Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Ja, das mag sein; aber die befinden sich auch in gesicherter Lebensstellung und schreiben nicht für einen bestimmten Termin; ich dagegen bin ein Postklepper! Na, aber das ist alles dummes Zeug! Lassen wir es beiseite, Nataschenka! Nun, gibt es nichts Neues?«
»O doch, vieles. Erstens ein Brief von ihm.«
»Noch einer?«
»Ja, noch einer.«
Sie reichte mir einen Brief von Aljoscha. Es war schon der dritte nach der Trennung. Den ersten hatte er noch aus Moskau geschrieben, und zwar in einem Anfall von leidenschaftlicher Erregung. Er hatte ihr darin mitgeteilt, die Umstände hätten sich so gestaltet, daß es ihm schlechterdings unmöglich sei, von Moskau nach Petersburg zurückzukehren, wie das bei der Trennung in Aussicht genommen worden sei. In dem zweiten Brief hatte er sich beeilt, sie zu benachrichtigen, daß er nächstens bei uns eintreffen werde, um sich schleunigst mit Natascha trauen zu lassen; das sei beschlossene Sache, und keine Gewalt der Erde könne es hindern. Dabei aber ging aus dem ganzen Ton des Briefes hervor, daß er sich in Verzweiflung befand, daß fremde Einwirkungen ihn bereits vollständig überwunden hatten und daß er zu sich selbst kein Vertrauen mehr hatte. Er hatte darin unter anderem erwähnt, daß Katja seine Vorsehung sei; sie sei die einzige, die ihn tröste und aufrechterhalte. Mit großem Interesse entfaltete ich seinen jetzigen dritten Brief. Er füllte zwei Briefbogen, war in abgerissenen Sätzen, unordentlich, hastig und unleserlich geschrieben und von Tintenflecken und Tränen entstellt. Am Anfang dieses Briefes sagte Aljoscha sich von Natascha los und bat sie, ihn zu vergessen. Er bemühte sich, zu beweisen, daß ihre Verbindung unmöglich sei; fremde, feindliche Einflüsse seien stärker als er; und schließlich sei es so auch das beste, da sie alle beide, er sowohl wie Natascha, unglücklich werden würden, weil sie nicht zueinander paßten. Aber er blieb nicht konsequent, ließ auf einmal all seine Erwägungen und Beweise außer acht und gestand, ohne die erste Hälfte seines Briefes zu zerreißen und wegzuwerfen, unmittelbar dahinter, daß er sich Natascha gegenüber eines Verbrechens schuldig gemacht habe, daß er ein verlorener Mensch sei und nicht die Kraft besitze, dem Willen seines Vaters zu widerstehen, der jetzt auf das Land gekommen sei. Er schrieb, er sei nicht imstande, seine Qualen zu schildern; dann gestand er unter anderem, er fühle sich vollkommen dazu befähigt, Natascha glücklich zu machen; darauf begann er auf einmal zu beweisen, daß sie durchaus zueinander paßten, widerlegte heftig und ingrimmig die Gegengründe seines Vaters, entwarf voller Verzweiflung ein Bild des glückseligen Lebens, das ihm und Natascha bevorstände, wenn sie sich heirateten, verfluchte sich wegen seiner Schwachmütigkeit und − sagte ihr für immer Lebewohl! Der Brief war augenscheinlich unter Qualen geschrieben; bei seiner Abfassung hatte er offenbar nicht aus, nicht ein gewußt; mir kamen beim Durchlesen die Tränen in die Augen. Natascha reichte mir noch einen anderen Brief von Katja. Dieser Brief war in ein und demselben Kuvert mit dem von Aljoscha gekommen, war aber besonders gesiegelt gewesen. Katja teilte ihr ziemlich kurz, in wenigen Zeilen, mit, daß Aljoscha in der Tat sehr traurig sei, viel weine und sich geradezu der Verzweiflung hingebe, ja sogar ein wenig krank sei; aber sie sei bei ihm, und er werde noch glücklich werden. Unter anderem bat Katja, Natascha möge nicht denken, daß Aljoscha sich so bald trösten könne und daß seine Traurigkeit nicht ernst sei. ›Er wird Sie niemals vergessen‹, fügte Katja hinzu; ›und er kann Sie auch schlechterdings niemals vergessen, weil er ein so gutes Herz hat; er liebt Sie grenzenlos und wird Sie immer lieben, und wenn er jemals aufhören sollte, Sie zu lieben, jemals aufhören sollte, bei der Erinnerung an Sie Schmerz zu empfinden, so würde ich selbst dafür sofort aufhören, ihn zu lieben...‹
Ich gab Natascha die beiden Briefe zurück: wir wechselten einen Blick miteinander; aber keiner von uns sagte ein Wort. So war es auch bei den ersten beiden Briefen gewesen, und überhaupt vermieden wir es jetzt wie auf Verabredung, über die Vergangenheit zu reden. Sie litt unsäglich; das sah ich; aber selbst mir gegenüber mochte sie sich nicht aussprechen. Nach der Rückkehr ins Elternhaus hatte sie drei Wochen lang an einem Nervenfieber krank gelegen und sich erst jetzt einigermaßen erholt. Wir redeten sogar wenig über die nahe bevorstehende Veränderung unseres Lebens, obgleich sie wußte, daß ihr Vater eine Stelle bekommen sollte und wir uns bald voneinander trennen mußten. Trotzdem war sie gegen mich so zärtlich und aufmerksam, interessierte sich in dieser ganzen Zeit so für alles, was mich betraf, und hörte mit so beharrlicher, gespannter Aufmerksamkeit alles an, was ich ihr auf ihr Verlangen von mir erzählte, daß mir das zuerst sogar peinlich war: ich hatte die Empfindung, als wolle sie mich für die Vergangenheit entschädigen. Aber diese peinliche Empfindung verschwand schnelclass="underline" Ich erkannte, daß in ihr ein ganz anderes Gefühl lebendig war, daß sie mich einfach liebte, grenzenlos liebte, ohne mich nicht leben konnte und aus innerem Drang an allem, was mich betraf, Anteil nahm; und ich glaube, nie hat eine Schwester einen Bruder so warm geliebt, wie mich Natascha liebte. Ich wußte sehr wohl, daß der Gedanke an unsere bevorstehende Trennung sie schwer bedrückte und daß sie sich grämte; und sie wußte ebenfalls, daß ich nicht ohne sie leben konnte; aber wir redeten nicht davon, obwohl wir über die bevorstehenden Ereignisse eingehend miteinander sprachen...
Ich fragte nach Nikolai Sergejewitsch.
»Ich denke, er wird bald zurückkommen«, antwortete Natascha. »Er wollte zum Tee wieder hier sein.«
»Bemüht er sich denn immer noch wegen der Stelle?«
»Ja; übrigens ist es eigentlich schon sicher, daß er die Stelle bekommt; und ich glaube, er hatte heute gar keinen Anlaß, wegzugehen«, fügte sie nachdenklich hinzu.
»Er hätte es auch bis morgen lassen können.«
»Warum ist er denn dann fortgegangen?«
»Weil ich den Brief erhalten hatte...«
»Er ist um mich so ängstlich besorgt«, fügte Natascha nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, »daß es mir geradezu peinlich ist, Wanja. Ich glaube, er träumt sogar nur von mir. Ich bin überzeugt, daß er keinen anderen Gedanken hat als den, wie ich mich befinde, wie ich lebe, woran ich jetzt denke. Jeder Kummer, den ich habe, findet in seinem Herzen einen Widerhall. Ich sehe ja, in wie ungeschickter Weise er manchmal versucht, sich Gewalt anzutun und eine Miene zu machen, als gräme er sich nicht um mich; ich sehe, wie er sich vergnügt stellt und sich Mühe gibt, zu lachen und uns zum Lachen zu bringen. Mama glaubt bei solchen Gelegenheiten auch nicht an sein Lachen, kann sich aber nicht beherrschen und fängt an zu seufzen... Sie ist gar zu ungeschickt... Eine aufrichtige Seele!« fügte sie lachend hinzu. »Siehst du, als ich nun heute die Briefe bekam, da hielt er sogleich für nötig wegzugehen, damit unsere Blicke sich nicht träfen... Ich liebe ihn mehr als mich selbst, mehr als alle Menschen in der Welt, Wanja«, fügte sie hinzu, indem sie den Kopf sinken ließ und mir die Hand drückte, »sogar mehr als dich.«
Wir gingen zweimal im Garten auf und ab, bevor sie wieder anfing weiterzusprechen.
»Heute war Masslobojew bei uns und gestern ebenfalls«, sagte sie.
»Ja, er ist in letzter Zeit recht oft zu euch gekommen.«
»Weißt du auch wohl, warum er herkommt? Mama glaubt an ihn, als ob er wer weiß was könnte. Sie denkt, er kenne all diese Dinge (na, ich meine die Gesetze und all so etwas), er kenne das alles so gut, daß er alles zu bewerkstelligen imstande sei. Was meinst du wohl, was ihr jetzt für ein Gedanke im Kopf herumgeht? Sie bedauert es im stillen sehr, daß ich nicht Fürstin geworden bin. Dieser Gedanke läßt ihr keine Ruhe, und wie es scheint, hat sie sich gegen Masslobojew darüber offen ausgesprochen. Mit dem Vater scheut sie sich davon zu reden; aber sie denkt, ob ihr Masslobojew nicht dabei irgendwie behilflich sein könne, ob es sich nicht auf gerichtlichem Wege erreichen lasse. Masslobojew widerspricht ihr anscheinend nicht, und sie setzte ihm jedesmal Wein vor«, fügte Natascha lächelnd hinzu.