Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
»Du wirst merken«, hauchte Rossfluten, »dass die geheiligte Königswürde von innen anders aussieht. Und so wird sich meine Rache verdoppeln. Und das Vergessen … ist immer noch mein.« Seine Stimme verklang mit einem Seufzer.
Obgleich Rossfluten sich nicht von seinem Grabhügel entfernte, schien er dem Blick zu entgleiten, wie ein stiller Leichnam, den man unter Wasser sieht. Der Last seiner beiden Mächte ledig — des erhabenen Pferdes und des geheiligten Königtums —, schrumpfte er zu einem Geist unter vielen, erkennbar nur noch an seiner grässlichen Vielheit, einer besonderen Dichte, die ihn noch immer umhüllte. Ja, dachte Ingrey, auch er ist ein Geist des Blutfeldes, der auf diesem heilig-verfluchten Boden starb. Er ist nicht mehr, doch er kann auch nicht weniger werden als das.
Aber was ist aus mir geworden?
Er konnte spüren, wie das mystische Königtum sich in ihm festsetzte, auf ihm und durch ihn. Es fühlte sich nicht an, als wäre er mit Stolz und Macht getränkt, bis zum Platzen voll und im Überfluss. Er fühlte sich, als würde ihm alles Blut aus den Adern gesaugt.
Ijada und Fara starrten ihn beide mit offenem Mund und einem körperlichen Verlangen an, wie schon Rossfluten es hervorgerufen hatte. Solche Blicke konnten einem Mann schon Flausen in den Kopf setzen. Doch Ingrey fühlte sich, als wollten sie ihn lebendig verspeisen.
Aber nicht Ijada und Fara — nun ja, sie auch — beunruhigten ihn, sondern die Geister. Wie unter einem Bann gehalten, rotteten sie sich um ihn zusammen, griffen nach ihm, strichen mit kühlen, feucht wirkenden Berührungen über seinen Leib und schienen ihm jegliche Wärme aus der Haut zu ziehen. Sie wurden zunehmend ungebärdig in ihrer Not, drängten einander aus dem Weg und kletterten sogar aufeinander, näher und näher an ihn heran. Verhungernde Bettler.
In der Welt der Materie kann nichts Spirituelles existieren, ohne dass es von lebender Materie genährt wird. Der alte Lehrsatz schoss ihm durch den Kopf. Viertausend noch immer verfluchte Seelen wimmelten über den Boden des Blutfeldes, wurden aber nicht mehr davon genährt. Stattdessen waren sie alle nun verbunden mit …
Ihm.
»Ijada …« Ingreys Stimme war nur noch ein Wimmern. »Ich kann sie nicht alle bewahren. Ich kann dem nicht standhalten.«
Ihm wurde kälter und kälter, während die Geister ihn betasteten. Wie ein Ertrinkender griff er nach Ijadas ausgestreckter Hand, und für einen Augenblick durchströmte ihn Lebenswärme — ihre Wärme! Doch sie schnappte nach Luft, als sie ebenfalls den unersättlichen Hunger der Geister an sich zerren fühlte. Sie werden uns beide in Stücke reißen und leer saugen. Und wenn keine Wärme zum Verteilen mehr blieb, würden seine und Ijadas gefrorene Leichen auf dem Boden zurückbleiben, und Dunst würde von ihnen aufsteigen. Und all jene, die hier gefangen waren, blieben dem Vergessen überlassen, in einem letzten, verhungernden Schrei voller Verlassenheit, Treuebruch und Verzweiflung.
»Ijada …! Lass los!« Er versuchte, ihr seine Hand zu entziehen.
»Nein!« Sie packte fester zu.
»Du musst loslassen. Nimm Fara und lauf, fort von hier, zurück durch die Sümpfe, schnell! Die Geister werden uns beide verzehren, wenn du es nicht tust!«
»Nein, Ingrey! So soll es nicht sein! Du musst sie läutern, so wie du Boleso geläutert hast, damit sie zu den Göttern gelangen können! Du kannst das, denn dafür wurdest du geschaffen, das schwöre ich dir!«
»Ich kann nicht! Es sind zu viele, ich kann dem nicht standhalten, und hier sind auch keine Götter!«
»Sie warten vor dem Tor!«
»Was?«
»Sie warten vor dem Durchgang in den Dornen, bis der Herr des Reiches ihnen Einlass gewährt. Audar hat diese Erde verflucht und versiegelt, und Rossfluten hat den Boden in seiner Wut und finsteren Verzweiflung gegen die Götter gehalten. Aber die alten Könige sind fort, und der neue König hat seine Huldigung empfangen.«
»Ich bin bloß ein König der Geister und Schatten, ein König der Toten.« Der sich schon bald zu seinen Untertanen gesellen wird.
»Öffne dein Reich den Fünfen. Fünf Sterbliche werden Sie hineintragen, aber du musst ihnen Einlass gewähren — lade Sie ein!« Sie zitterte nun ebenso stark wie er und betrachtete die heranbrandenden Geisterscharen. Ihre Stimme schraubte sich zitternd in die Höhe: »Ingreyyy, mach schnell!«
Halb wahnsinnig vor Furcht griff er mit seinen Sinnen aus. Ja, er fühlte die Grenzen seines verdorrten Reiches rings um sich in der Dunkelheit, ein unregelmäßiger Kreis, der einen Großteil des Talbodens umschloss und durchdrungen war von dem uralten Leid dieses Ortes. Es reichte bis hinter die Sümpfe, bis ganz zu dem Wall aus Brombeerhecken. Erst jetzt wurde Ingrey klar, dass seine erste Tat als letzter noch lebender Schamane des Alten Weald ohne sein Wissen vonstatten gegangen war, als er mit dem Schwert seinen Weg — unser aller Weg — durch die Mauer aus Dornenzweigen gebahnt hatte und damit die Grenzlinien des Blutfeldes durchbrach.
Jenseits der Schneise, die er geschlagen hatte, wartete eine vielfältige Präsenz, so ungeduldig wie die Teilnehmer eines königlichen Banketts. Wie sollte man Sie einlassen? Es verlangte nach Hymnen und Hosiannas, nach Chorgesang und Anrufungen voll Aufwand und Schönheit, nach Dichtern und Musikern, nach Gelehrten und Soldaten und Geistlichen. Stattdessen müssen sie sich mit mir zufrieden geben. So sei es.
»Tretet ein«, flüsterte Ingrey mit brechender Stimme, und dann: »Tretet ein!«
Der Widerhall schien die Nacht zu zerreißen, und ein erwartungsvoller Schauder durchlief die Viertausend wie eine gewaltige Welle, die gegen eine brüchige Küste kracht. Ingrey wappnete sich auszuharren, denn er fühlte seine Kraft wie in einem Wasserfall von sich strömen. Doch das geisterhafte Gedränge legte sich. Die Seelen hungerten nicht weniger, doch eine überraschte, neue Hoffnung legte sich über die Verzweiflung wie eine wärmende Decke.
Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, bis ein menschlicher Laut die dunklen Wälder durchdrang und ein schwaches, orangenes Licht sich näherte. Ein Knistern und Krachen von Gesträuch; ein dumpfer Aufprall und ein gemurmelter Fluch; ein erregtes Streitgespräch, abgeschnitten vom forschen Ruf der Gelehrten Hallana: »Da hinten! Nach links, Oswin!«
Auf die Lichtung stolperte eine Schar, wie Ingrey sie sich in seinen wildesten Träumen nicht ausgemalt hätte. Der Gelehrte Oswin saß auf einem strauchelnden Pferd, hinter sich im Sattel seine Frau, die sich mit einem Arm an ihm festklammerte und mit dem anderen die Richtung wies. Prinz Biast, erschüttert beim Anblick der wogenden Geistermenge, ritt hinter ihnen auf einem weiteren, sichtlich mitgenommenem Pferd. Der Gelehrte Lewko kam zu Fuß am Ende der Gruppe, gemeinsam mit Fürst Jokol, der eine Fackel hochreckte. Lewkos einstmals weiße Robe war an einer Seite bis zum Oberschenkel schlammbesudelt, und alle waren sie schweißdurchtränkt, zerzaust und mit Straßenschmutz besudelt.
»Hallana!« Als wäre alles nun in Ordnung, winkte Ijada dankbar. »Kommt hierher, rasch!«
»Du hast sie erwartet?«, wollte Ingrey von ihr wissen.
»Wir sind die letzten zwei Tage Hals über Kopf zusammen gereist. Bei den Fünfen, was für eine Reise! Der Fürstmarschall hat uns alle angeführt. Ich bin schließlich vorausgaloppiert — mein Herz hat mir Eile geboten, und ich war rasend vor Angst.«