Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Der Gelehrte Lewko hinkte zu Ingrey hinüber und grüßte ihn mit einem raschen fünffachen Segen. Jokol kam hinterdrein, mit atemlosem, irrem Grinsen, wie er es vermutlich auch im wildesten Sturm auf hoher See zeigte, wenn sein Schiff über gewaltige Wellenberge klomm und alle geistig gesunden Männer sich an verfügbare Seile klammerten und schrien.
»Ho! Ingorry!«, rief er glücklich und salutierte geisterhaften Kriegern rechts und links, als wären sie lange verschollene Vettern. »Diese Nacht ist ein Lied wert!«
»Seid ihr nun die menschlichen Gefäße für die Götter?«, fragte Ingrey Lewko. »Seid ihr nun alle Heilige?«
»Ich war einmal ein Heiliger«, schnaufte Lewko, »und es fühlt sich anders an. Wenn ich raten müsste …« Sein funkelnder Blick über die dicht mit Spukgestalten bestandene Lichtung wurde schmaler und kam schließlich auf Ingrey zu ruhen.
Oswin und Hallana ließen ihr ausgepumptes Reittier zurück und näherten sich, aufeinander gestützt, über den unebenen Boden. Sie starrten die geisterhaften Krieger voller Verwunderung und Bestürzung an, und — so hätte Ingrey schwören mögen! — mit einer flammend gelehrigen Neugier, die auf ihre Weise nicht so weit von Jokols beängstigender Begeisterung entfernt war.
»Wenn ich raten müsste, Oswin«, fuhr Lewko zu seinem Kollegen gewandt fort, und Ingrey fühlte, dass es der Schlusspunkt einer hitzigen Debatte war, »würde ich sagen, dass wir alle zu heiligen Begräbnistieren geweiht wurden.«
Zuerst blickte Oswin ein wenig gekränkt, dann nachdenklich. Hallana kicherte seltsam fröhlich.
»Ingrey muss meine Geister läutern«, sagte Ijada mit fester Stimme. »Ich habe euch gesagt, dass es so sein würde.«
Eine zwei Tage währende Diskussion, vermutete Ingrey, aber in einer Gesellschaft, die — so seltsam sie auch zusammengesetzt sein mochte — beängstigend gut darauf vorbereitet war. Die Götter haben keine Hände in dieser Welt außer den unseren. Hand zu Hand zu Hand …
Biast erspähte seine Schwester, die zusammengesunken auf dem langen Grabhügel saß, nicht weit entfernt von Wenzels Leiche. Er eilte zu ihr, sank auf die Knie und umarmte sie. Sie steckten die Köpfe zusammen und sprachen miteinander, schnell und leise. Er drückte sie an sich, als sie zu zittern begann, doch sie weinte noch nicht.
»Ijada«, murmelte Ingrey, »wir dürfen nicht noch länger warten, wenn das klappen soll.« Er blickte zu den Geistergestalten, die sich nun ruhig verhielten und ihn in sehnsuchtsvoller Stille anstarrten. Als wäre ich ihre letzte Hoffnung auf den Himmel. »Wie soll ich … Was soll ich …« Was soll ich tun?
Ijada packte die Wolfsstandarte fest mit beiden Händen und richtete sich auf. »Du bist der Schamanen-König. Tu, was dir richtig erscheint, und es wird gut sein.« Neben ihr machte der goldgegürtete Marschall eine zustimmende Geste.
Viertausend, das sind so viele! Es kommt weniger darauf an, wo ich anfange, als dass ich anfange.
Langsam drehte Ingrey sich herum und erblickte den Krieger mit dem Wolfsumhang, den er bereits zuvor gesehen hatte.
Er winkte den Geist heran und schaute ihm in das fahle Antlitz. Die Geistergestalt lächelte und nickte freundlich, wie um ihn zu beruhigen, kniete dann vor Ingrey nieder, ergriff seine linke Hand und neigte das Haupt. Gebannt streckte Ingrey den rechten Zeigefinger hinab. Ein dünnes Rinnsal Blut strömte vom durchtränkten Verband, der seine wieder aufgerissene Wunde bedeckte, und hinterließ einen Tropfen Blut auf der Stirn des Kriegers. Es verwirrte Ingrey, dass der Geist sich nun fest anfühlte und nicht mehr flüssig wie zuvor, und er fragte sich, was das über seinen eigenen, veränderten Zustand aussagte.
»Komm«, flüsterte Ingrey, und der Seelenwolf, so alt und zermürbt, dass er kaum mehr war als ein dunkler Schleier, glitt durch seine Finger davon. Der Krieger stand auf und hob das Gesicht zu den Geistlichen, die alles beobachteten. Dann streckte er die Hand in Richtung des Gelehrten Oswin aus — in einer Geste, die zur Hälfte Gruß, zur Hälfte Bitte war. Oswin tauschte einen bangen Blick mit Hallana, die ihm energisch zunickte. Darauf hielt er dem Geist die Hand entgegen. Der Wolfskrieger schlug ein, lächelte beseligt und schmolz dahin.
»Oh«, sagte Oswin, dessen Stimme schwankte, während Tränen in seinen Augen glitzerten. »Oh, Hallana, ich wusste nicht …«
»Pssst«, meinte sie. »Jetzt wird alles gut, glaube ich.« Sie leckte sich die Lippen und betrachtete Ingrey, als wäre er eine Kreuzung zwischen einem berühmten Kirchenkunstwerk, zu dem sie Tage angereist war, und ihrem Lieblingskind.
Ingrey blickte sich wieder um und winkte einen anderen Krieger zu sich. Der Mann kniete nieder und hielt ungeschickt, aber voller Hoffnung seinen Kopf zwischen den Händen empor. Ingrey wiederholte die hellrote Salbung der Stirn, was immer dieses letzte Trankopfer aus der Welt der Materie auch wert sein mochte. Dann befreite er einen dunklen Falkengeist, der in die Nacht schwebte und verging. Auch dieser Krieger wandte sich zu Oswin, und kurz bevor der Mann sich auflöste, bemerkte Ingrey diesmal, dass der Körper wieder ganz wurde. Der Vater schenke dir eine schnelle Reise.
Ein jung aussehender Frauengeist trat vor, ein Banner in der Hand, das sich zum altertümlichen Symbol der fauchenden Katze entfaltete, dem Zeichen der Luchsensees. Diese Sippe war dahingeschwunden und schon vor zweihundert Jahren in der männlichen Linie ausgestorben. Ingrey ergriff ihre Hand und erkannte bestürzt, dass sich zwei weitere Seelen durch ihr Banner an sie klammerten. Ihr Luchs war traurig und heruntergekommen, und die beiden anderen Geschöpfe waren so sehr dahingeschwunden, dass man sie gar nicht mehr erkennen konnte.
Er zog drei rote Linien nebeneinander auf ihre Stirn, was auszureichen schien, denn sie stand auf und schritt zu Jokol. Dessen Gesicht hellte sich auf, und er stand plötzlich sehr gerade, nahm ihre Hand und küsste sie. Dann wisperte er der Geisterfrau etwas ins Ohr, ehe sie verschwand. Ingrey hätte schwören können, ein schwaches, leises Lachen zu hören, das plötzlich glücklich klang und für einen Augenblick noch hinter ihr in der Luft schwebte. Jokol für die Tochter, ja. Die Herrin des Frühlings ist bekannt dafür, ihre Segnungen im Übermaß zu gewähren.
Der Nächste war ein dünner alter Mann, der zu Lewko ging. Der Priester sah sehr nachdenklich aus, als der Geist ihn durchdrang. Selbstverständlich, Lewko für den Bastard.
»Prinz Biast«, rief Ingrey halblaut. »Es tut mir Leid, ich brauche Euch an meiner Seite.«
Biast steht für den Sohn. Natürlich.
»Ich fürchte, ich werde diese Nacht am wenigsten benötigt«, murmelte Hallana. Aufmerksam spähte sie zum Grabhügel hinüber. »Ich werde mich dort bei der armen Fara niederlassen, bis Ihr mich braucht. Ich nehme an, sie hat einiges erlebt.«
»Ja. Vielen Dank, Hochwürden«, meinte Ingrey. »Sie hat vom Anfang bis zum Ende am meisten mitgemacht. Schließlich aber hat sie sich daran erinnert, dass sie eine Prinzessin ist.«
Biast trat an Ingreys Seite und musterte ihn wachsam. Die Verzückung auf seinem Gesicht, wenn er Ingrey anschaute, war mit einem Hauch von Trotz durchmischt. In einem missglückten Versuch von Ironie brummte er: »Soll ich Euch hier Majestät nennen?«
»Ihr könnt mich nennen wie Ihr wollt, solange Ihr Euch nur der Aufgabe widmet. Ist Fara so weit in Ordnung?« Ingrey nickte quer über die Lichtung, wo Fara zusammengekauert saß und verbissen zusah, während Hallana sich neben ihr niederließ.
»Ich habe ihr angeboten, sie dorthin zu bringen, wo Symark und die Diener der Gelehrten warten, aber sie hat abgelehnt. Sie sagt, sie möchte Zeugin sein.«
»Das hat sie sich auch verdient.« Und es würde sie neben Ingrey zu dem einzigen Menschen machen, der alle Taten von Rossfluten miterlebt hatte, angefangen vom Tod ihres Vaters bis zu … was auch immer diese Nacht noch bringen mochte. Wenn er überlebte, würde das wichtig werden. Und falls ich nicht überlebe, könnte es sogar noch wichtiger sein.