Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
Nelly sprang auf, machte sich von Anna Andrejewnas Armen frei und stand blaß, erschöpft und in höchster Erregung mitten unter uns. Aber Anna Andrejewna eilte auf sie zu, schlang von neuem die Arme um sie und rief wie in Verzückung:
»Ich, ich werde jetzt deine Mutter sein, Nelly, und du mein Kind! Ja, Nelly, laß uns fortgehen; verlassen wir all diese grausamen, schlechten Menschen! Mögen sie sich aus dem Urteil anderer Menschen nichts machen; aber Gott, Gott wird es ihnen heimzahlen... Komm, Nelly, komm weg von hier, laß uns fortgehen!...«
Niemals, weder vorher noch nachher, habe ich sie in einem solchen Zustand gesehen, und ich hätte nicht gedacht, daß sie sich jemals in solcher Erregung befinden könne. Nikolai Sergejewitsch richtete sich in seinem Lehnstuhl gerade, erhob sich ein wenig und fragte mit stockender Stimme:
»Wo willst du hin, Anna Andrejewna?«
»Zu ihr, zu meiner Tochter, zu Natascha!« rief sie und zog Nelly hinter sich her, der Tür zu.
»Halt, halt, warte einen Augenblick!«
»Wozu soll ich noch warten, du hartherziger, böser Mensch! Ich habe lange genug gewartet, und sie hat lange genug gewartet; jetzt leb wohl!...«
Nach dieser Antwort drehte die alte Frau sich noch einmal um, blickte zu ihrem Mann hin und wurde starr vor Staunen. Nikolai Sergejewitsch stand vor ihr, hatte seinen Hut ergriffen und mühte sich mit seinen zitternden, kraftlosen Händen, eilig seinen Mantel anzuziehen.
»Du... du willst auch mit mir kommen?« rief sie, die Hände faltend, und sah ihn zweifelnd an, als ob sie an ein so großes Glück gar nicht zu glauben wage.
»Natascha, wo ist meine Natascha? Wo ist sie? Wo ist meine Tochter?« rang es sich endlich wie ein Schrei aus der Brust des alten Mannes. »Gebt mir meine Natascha wieder! Wo, wo ist sie?«
Er ergriff den Krückstock, den ich ihm reichte, und eilte zur Tür.
»Er hat ihr verziehen! Er hat ihr verziehen!« rief Anna Andrejewna.
Aber der alte Mann gelangte nicht bis zur Schwelle. Die Tür wurde hastig aufgerissen, und Natascha stürzte ins Zimmer, blaß, mit fieberhaft glänzenden Augen. Ihr Kleid war zerdrückt und vom Regen durchnäßt. Das Tuch, das sie sich um den Kopf gebunden hatte, war ihr in den Nacken gerutscht, und in ihren verwirrten, dichten Haarsträhnen funkelten große Regentropfen. Sie kam hereingelaufen, erblickte ihren Vater, fiel aufschreiend vor ihm auf die Knie und streckte die Arme nach ihm aus.
Neuntes Kapitel
Aber er hielt sie schon in seinen Armen!... Er hatte sie umfaßt, hob sie wie ein kleines Kind in die Höhe, trug sie zu seinem Lehnstuhl, setzte sie hinein und fiel selbst vor ihr auf die Knie. Er küßte ihre Hände, ihre Füße; er küßte Natascha eilig und betrachtete sie immer wieder, als könne er immer noch nicht glauben, daß sie wieder bei ihm sei, daß er sie wieder sehe und höre, sie, seine Tochter, seine Natascha. Anna Andrejewna umarmte ihre Tochter schluchzend, drückte deren Kopf an ihre Brust und verharrte regungslos in dieser Umschlingung, unfähig, ein Wort zu sagen.
»Mein Herzchen!... Mein süßes Leben!... Du meine Freude!...« stammelte der Alte unzusammenhängend, ergriff Nataschas Hände und blickte wie ein Verliebter in ihr blasses, mageres, aber schönes Gesicht und in ihre Augen, in denen Tränen glänzten. »Du meine Freude, du mein Kind!« wiederholte er und verstummte dann wieder und schaute sie wie in einem Andachtsrausch an.
»Wie hat man mir nur sagen können, daß sie ganz mager geworden sei!« sagte er hastig, immer noch vor ihr kniend und sich mit einem kindlichen Lächeln zu uns umwendend. »Ein bißchen schmaler sieht sie aus, das ist richtig, ein bißchen blaß; aber seht sie doch einmal an, wie hübsch sie ist! Noch schöner, als sie früher war, ja, noch schöner!« fügte er hinzu und verstummte unwillkürlich infolge jener aus Schmerz und Freude gemischten Empfindung, bei der einem beinahe das Herz zerspringt.
»Stehen Sie auf, Papa! So stehen Sie doch auf!« sagte Natascha. »Ich möchte Sie ja doch auch küssen...«
»O mein liebes, gutes Kind! Hörst du wohl, hörst du wohl, liebe Anna, wie hübsch sie das gesagt hat?«
Und er umarmte sie krampfhaft.
»Nein, Natascha, ich, ich muß so lange zu deinen Füßen liegen, bis mein Herz fühlt, daß du mir verziehen hast; denn verdienen kann ich jetzt niemals, niemals, daß du mir verzeihst! Ich habe dich verstoßen, ich habe dich verflucht; hörst du wohl, Natascha, ich habe dich verflucht − und ich habe das übers Herz gebracht!... Aber du, du, Natascha: hast du das glauben können, daß ich dich verflucht hätte? Du hast es geglaubt, ja, du hast es geglaubt! Das durftest du nicht glauben! Du hättest es nicht glauben sollen, es einfach nicht glauben sollen! Du grausames Herz! Warum bist du nicht zu mir gekommen? Du wußtest ja, daß ich dich freundlich aufnehmen würde... O Natascha, du erinnerst dich doch, wie lieb ich dich früher gehabt habe: nun, aber jetzt und während dieser ganzen Zeit habe ich dich noch einmal so lieb, tausendmal so lieb gehabt wie früher. Ich liebe dich mit jeder Fiber meines Herzens! Ich möchte mir das Herz aus dem Leib reißen und dir zu Füßen legen!... O du meine Lebensfreude!«
»Küssen Sie mich doch auf den Mund, Sie Grausamer; küssen Sie mich doch auf das Gesicht, so wie mich Mama küßt!« rief Natascha mit matter, schwacher, von Tränen der Freude halb erstickter Stimme.
»Und auf die lieben Augen! Und auf die lieben Augen! Erinnerst du dich noch, wie ich es früher immer tat«, sagte der Alte nach einer langen, wonnigen Umarmung mit seiner Tochter. »O Natascha! hast du denn auch wohl manchmal von uns geträumt? Ich habe von dir fast jede Nacht geträumt, und jede Nacht bist du zu mir gekommen, und ich habe um dich geweint. Und einmal kamst du als kleines Mädchen; erinnerst du dich? als du eben erst zehn Jahre alt warst und eben erst anfingst, Klavier zu spielen; du kamst in einem kurzen Kleidchen, mit hübschen Schuhchen und mit roten Händchen... sie hatte ja doch damals solche roten Händchen, weiß du noch, liebe Anna? Du kamst zu mir und setztest dich auf meinen Schoß und umarmtest mich... Und du, und du, du böses Mädchen, du hast denken können, ich hätte dich verflucht und ich würde dich nicht aufnehmen, wenn du zu mir kämst! Und dabei bin ich (hörst du wohl, Natascha?), dabei bin ich so oft zu dir hingegangen; deine Mutter hat es nicht gewußt, und kein Mensch hat es gewußt; und da stand ich dann unter deinen Fenstern und wartete; einen halben Tag lang habe ich manchmal auf dem Trottoir bei deiner Haustür gewartet, ob du nicht herauskommen würdest, damit ich dich auch nur von weitem sähe! Und abends brannte bei dir manchmal eine Kerze auf dem Fensterbrett; wie oft bin ich da abends zu dir gegangen, Natascha, um wenigstens nach deiner Kerze hinzusehen, um wenigstens deinen Schatten am Fenster zu erblicken und dich für die Nacht zu segnen. Hast du mich auch für die Nacht gesegnet? Hast du an mich gedacht? Hat dein Herz es gefühlt, daß ich da unter deinem Fenster stand? Und wie oft bin ich im Winter spätabends deine Treppe hinaufgestiegen, habe auf dem dunklen Flur gestanden und durch die Tür gehorcht, ob ich nicht deine liebe Stimme hören könne! Lachst du mich nicht aus? Und ich hätte dich verflucht? Ich war ja neulich abends zu dir gegangen, um dir zu sagen, daß ich dir verziehe, und erst an der Tür bin ich wieder umgekehrt... O Natascha!«