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Erniedrigte und Beleidigte
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»Das sieht der Schelmin ähnlich. Aber woher weißt du es denn?«

»Mama hat es mir ja selbst gesagt... durch Andeutungen...«

»Was macht Nelly? Wie geht es ihr?« fragte ich.

»Ich wundere mich sogar über dich, Wanja, daß du bis jetzt nicht nach ihr gefragt hast«, sagte Natascha vorwurfsvoll.

Nelly war in diesem Haus der Abgott aller. Natascha hatte eine außerordentliche Liebe zu ihr gefaßt, und Nelly hatte diese Liebe schließlich von ganzem Herzen erwidert. Das arme Kind! Sie hatte nicht erwartet, daß sie jemals solche Menschen, soviel Liebe finden werde, und ich sah mit großer Freude, daß ihr verbittertes Herz weich wurde und ihre Seele sich uns allen erschloß. Mit einer krankhaften Glut der Empfindung erwiderte sie die allgemeine Liebe, von der sie jetzt im Gegensatz zu all dem Häßlichen umgeben war, was früher bei ihr Mißtrauen, Bosheit und Eigensinn zur Entwicklung gebracht hatte. Übrigens hatte Nelly auch jetzt lange hartnäckigen Widerstand geleistet und die stillen Tränen der Versöhnung uns lange verheimlicht, bis sie sich uns schließlich ganz ergab. Sie gewann zuerst Natascha sehr lieb und dann den alten Mann. Ich aber wurde ihr dermaßen notwendig, daß ihre Krankheit sich verschlimmerte, wenn ich längere Zeit nicht kam. Als ich das letztemal auf zwei Tage Abschied nahm, um endlich meine rückständige Arbeit zu beendigen, mußte ich ihr lange tröstend zureden, natürlich auf Umwegen. Denn Nelly schämte sich immer noch, ihr Gefühl allzu offen und unverhohlen zu zeigen.

Ihr Gesundheitszustand beunruhigte uns alle sehr. Stillschweigend und ohne alle weiteren Erörterungen war beschlossen worden, daß sie für immer in Nikolai Sergejewitschs Hause bleiben solle; aber nun rückte der Umzug näher, und ihr ging es immer schlechter und schlechter. Begonnen hatte die Krankheit an dem Tag, als ich damals mit ihr zu den alten Leuten gekommen war, an dem Tag der Versöhnung mit Natascha. Übrigens, was sage ich da? Krank war sie immer schon gewesen. Die Krankheit war auch früher in ihr allmählich gewachsen, jetzt aber hatte sie mit rapider Geschwindigkeit zugenommen. Ich kannte ihre Krankheit nicht und vermag sie nicht genau zu definieren. Die epileptischen Anfälle wiederholten sich bei ihr allerdings etwas häufiger als früher; aber die Hauptsache war doch eine Art von Erschöpfung und Verfall der gesamten Kräfte, ein ununterbrochener Zustand fieberhafter Spannung; dadurch war sie in den letzten Tagen dahin gekommen, daß sie nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte. Und sonderbar: je mehr sie von der Krankheit überwältigt wurde, um so sanfter, freundlicher, offenherziger wurde Nelly gegen uns. Vor drei Tagen hatte sie, als ich an ihrem Bett vorbeiging, mich bei der Hand ergriffen und mich zu sich herangezogen. Im Zimmer war niemand. Ihr Gesicht glühte (sie war schrecklich mager geworden); in ihren Augen leuchtete ein besonderes Feuer. Sie reckte sich mit krampfhafter Leidenschaftlichkeit zu mir hin, und als ich mich über sie beugte, umschlang sie meinen Hals fest mit ihren mageren braunen Ärmchen und küßte mich herzlich; dann aber wünschte sie sofort, Natascha möchte zu ihr kommen. Ich rief diese herbei; Nelly wollte durchaus, daß Natascha sich zu ihr auf das Bett setzte und sie ansähe...

»Ich selbst will euch beide ansehen«, sagte sie. »Ich habe gestern von euch geträumt und werde heute nacht wieder von euch träumen... ich träume oft von euch... jede Nacht...«

Sie wollte offenbar etwas aussprechen; ihr Gefühl drückte ihr das Herz ab; aber sie verstand wohl selbst ihre Gefühle nicht und wußte nicht, wie sie sie ausdrücken sollte...

Den alten Nikolai Sergejewitsch liebte sie fast am allermeisten außer mir. Es muß bemerkt werden, daß auch Nikolai Sergejewitsch sie beinah ebensosehr liebte wie seine eigene Tochter. Er besaß in erstaunlichem Maße die Fähigkeit, Nelly zu erheitern und zum Lachen zu bringen. Manchmal war er kaum zu ihr hereingekommen, so fing auch sofort das Lachen und sogar das mutwillige Treiben an. Das kranke Mädchen wurde lustig wie ein kleines Kind, kokettierte mit dem Alten, neckte ihn, erzählte ihm ihre Träume, wobei sie immer etwas hinzu erdichtete, und veranlaßte ihn, auch die seinigen zu erzählen; und der Alte war beim Anblick seines ›kleinen Töchterchens Nelly‹ so fröhlich und zufrieden, daß er täglich immer mehr über sie in Entzücken geriet.

»Gott hat sie uns geschickt zum Lohn für unsere Leiden«, sagte er mir einmal, als er von Nelly herauskam, nachdem er sie nach seiner Gewohnheit für die Nacht bekreuzt hatte.

Abends saßen wir immer alle zusammen; auch Masslobojew kam fast allabendlich; mitunter stellte sich auch der alte Arzt ein, der sich der Familie Ichmenew von ganzer Seele angeschlossen hatte; und auch Nelly wurde dann in ihrem Lehnstuhl zu uns herausgetragen und an den runden Tisch gerückt. Die Tür zur Terrasse war geöffnet. Das grüne, von der untergehenden Sonne beleuchtete Gärtchen war in seiner ganzen Ausdehnung sichtbar. Der Duft des frischen Grüns und des eben aufblühenden Flieders zog von dort ins Zimmer. Nelly saß in ihrem Lehnstuhl, sah uns alle freundlich an und hörte unserem Gespräch zu. Manchmal aber wurde sie lebhafter, und ehe wir uns dessen versahen, begann sie selbst mitzureden. Aber in solchen Fällen hörten wir alle ihr gewöhnlich nur mit starker Besorgnis zu, weil in ihren Erinnerungen Stellen vorkamen, die nicht berührt werden durften. Natascha und ich und das Ichmenewsche Ehepaar, wir alle waren uns in vollem Umfang bewußt, daß wir ihre Krankheit verschuldet hatten, als sie an jenem Tag, zitternd und abgemattet, uns ihre Geschichte hatte erzählen müssen. Besonders der Arzt war gegen diese Erinnerungen, und so bemühten wir uns denn gewöhnlich, das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu bringen. Dann gab sich wieder Nelly Mühe, uns nicht merken zu lassen, daß sie unsere Absicht durchschaue, und begann, mit dem Arzt oder mit Nikolai Sergejewitsch Scherz zu treiben.

Und doch wurde es mit ihr immer schlechter und schlechter. Sie wurde außerordentlich nervös. Ihr Herz schlug unregelmäßig. Der Arzt sagte mir sogar, es sei sehr möglich, daß sie bald sterbe.

Ich teilte dies der Ichmenewschen Familie nicht mit, um sie nicht zu beunruhigen. Nikolai Sergejewitsch war durchaus überzeugt, daß sie zur Reise wieder gesund sein werde.

»Da ist auch Papa zurückgekommen«, sagte Natascha, da sie seine Stimme hörte. »Wir wollen hineingehen, Wanja!«

Nikolai Sergejewitsch hatte kaum die Schwelle überschritten, als er nach seiner Gewohnheit laut zu reden anfing. Anna Andrejewna winkte ihm schleunigst mit den Armen, er möchte ruhig sein. Der Alte verstummte denn auch sofort, und als er mich und Natascha erblickte, erzählte er uns flüsternd und in eilfertiger Manier von dem Ergebnis seiner Gänge: er hatte die Stelle, um die er sich bemühte, nun sicher und war sehr zufrieden.

»In vierzehn Tagen können wir hinfahren«, sagte er, indem er sich die Hände rieb und von der Seite einen besorgten Blick auf Natascha richtete.

Aber diese antwortete ihm mit einem Lächeln und umarmte ihn, so daß seine Besorgnisse sofort zerstreut waren.

»Wir wollen hinfahren, wir wollen hinfahren, meine Lieben, wir wollen hinfahren!« sagte er hocherfreut. »Nur daß wir uns von dir trennen müssen, Wanja, tut uns leid...« (Ich bemerkte, daß er mich kein einziges Mal aufgefordert hatte, mit ihnen mitzuziehen, was er, nach seinem Charakter zu urteilen, unter anderen Umständen unfehlbar getan haben würde, das heißt, wenn er nicht meine Liebe zu Natascha gekannt hätte.)

»Nun, was ist da zu machen, meine Lieben, was ist da zu machen? Es tut mir leid, Wanja; aber die Ortsveränderung wird uns alle neu beleben... Eine Ortsveränderung, das bedeutet, daß sich alles ändert!« fügte er hinzu und blickte dabei noch einmal seine Tochter an.

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