Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Padre Espina lauschte mit gebannter Aufmerksamkeit, die sich zu Staunen wandelte, als Padre Sebastian einen Gegenstand aus seinem Bündel zog und ihn mit größter Sorgfalt auswickelte.
Die drei Männer verstummten, als sie das Reliquiar vor sich sahen.
Das Silber war schwarz angelaufen, das Gold aber noch rein und strahlend, und die Heiligenfiguren und die Früchte und Pflanzen der Verzierung stachen trotz ihrer Schwärze dem Betrachter ins Auge.
»Gott hat dem Schöpfer die Hände geführt«, sagte Padre Espina.
»Ja«, entgegnete Padre Sebastian. Er nahm den Deckel vom Ziborium, und die drei starrten die Reliquie in der Schale an. Die beiden Priester bekreuzigten sich.
»Seht Euch satt daran«, sagte Padre Sebastian, »denn die Reliquie der Santa Ana und das Reliquiar müssen so schnell wie möglich nach Rom geschickt werden, und unsere Freunde in der päpstlichen Kurie sind berüchtigt für ihre Langsamkeit, wenn es darum geht, die Echtheit einer gestohlenen und wiedergefundenen Reliquie zu bestätigen. Es kann sein, daß wir es nicht mehr erleben.«
»Aber es wird geschehen«, sagte Padre Espina, »und zwar dank Euch beiden. Die Legende der Toledaner Reliquie der Santa Ana ist überall bekannt, und Euch beide wird man als Helden ihrer Rettung feiern.«
»Ihr habt mir erst kürzlich gesagt, daß ich mit Eurer Hilfe immer rechnen könne«, sagte Jona. »Jetzt muß ich Euch um diese Hilfe bitten. Mein Name darf in Zusammenhang mit dieser Angelegenheit nicht erwähnt werden.«
Padre Espina war verwirrt über diese unerwartete Wendung, und er musterte Jona schweigend.
»Was haltet Ihr von Senor Callicos Bitte?« fragte er Padre Sebastian.
»Sie hat meine volle Unterstützung«, erwiderte der alte Priester. »Ich habe seine Rechtschaffenheit kennengelernt. In Zeiten, die sonderbar und schwierig sind, kann es ein Segen sein, unerkannt zu bleiben, sogar für einen Ehrenmann.«
Schließlich nickte Espina. »Mir ist bewußt, daß auch mein Vater zu seiner Zeit eine solche Bitte hätte äußern können. Welche Gründe Ihr auch haben mögt, ich werde Euch keine Sorgen bereiten. Aber gibt es sonst noch etwas, das ich für Euch tun kann?«
»Nein, Padre, vielen Dank.«
Padre Espina wandte sich nun an Padre Sebastian. »Aber wenigstens Ihr als Priester müßt zur Verfügung stehen, um zu bezeugen, was in der Burg von Tembleque vorgefallen ist«, sagte er. »Kann ich Euch nicht eine Stellung verschaffen, in der Ihr nicht mit den Armen wandern und Euer täglich Brot erbetteln müßt?«
Aber Padre Sebastian Alvarez wollte weiter Bettelmönch bleiben. »Santa Ana hat mein Leben und meine Berufung verändert und mich zu einer Priesterschaft geführt, die ich mir so nicht vorgestellt habe. Bitten möchte ich Euch, dafür zu sorgen, daß mein Name nur erwähnt wird, wo es notwendig ist, damit diese meine Priesterschaft fortbestehen kann.«
Padre Espina nickte. »Ihr müßt einen Bericht darüber verfassen, wie diese Gegenstände wiedergefunden wurden. Bischof Enrique Sagasta kennt mich und vertraut mir, als Mensch und als Priester. Ich bin mir sicher, ich kann ihn überreden, daß er diese Kostbarkeiten nach Rom sendet mit der Erklärung, sie seien vom Offizium für Glaubensangelegenheiten des Toledaner Bistums wiederaufgefunden worden, in der Burg von Tembleque nach dem Tod des Grafen Fernan Vasca, der als Reliquienhändler bekannt war. Die uralte Basilika des Konstantin in Rom wurde niedergerissen, und über dem Grab des heiligen Petrus soll eine prächtige Kirche errichtet werden. Bischof Sagasta sehnt sich nach einer Versetzung nach Rom, und ich sehne mich danach, ihn begleiten zu dürfen.«
Er lächelte. »Es dürfte dem Ruf des Bischofs als Kirchenhistoriker nicht schaden, wenn man ihn als den Wiederbeschaffer der Reliquie der Santa Ana und eines solchen Reliquiars betrachtet.«
Die beiden Männer standen vor dem Bischofspalast auf der Straße und sahen einander an.
»Wißt Ihr, wer ich bin?«
Padre Sebastian legte Jona eine schwielige Hand auf den Mund. »Ich will keinen Namen hören.«
Aber er sah Jona tief in die Augen. »Mir ist aufgefallen, daß Eure Züge dem gütigen Gesicht eines Mannes ähneln, den ich früher kannte, eines guten Mannes voller Kunstfertigkeit und meisterhaftem Geschick.«
Jona lächelte. »Lebt wohl, Padre.«
Sie umarmten sich.
»Geht mit Gott, mein Sohn.«
Dann stand Jona da und sah Sebastian Alvarez nach, der mit wehenden weißen Haaren, den langen Stab des Bettelmönchs schwenkend, auf der bevölkerten Straße davonging.
Er ritt an den Stadtrand von Toledo, zu der Wiese, die früher der jüdische Friedhof gewesen war. Schon eine ganze Weile hatten hier keine Schafe oder Ziegen mehr geweidet, das Gras sproß üppig über all den jüdischen Knochen, und er ließ sein Pferd fressen, während er das Kaddisch betete für seine Mutter und Meir und alle, die hier lagen. Dann stieg er wieder in den Sattel und ritt langsam zurück in die Stadt, durch Straßen, auf denen er die glücklichsten und unbeschwertesten Tage seines Lebens verbracht hatte, und hinauf zu dem Weg am Hochufer über dem Fluß.
Die Synagoge war, zumindest für den Augenblick, von Holzhackern übernommen worden. Auf der Eingangstreppe und an der Vorderseite des Gebäudes stapelte sich Feuerholz.
Er hielt sein Pferd an, als er das ehemalige Anwesen der Familie Toledano erreichte.
Noch immer Jude, Abba, rief er stumm.
Der Baum auf dem Grab seines Vaters war mächtig gewachsen, seine belaubten Äste hingen über das niedrige Dach des Hauses, spendeten Schatten und schwankten leicht im Wind.
Stark spürte er die Anwesenheit seines Vaters.
Und ob nun eingebildet oder nicht, er labte sich an ihr. Ohne Worte berichtete er seinem Vater, was sich alles ereignet hatte. Die Toten waren nicht zurückzuholen, was verloren war, blieb verloren, und doch war es ihm, als wäre die Angelegenheit mit dem Reliquiar zu einem Abschluß gekommen und erledigt.
Er tätschelte Hermana, während er das Haus betrachtete, in dem seine Mutter gestorben war.
Sebastian Alvarez hatte gesagt, er sehe aus wie sein Vater. Ähnelte Eleasar auch ihrem Vater? Wenn Jona Eleasar Toledano nun auf der Straße, in einer Menschenmenge begegnete, würde er ihn als seinen Bruder erkennen?
Wohin er den Blick auch wandte, überall sah er einen schmächtigen Jungen mit einem großen Kopf.
Jona, gehen wir zum Fluß?
Jona, kann ich nicht mit dir kommen?
Gestank, der ihm unvermittelt in die Nase stieg, brachte ihn in die Gegenwart zurück; der Buchbinder betrieb also noch immer seine Gerberei.
Ich liebe dich, Abba.
Als er am angrenzenden Grundstück des Nachbarn Marcelo Troca vorbeiritt, sah er, daß er alte Mann noch lebte, er stand auf seiner Weide und legte eben einem burro einen Halfter um.
»Hola!« rief Jona.