftventile auf ihr Gesicht und schaltete den Radiosender des Cadillac von Geigengedudel auf Chopin um.
Ihre Verwandlung von der Rastplatzpuppe zur Einkaufszentrum-Matrone dauerte keine fünf Minuten. Sie wischte sich die üppige Schminke ab, die sie in Riverside aufgetragen hatte, bedeckte das knappe, ärmellose Oberteil mit einer Bluse aus ihrer Tasche, rollte die Aufschläge ihrer Jeansshorts herunter, bis ihre muskulösen Schenkel von acht weiteren Zentimetern Stoff bedeckt waren, tauschte die handgearbeiteten Stiefel gegen zierliche Ledersandalen aus und band ihr windzerzaustes Haar im Nacken zu einem ordentlichen Pferdeschwanz zusammen.