Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
In einem Winkel des Hofes war, neben den Ruhestätten früherer Grafen des Bezirks, ein Grab ausgehoben worden. Eine Abordnung Soldaten schaffte den Sarg zum Rand des Grabes, doch als der Deckel aufgelegt werden sollte, hieß Maria del Mar die Abordnung mit leiser Stimme innehalten.
Sie eilte in die Burg und kehrte Augenblicke später mit einer einzelnen, langstieligen Rose zurück, die sie ihrem toten Gatten in die Hände schob.
Jona stand acht Schritte entfernt. Erst als die Soldaten den Deckel wieder anhoben und langsam auf den Sarg senkten, kam ihm ein Gedanke, der ihn die Blume genauer ansehen ließ.
Es schien nur eine Rose zu sein. Aber vielleicht die wunderbarste Rose, die er je gesehen hatte.
Jona konnte nicht anders, er mußte einen Schritt auf den Sarg zugehen, aber in diesem Augenblick senkte sich, viel zu schnell, der schwere Steindeckel auf die lateinische Inschrift, den toten Ritter und die goldene Rose mit dem silbernen Stiel.
5. KAPITEL
AUFBRUCH
Am Morgen packte Jona gerade seine Satteltaschen, als Maria del Mar Cano zu ihm kam. Sie trug Trauer, ein schwarzes, schweres Reisegewand. Der Schleier ihrer schwarzen Haube verhüllte die kleine Narbe auf ihrer Wange, aus der er erst vor wenigen Tagen die Fäden gezogen hatte.
»Ich gehe nach Hause. Mein Vater schickt einen Bevollmächtigten, der sich um die Fragen von Besitz und Erbschaft kümmern wird. Wollt Ihr mit mir nach Madrid kommen, Arzt?«
»Das ist nicht möglich, Condesa. Meine Frau wartet in Saragossa auf mich.«
»Ach«, sagte sie bedauernd. Aber dann lächelte sie. »Dann müßt Ihr mich eines Tages besuchen, falls Ihr Euch einmal nach Luftveränderung sehnt. Mein Vater wird Euch großzügig entlohnen wollen. Daniel Tapia hätte großes Unglück über mich bringen können.«
Er brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, daß sie glaubte, er habe den Mann getötet, weil der sie geschlagen hatte.
»Ihr seid verwirrt über das, was hier passiert ist.«
Sie hob ihren Schleier und beugte sich vor. »Ich bin nicht verwirrt. Ihr müßt nach Madrid kommen, denn auch ich möchte Euch großzügig entlohnen«, sagte sie, küßte ihn auf den Mund und ging davon. Er blieb traurig und wütend zurück. Ohne Zweifel würde ihr Vater - oder sonst jemand, der ihre Geschichte hörte - annehmen, daß der Medicus von Saragossa Gift benutzt hatte, um Tapia zu töten. Er wollte nicht, daß ein solches Gerücht die Runde machte.
Maria del Mar Cano war jung und wäre auch noch im Alter eine Versuchung für jeden Mann, aber ihre Anwesenheit in Madrid würde dafür sorgen, daß er nie dorthin reisen würde.
Nachdem er seine Sachen gepackt hatte, war er wieder besserer Stimmung. Als er zum Fenster hinausschaute, sah er die Condesa von Tembleque durchs Haupttor reiten, und mit einer gewissen Belustigung stellte er fest, daß sie auf der Reise nach Madrid gut beschützt sein würde, denn sie hatte sich einen jungen, starken Soldaten der Wache zum Begleiter erwählt.
Im Burghof verabschiedete er sich von den beiden Priestern. Padre Sebbo hatte sein Bündel auf dem Rücken und einen sehr langen Stab in der Hand.
»Wir haben noch über mein Entgelt zu sprechen«, sagte Jona zu Padre Guzman.
»Ach, das Entgelt. Es kann natürlich erst gezahlt werden, wenn der Nachlaß geregelt ist. Man wird es Euch nachsenden.«
»Mir sind zehn silberne Kelche aus dem Besitz des Grafen aufgefallen. Die hätte ich gern als Bezahlung.«
Der priesterliche Verwalter horchte auf, wenngleich mit entsetzter Miene. »Zehn Silberkelche sind viel mehr wert als das Entgelt für einen Mißerfolg«, erwiderte er trocken. Ihr habt ihn nicht am Leben halten können, las Jona in seinem Blick. »Nehmt vier, wenn Ihr wollt.«
»Fray Francisco Espina sagte, ich würde reichlich entschädigt.«
Padre Guzman wußte aus Erfahrung, daß man sich von aufdringlichen bischöflichen Beamten nicht ins Handwerk pfuschen lassen durfte. »Dann sechs«, sagte er, ein harter Verhandler.
»Ich nehme sie, wenn ich die anderen vier kaufen darf. Zwei sind beschädigt.«
Der Verwalter nannte einen Preis, der unverschämt war, doch die Kelche waren für Jona viel mehr wert als Geld, und so stimmte er, wenn auch mit aufgesetztem Widerwillen, sofort zu.
Padre Sebbo hatte dem Wortwechsel mit einem feinen Lächeln gelauscht. Jetzt verabschiedete er sich und schlenderte, mit erhobener Hand und einem letzten Segenswunsch für die Wachen, durch das Tor wie ein Mann, der die Welt zum Ziel hat.
Als Jona eine Stunde später durch dasselbe Tor reiten wollte, wurde er aufgehalten.
»Es tut mir leid, Senor. Wir haben den Befehl, Eure Habe zu durchsuchen«, sagte der Hauptmann der Wache zu ihm.
Sie zogen alles aus seinen Taschen, was er so sorgfältig eingepackt hatte, doch er beherrschte sich, obwohl sein Magen sich verkrampfte.
»Für die Kelche habe ich eine Empfangsbestätigung«, sagte er.
Schließlich nickte der Hauptmann ihm zu, und Jona führte Hermana beiseite, um seine Sachen wieder einzupacken. Dann saß er auf und ließ das Schloß von Tembleque mit Freuden hinter sich.
Sie trafen sich in Toledo vor dem Bischofspalast.
»Keine Schwierigkeiten?«
»Nein«, sagte Padre Sebastian. »Ein Fahrer, der mich kannte, nahm mich in seiner Kutsche mit. Ich bin hier eingezogen wie der Papst.«
Sie gingen ins Gebäude, meldeten sich an und saßen dann schweigend nebeneinander auf einer Bank, bis der Mönch zurückkehrte und sagte, Padre Espina könne sie jetzt zu einem vertraulichen Gespräch empfangen.
Jona wußte, daß es Padre Espina verwirrte, sie beide zusammen zu sehen.
»Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen«, sagte Padre Sebastian, als sie Platz genommen hatten.
»Ich höre zu.«
Der weißhaarige alte Mann erzählte von einem jungen Priester, voller Ehrgeiz und gesegnet mit familiären Beziehungen, der um eine Reliquie gebeten hatte, die ihn zum Abt eines großen Klosters machen würde. Er erzählte von Kabale und Diebstahl und Mord. Und vom Arzt von Toledo, der sein Leben auf dem Scheiterhaufen verloren hatte, weil er die Bitte eines Priesters seines erwählten Glaubens nicht hatte abschlagen wollen. »Das war Euer Vater, Padre Espina.«
Padre Sebastian berichtete, daß er in den Jahren seiner Wanderschaft überall nach gestohlenen Reliquien gefragt habe. »Die meisten Leute zuckten nur die Achseln. Es war schwierig, etwas zu erfahren, aber ich schnappte hier und dort ein Wort auf, und alle Worte wiesen mich auf den Grafen Fernan Vasca hin. So lenkte ich meine Schritte immer wieder einmal zur Burg von Tembleque, bis die Leute dort sich an meinen Anblick gewöhnten. Und ich hielt die Augen und Ohren offen, aber erst in diesem Jahr hielt Gott es für angemessen, mich auf der Burg mit diesem Medicus hier zusammenzubringen, wofür ich ihm sehr danke.«