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Erniedrigte und Beleidigte
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»Aber an Ihrem, hastigen Arbeiten sind Sie doch selbst schuld, Iwan Petrowitsch. Warum trödeln Sie so lange, daß Sie zuletzt die Nächte hindurch arbeiten müssen?« Alexander Petrowitsch war gewiß ein sehr liebenswürdiger Mensch, wiewohl er eine besondere Schwäche hatte: nämlich mit seinem literarischen Urteil gerade denjenigen gegenüber großzutun, von denen er selbst vermutete, daß sie ihn völlig durchschauten. Aber ich hatte keine Lust, mit ihm über Literatur zu disputieren, sondern nahm das Geld hin und griff nach meinem Hut. Alexander Petrowitsch beabsichtigte, nach den Inseln zu fahren, wo er eine Sommerwohnung hatte, und als er hörte, daß ich nach der Wassili-Insel wolle, bot er mir großmütig an, mich in seinem Wagen hinzubringen.

»Ich habe nämlich ein neues Wägelchen; haben Sie es noch nicht gesehen? Ein allerliebstes Ding!«

Wir gingen zur Haustür. Der Wagen war wirklich sehr hübsch, und Alexander Petrowitsch hatte in der ersten Zeit seines Besitzes eine außerordentliche Freude an ihm und empfand sogar das seelische Bedürfnis, seine Bekannten darin mitfahren zu lassen.

Während der Fahrt erging sich Alexander Petrowitsch wieder mehrmals in Betrachtungen über die moderne Literatur. Vor mir genierte er sich nicht und wiederholte mit der größten Seelenruhe verschiedene fremde Gedanken, die er neuerdings von dem einen oder dem anderen der Literaten gehört hatte, zu denen er Vertrauen hatte und deren Urteil er hochschätzte. Dabei begegnete es ihm manchmal, recht wunderliche Dinge hochzuschätzen. Es passierte ihm auch, daß er eine fremde Ansicht unrichtig wiedergab oder sie an eine falsche Stelle brachte, so daß Unsinn herauskam. Ich saß da, hörte schweigend zu und wunderte mich über die Mannigfaltigkeit und Launenhaftigkeit der menschlichen Leidenschaften. »Da ist nun ein Mensch«, dachte ich im stillen, »der weiter nichts tun sollte, als immer nur Geld zusammenzuscharren; aber nein, es verlangt ihn noch nach Ruhm, nach literarischem Ruhm, nach dem Ruhm eines guten Herausgebers und Kritikers.«

In diesem Augenblick bemühte er sich, mir eingehend einen literarischen Gedanken auseinanderzusetzen, den er drei Tage vorher von mir selbst gehört, dessen Richtigkeit er damals mir selbst gegenüber heftig bestritten hatte, den er aber jetzt für seinen eigenen ausgab. Aber dem guten Alexander Petrowitsch begegnete eine solche Vergeßlichkeit alle Augenblicke, und er war wegen dieser harmlosen Schwäche bei all seinen Bekannten berühmt. Wie vergnügt war er jetzt, wo er in seinem eigenen Wagen sich selbst reden hören konnte, wie zufrieden mit seinem Schicksal, wie großmütig! Er führte ein wissenschaftliches Gespräch über Literatur, und sogar seine weiche, freundliche Baßstimme bekam dabei einen wissenschaftlichen Klang. Allmählich ging er zu einer scharfen Kritik über und sprach seine naive skeptische Überzeugung aus, daß weder in unserer Literatur noch in irgendeiner anderen bei jemandem Ehrlichkeit und Bescheidenheit zu finden seien; es gäbe nur ein »Sich-gegenseitig-in-die-Fresse-Schlagen‹, besonders bei Beginn der Subskription. Ich dachte bei mir, daß Alexander Petrowitsch wohl auch geneigt sei, jeden ehrlichen, aufrichtigen Schriftsteller wegen dieser seiner Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, wenn nicht für einen kompletten Schafskopf, so doch mindestens für töricht zu halten. Selbstverständlich entsprang dieses Urteil unmittelbar der außerordentlichen Herzensreinheit Alexander Petrowitschs.

Aber ich hörte ihm nicht mehr zu. Auf der Wassili-Insel ließ er mich aussteigen, und ich lief zu unseren Leuten. Da war schon die Dreizehnte Linie, und da war ihr Haus. Als Anna Andrejewna mich erblickte, drohte sie mir mit dem Finger und gab mir durch Armbewegungen zu verstehen, daß ich keinen Lärm machen solle.

»Nelly ist eben eingeschlafen, das arme Kind!« flüsterte sie mir eilig zu. »Um Gottes willen, weck sie nicht auf! Gar zu schwach ist sie, die liebe Kleine! Wir sind in großer Sorge um sie. Der Arzt sagt, ihr Zustand sei vorläufig nicht bedenklich; aber aus dem ist ja nichts Gescheites herauszubekommen, aus deinem Arzt. Und schämst du dich denn gar nicht, Iwan Petrowitsch? Wir haben dich erwartet; zum Mittagessen haben wir dich erwartet... du hast dich ja zwei Tage lang nicht blicken lassen!...«

»Aber ich habe ja noch vorgestern gesagt, daß ich zwei Tage lang nicht kommen würde«, flüsterte ich Anna Andrejewna zu. »Ich mußte eine Arbeit fertigmachen...«

»Aber du hattest doch versprochen, heute zum Mittagessen zu kommen! Warum bist du denn nicht gekommen? Nelly ist expreß dazu aus dem Bett aufgestanden, das süße Engelchen; wir haben sie in einen bequemen Lehnstuhl gesetzt und sie zum Mittagessen ins Eßzimmer getragen. ›Ich will mit euch zusammen Wanja erwarten‹, sagte sie; aber wer nicht kam, war unser Wanja. Es ist ja bald sechs Uhr! Wo hast du dich denn herumgetrieben? Ja, ihr seid ein leichtsinniges Volk! Das vergebliche Warten hat sie so aufgeregt, daß ich gar nicht mehr wußte, wie ich sie beruhigen sollte... zum Glück ist sie eingeschlafen, das liebe Herz. Und nun ist auch noch Nikolai Sergejewitsch in die Stadt gegangen (zum Tee wird er wieder zurück sein), und ich muß mich hier allein abquälen... Er bekommt eine Stelle, Iwan Petrowitsch; aber wenn ich bedenke, daß es in Perm ist, dann überläuft es mich ganz kalt...«

»Und wo ist Natascha?«

»Im Gärtchen, Wanjuscha, im Gärtchen! Geh zu ihr!... Mit der ist's auch nicht ganz richtig... ich weiß nicht, was ich davon denken soll... Ach, Iwan Petrowitsch, es ist mir recht schwer ums Herz! Sie versichert, daß sie heiter und zufrieden sei; aber ich glaube es ihr nicht... Geh doch zu ihr, Wanja, und sag mir dann heimlich, was sie hat!... Hörst du wohl?«

Aber ich hörte nicht mehr auf Anna Andrejewna, sondern lief in den Garten. Dieser Garten gehörte zum Haus; er war ungefähr fünfundzwanzig Schritte lang und ebenso breit und ganz voll Grün. Es standen darin drei hohe, alte, breitwipflige Bäume, einige junge Birken, ein paar Fliedersträucher und Geißblattsträucher; ein Winkel war mit Himbeergebüsch bestanden; auch zwei Erdbeerbeete waren da, und zwei schmale, gewundene Steige zogen sich in der Länge und in der Quere durch das Gärtchen hindurch. Der Alte war von diesem Gärtchen ganz entzückt und versicherte, es würden in ihm bald auch Pilze wachsen. Die Hauptsache war, daß Nelly dieses Gärtchen liebgewonnen hatte und oft im Lehnstuhl hinausgetragen wurde; Nelly aber war jetzt der Abgott des ganzen Hauses. Aber da war ja auch Natascha; sie kam mir freudig entgegen und reichte mir die Hand. Wie mager und blaß sie war! Auch sie hatte sich nur mit Mühe von einer Krankheit erholt.

»Bist du nun ganz fertig, Wanja?« fragte sie mich.

»Ganz und gar, ganz und gar! Nun bin ich für den ganzen Abend frei.«

»Nun, Gott sei Dank! Hast du auch nicht zu eilig geschrieben, zum Schaden der Sache?«

»Was ist zu machen? Übrigens schadet das nichts. Bei mir bildet sich infolge solcher angestrengten Arbeit ein besonderer Reizzustand der Nerven heraus; ich denke dann klarer und lebhafter und empfinde tiefer, und sogar mein Stil wird geschmeidiger, so daß gerade bei angespannter Arbeit etwas Besseres herauskommt. Es ist alles in Ordnung...«

»Ach, Wanja, Wanja!«

Ich hatte gemerkt, daß Natascha sich in der letzten Zeit außerordentlich für meine literarischen Erfolge und meinen Ruhm interessierte. Sie las alles, was ich im letzten Jahr hatte drucken lassen, noch einmal durch, erkundigte sich alle Augenblicke nach meinen weiteren Plänen, nahm eifrig Kenntnis von jeder Rezension, die über mich geschrieben wurde, ärgerte sich über einige derselben und wollte durchaus, daß ich in der Literatur eine hohe Stellung einnähme. Sie gab ihrem Wunsch so starken und energischen Ausdruck, daß ich über diese ihre Willensrichtung ganz verwundert war.

»Du wirst dich ausschreiben, Wanja«, sagte sie zu mir; »dadurch, daß du dir so Gewalt antust, wirst du dich ausschreiben; und außerdem wirst du deiner Gesundheit schaden. Da sieh einmal S. an; der schreibt alle zwei Jahre eine Novelle; und N. hat in zehn Jahren nur einen einzigen Roman geschrieben. Aber wie sorgsam ausgearbeitet und gefeilt sind dafür auch ihre Produkte! Da ist nicht die geringste Nachlässigkeit zu finden.«

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