Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Er richtete es so ein, daß er mit dieser Aufgabe erst fertig war, als er vom Burghof den Beginn der Messe hören konnte. Kaum drangen der Baß Padre Sebastians und Padre Guzmans höheres Singen sowie die volltönenden Erwiderungen der Gläubigen zu ihm herauf, eilte er in den Lagerraum.
Mit einer chirurgischen Sonde kratzte er den Mörtel vom Rand der Spruchplatte auf dem Sarg weg. Es war eine Verwendung, die Manuel Fierro kaum im Sinn gehabt haben dürfte, als er das Instrument anfertigte, aber es eignete sich vorzüglich. Jona hatte bereits den Mörtel von zwei Seiten der Platte entfernt, als er hinter sich eine Stimme hörte.
»Was treibt Ihr hier, Heiler?«
Daniel Tapias Augen waren auf die Spruchplatte gerichtet, als er den Raum betrat.
»Ich sorge dafür, daß alles in Ordnung ist.«
»Aber natürlich«, erwiderte Tapia. »Ihr glaubt also, daß da was drin ist? Ich hoffe, Ihr habt recht.«
Er zog seinen Dolch aus der Scheide und ging auf Jona zu.
Jona sah sofort, daß Tapia nichts daran lag, Alarm zu schlagen und die Soldaten herbeizurufen, denn er hatte es selbst auf die Diebesbeute abgesehen. Er war so groß wie Jona und viel schwerer; offensichtlich war er überzeugt, daß er es mit seinem Messer allemal mit diesem unbewaffneten Arzt aufnehmen konnte. Jona täuschte einen Hieb mit seiner winzigen Sonde an und sprang zur Seite, als das Messer in weitem Bogen, der ihm den Bauch hätte aufschlitzen sollen, auf ihn zugesaust kam.
Er hatte Glück: Die Klinge verpaßte ihn um Tuchesbreite. Die Spitze traf das Gewebe seines Gewandes und riß es auf, blieb dabei aber kurz hängen, so daß Jona den Arm hinter dem Messer zu fassen bekam.
Er riß daran, mehr unbewußt als mit Absicht, und Tapia verlor das Gleichgewicht und fiel über den offenen Sarg. Er war sehr schnell für einen so kräftigen Mann und hatte noch immer das Messer in der Hand, aber Jona griff unwillkürlich nach dem Sargdeckel, der an der Wand lehnte. Er war so schwer, daß er seine ganze Kraft aufbieten mußte, um ihn zu bewegen, doch kaum hatte die Oberkante sich von der Wand gelöst, trug das Eigengewicht ihn weiter. Tapia rappelte sich schon wieder hoch, doch der mächtige Deckel kam auf ihn herabgesaust wie eine Falle auf ein Tier. Sein Körper dämpfte das Geräusch, statt des Krachens von Stein auf Stein war nur ein dumpfer Schlag zu hören.
Trotzdem war das häßliche Geräusch laut genug, und Jona erstarrte und lauschte. Doch die im Gebet erhobenen Stimmen der Trauergemeinde sangen ohne Unterbrechung weiter.
Tapias Hand hielt noch immer das Messer umklammert, und Jona mußte es ihm entwinden. Behutsam hob er den Steindeckel an, doch die Vorsicht war unnötig.
»Tapia?«
Der Mann atmete nicht. »O nein, verdammt.« Jona sah, daß das Rückgrat gebrochen und Tapia tot war.
Doch für Bedauern blieb ihm keine Zeit. Er trug Tapia in die Kammer neben der seinen und legte ihn aufs Bett. Dann zog er ihm die Oberkleidung aus und schloß ihm die Augen. Im Hinausgehen zog er die Tür hinter sich zu.
Als er nun in den Lagerraum zurückkehrte, mußte er sich sehr beeilen, denn von draußen konnte er hören, daß die Messe vorüber war und Padre Guzmans näselnde Stimme zu Fernan Vascas schmeichlerischem Nachruf ansetzte.
Als er die letzte Schicht Mörtel entfernt hatte, hob er die Platte ab und entdeckte darunter einen Hohlraum.
Beklommen griff er hinein und ertastete ein Nest aus Lumpen. In diesem Nest lag wie ein großes und kostbares Ei ein in feines Leinen gewickelter Gegenstand, und darunter befand sich ein
Beutel aus bestickter Seide. Jona zitterte, als er den Beutel herausholte, denn in ihm fand er, was Tod und Vernichtung über seine Familie gebracht hatte.
An diesem Nachmittag ging Condesa Maria del Mar in Tapias Zimmer und fand ihn tot. Sofort wurden der Arzt und die Priester gerufen.
Zweimal hatte Jona bis dahin den Tod von Menschen verursacht, und jedesmal war er nach langem Kampf mit den Dämonen des Gewissens zu der Überzeugung gekommen, daß er das Recht hatte, sich zu schützen, wenn jemand ihn töten wollte. Jetzt jedoch fand sich der Arzt in der mißlichen Lage, jemanden für tot erklären zu müssen, den er selbst getötet hatte, und es quälte ihn, seinen Beruf auf eine Art zu mißbrauchen, die er Nuno Fierro nicht hätte gestehen wollen.
»Er war sofort tot«, sagte er, was stimmte. Und fügte hinzu: »Er starb im Schlaf«, was nicht stimmte.
»Ist es eine Seuche, die uns alle treffen könnte?« fragte Padre Guzman furchtsam. Jona verneinte es und ergänzte, es sei Zufall, daß der Graf und Tapia am selben Tag gestorben seien. Er war sich bewußt, daß der Condesa bleiches Gesicht sich ihm zuwandte.
»Daniel Tapia hatte keine lebenden Verwandten«, sagte sie. Sie hatte sich nach dem Schrecken der Entdeckung schnell wieder gefangen. »Seine Beerdigung darf die Zeremonien für den Grafen nicht stören«, verkündete sie mit Nachdruck.
So wurde Tapia in das Laken gewickelt, auf dem er lag, und auf die Ebene hinausgeschafft, wo ein Loch gegraben und er unter Gebeten von Padre Guzman in aller Eile beerdigt wurde. Jona war anwesend und sprach das Amen, und zwei Soldaten der Wache schaufelten das Grab und füllten es wieder auf.
Unterdessen war die Arbeit in der Burg weitergegangen. Bei Sonnenuntergang waren die Vorbereitungen für die Bestattung des Grafen zur Zufriedenheit seiner Witwe abgeschlossen, und er lag die ganze Nacht über aufgebahrt im großen Saal der Burg, umringt von einer Vielzahl an Kerzen und bewacht von einer Gruppe Frauen aus der Dienerschaft, die dasaßen und sich in gedämpftem Tonfall unterhielten, bis bei Tagesanbruch die Burg wieder zum Leben erwachte.
Am späten Vormittag wurde der Sarg von zwölf kräftigen Bewaffneten auf die Schultern genommen und auf den Burghof getragen, wo bald Soldaten und Dienerschaft in langsamer Reihe an ihm vorbeizogen. Hätten neugierige Hände die dünnen Ritzen um die Platte mit der lateinischen Inschrift abgetastet, hätten sie festgestellt, daß sie nur von einer dünnen Schicht klebriger Augensalbe an ihrem Platz gehalten wurde, über die man hastig zer-mahlene Mörtelbrocken gestrichen hatte.
Aber kein Blick bemerkte dergleichen, denn alle Augen waren auf die Gestalt im Sarkophag gerichtet. Fernan Vasca, Graf von Tembleque, lag da in ritterlichem Prunk, die Kriegerhände friedlich gefaltet. Er war angetan mit der vollen Pracht seiner Rüstung, das herrliche, von Paco Parmiento geschmiedete Schwert auf der einen, den Helm auf der anderen Seite. Die Mittagssonne funkelte auf dem polierten Stahl, bis der Graf aussah wie ein schlafender Heiliger, den die Flammen verzehrten.
Die Frühlingssonne war sehr stark, und die Rüstung speicherte die Hitze wie ein Kochtopf. Duftkräuter bedeckten das Pflaster und wurden von vorbeiziehenden Füßen zertrampelt, doch bald war der Gestank des Todes übermächtig. Maria del Mar hatte vorgehabt, den Leichnam einige Tage im Burghof aufgebahrt zu lassen, damit die »kleinen Leute« der Umgebung von ihrem Herrn und Grafen Abschied nehmen konnten, doch sie mußte bald einsehen, daß dies unmöglich war.