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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Sie antwortete nicht. Tapia mußte sie mit der flachen Hand geschlagen haben, denn wäre die Faust geschlossen gewesen, hätte der Ring eine noch schlimmere Verletzung verursacht. Er holte einen gewachsten Faden und eine feine Nadel aus einer Tasche. Bevor er den Riß vernähte, gab er ihr einen Schluck Cognac zu trinken. Dennoch zuckte und stöhnte sie, aber er nahm sich Zeit und nähte mit feinen Stichen. Dann benetzte er ein Tuch mit Wein und drückte es an die Wunde, weil er die Erfahrung gemacht hatte, daß das die Heilung beschleunigte.

Als er fertig war, öffnete sie den Mund, um ihm zu danken, sank aber dann lautlos schluchzend aufs Bett.

»Condesa...« Sie trug ein seidenes Nachthemd, das alles zeigte, was zu sehen war, und er zwang sich, den Blick abzuwenden, während sie sich wieder aufrichtete und sich mit dem Handrücken über die Augen wischte, wie ein kleines Kind.

Er erinnerte sich, was Padre Espina ihm über den Reichtum und Einfluß ihres Vaters in Madrid erzählt hatte.

»Senora, ich glaube, daß Euer Gatte bald sterben wird«, sagte er sanft. »Vielleicht solltet Ihr Euch für den Fall überlegen, den Schutz Eurer Familie aufzusuchen?«

»Tapia sagt, wenn ich davonlaufe, kommt er mir nach. Und tötet mich.«

Jona seufzte. So dumm konnte Tapia nicht sein. Vielleicht konnte er den Mann ja zur Vernunft bringen, oder auch Padre Sebbo oder Padre Espina.

»Ich werde sehen, was ich tun kann«, sagte er verlegen. Doch seine Verlegenheit wuchs, als er nun mehr über Tapia und die Condesa zu hören bekam, als er wissen wollte.

»Es ist alles meine Schuld«, sagte sie. »Er hatte schon lange ein Auge auf mich geworfen. Ich habe ihn nicht ermutigt, sondern den Hunger in seinen Blicken eher genossen, um ehrlich zu sein. Ich fühlte mich völlig sicher, weil Tapia sich vor meinem Gatten fürchtete und nie versucht hätte, ihm die Frau wegzunehmen.

Daniel Tapia arbeitet seit vielen Jahren für meinen Gatten, als Aufkäufer von heiligen Reliquien. Fernan kennt viele Leute in religiösen Gemeinschaften, und so konnte er es einrichten, daß Ta-pia viele Dinge erwerben konnte.«

Jona wartete schweigend ab.

»Als mein Gatte krank wurde, war ich in großer Sorge. Ich bin eine Frau, die den Trost starker Arme braucht, und so ging ich eines Abends zu Tapia«, sagte sie, und Jona schwieg und bewunderte ihre Aufrichtigkeit.

»Aber es wurde nicht so, wie ich es erhofft hatte. Er ist ein roher Mann. Doch er will mich heiraten, sobald es möglich ist. Es gibt keinen Erben für den Grafentitel, und wenn ich sterbe, fällt der Besitz an die Krone zurück. Daniel Tapia wird jedoch dafür sorgen, daß ich lange lebe«, sagte sie verbittert. »Er will das Geld.«

»Da ist noch etwas«, fügte sie nach einer Pause hinzu. »Er ist überzeugt, daß Fernan hier irgendwo etwas versteckt hat, etwas von großem Wert. Ich denke, jetzt glaubt er mir endlich, daß ich nichts weiß, was ihm weiterhelfen könnte, aber er sucht beständig danach.«

Einen Augenblick lang wagte Jona nicht zu sprechen. »Ist es eine Reliquie?« fragte er schließlich.

»Ich weiß es nicht. Ich hoffe, Sie haben nicht vor, meine Qual mit Ihren eigenen Fragen noch zu vergrößern, Senor«, sagte sie.

Sie stand unsicher auf und führ sich mit der Hand über die Wange. »Wird eine Narbe bleiben?« fragte sie.

»Ja. Eine kleine. Anfangs gerötet, aber das legt sich wieder. Wollen wir hoffen, daß sie so weiß wird wie Eure Haut«, sagte er, nahm seine Tasche und ging zu ihrem Gatten.

4. KAPITEL

FRÜHLING

Als Jona sich am nächsten Tag, nachdem Padre Sebbo ihn im Krankenzimmer abgelöst hatte, wieder auf die Suche machte, fand er den Beweis dafür, daß seine Erinnerung an die Arbeit seines Vaters nicht falsch gewesen war.

In einem Kellergelaß voller staubiger Bilderrahmen und kaputter Stühle entdeckte er auf einem Regal eine Doppelreihe schwerer, dunkler Trinkgefäße.

Als er mit einem davon zu einem Fenster ging, sah er, daß es ein von seinem Vater angefertigter Kelch war. Daran bestand kein Zweifel. Zwar war das Gefäß fast schwarz, weil sich das Silber in Jahren der Vernachlässigung stark beschlagen hatte, aber als er es umdrehte, war das HT auf dem Sockel deutlich zu erkennen.

Von seinem Vater eigenhändig dort eingeprägt.

Mit jedem Kelch ging er einzeln ans Fenster. Es waren schlichte, schwere Kelche, wunderschön aus massivem Silber gearbeitet, mit Sockeln aus Elektrum. Zwei der Kelche waren stark zerbeult und zerkratzt, als hätte jemand sie im Zorn von sich geschleudert. Er erinnerte sich, daß der Graf seinem Vater den Preis für zwölf Trinkgefäße schuldete, doch obwohl er das Gelaß aufs sorgfältigste durchsuchte, Stühle und Rahmen verrückte und alle dunklen Ecken abtastete, fanden sich nur zehn Kelche.

In den nächsten beiden Tagen ging er wieder in das Kellergelaß und nahm die Kelche vom Regal, einfach um sie in der Hand

zu wiegen und sich an ihrer Gediegenheit zu erfreuen. Doch als er am dritten Tag in den Keller ging, fand er dort Daniel Tapia, der offensichtlich ebenfalls am Suchen war. Gegenstände aus dem Gelaß lagen auf dem Boden verstreut.

Tapia starrte Jona an. »Was wollt Ihr?«

»Ich will nichts, Senor«, sagte Jona leichthin. »Ich bewundere nur die Schönheit der Burg, so daß ich sie eines Tages meinen Kindern beschreiben kann.«

»Wird der Graf sterben?«

»Ich glaube schon, Senor.«

»Wann?«

Jona zuckte die Achseln und sah ihn ruhig an. Er hatte keinen Beweis dafür, daß Tapia an der Schändung seines Bruders beteiligt gewesen war, aber sein Gefühl sagte ihm, daß es so war. »Euer Name wurde mir von einem früheren Gefährten von Euch genannt, Senor Tapia. Fray Lorenzo de Bonestruca.«

»Der? Ich habe Bonestruca seit Jahren nicht gesehen. Er ist nach Saragossa gegangen.«

»Dort habe ich ihn getroffen.«

Tapia runzelte die Stirn. »Was hat er über mich erzählt?«

»Nur, daß Ihr gelegentlich mit ihm ausgeritten seid und daß sich mit Euch gut zechen ließ. Es war nur eine kurze Bemerkung, während eines Damespiels.«

»Dann hat der Hurensohn bestimmt auch gesagt, wie sehr ich Damespielen hasse. Er hängt also immer noch diesem lächerlichen Zeitvertreib nach?«

»Nein, Senor. Er ist tot. Fray Bonestruca verlor den Verstand und brachte zwei Jahre im Tollhaus von Saragossa zu, wo er an einer Seuche starb, die dessen Insassen heimsuchte.«

Tapia verzog das Gesicht und bekreuzigte sich.

Trotzdem klang seine Stimme wachsam, als er Jona fragte, ob er wegen der Unterhaltung mit Bonestruca beschlossen habe, nach Tembleque zu kommen.

»Nein. Die Diözese bat mich, zu kommen und zu sehen, ob ich dem Grafen helfen könne... Jüngst mußte ich aber die Frau des Grafen Vasca behandeln.« Seit ihrer Hochzeit hatte Adriana ihm viel von den Mißhandlungen erzählt, die sie von ihrem ersten Gatten erlitten hatte. Im Lauf der Zeit hatte er gesehen, wie der Schmerz aus dem Blick seiner Frau wich, aber er konnte den Gedanken nicht ertragen, daß Männer Frauen schlugen. »Ich hoffe, die Condesa wird keine weiteren Verletzungen erleiden.«

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