Im Anfang war der Mord
- Автор: Джордж Элизабет
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- ISBN: 3442459532
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
Es war die erste Nacht, in der ich wieder im Dienst war, wieder Sergeant Maureen Gallagher war statt» die Patientin«. War es nicht schon schwer genug, U-Bahnpolizistin zu sein, unter den Straßen von Manhattan in einer Untergrundbahn herumzurattern, die eigentlich ins Verkehrsmuseum gehörte? Reichte es denn nicht, dass ich mich nach vier Wochen Entziehungskur innerlich leer fühlte statt clean und nüchtern? War es auch noch nötig, dass die lässig dahingesagten grausamen Worte eines blutigen Anfängers in meinem Hirn wie eine fehlgegangene Kugel hin und her schlugen?
Wieso konnte ich mich nicht an das Positive erinnern?
Wieso konnte ich nicht an O’Haras herzhaften Händedruck denken, an Greenspans» Nett, dich zu sehen, Mo«, an Ianuzzos Lächeln zur Begrüßung? Wieso musste in meinem Kopf immer wieder die gleiche Platte ablaufen: Manny Delgado, der bei Captain Lomax anfragte, ob er nicht einen anderen Partner haben könnte?
«Hey, also ich hab ja nichts gegen ’ne Frau als Sergeant, Cap«, hatte er gesagt.»Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist bloß so: Wenn ich eins nicht ausstehen kann …«Und so weiter.
Lomax hatte das getan, was jeder aufrechte Polizeihauptmann getan hätte — hatte Delgado einen Arschtritt gegeben und gesagt, das Team stehe bereits fest.
Was er nicht wusste: Ich hatte es gehört und kriegte die Worte nicht mehr aus dem Kopf.
Auch ohne die Sache mit Delgado hatte die Nacht nicht so toll angefangen. Als ich um Mitternacht für die Zwölf-bis-acht-Schicht eingetrudelt war, hatte man mir zur Begrüßung mitgeteilt, dass ich für die Graffiti-Patrouille eingeteilt war, die dreckigste, hirnloseste Tätigkeit im gesamten Dienstplan der U-Bahnpolizei. Verdammt, dabei war ich Sergeant, auf dem Weg zur nächsthöheren Dienstmarke, und die konnte ich mir nicht damit verdienen, dass ich in Tunnels den Ratten auswich oder mit Spraydosen bewaffnete Zwölfjährige jagte.
Vor allem, weil der gesamte Rest der ober- wie unterirdischen Polizeiwelt Überstunden machte, um die Fackelmorde an Obdachlosen aufzuklären. In den letzten sechs Wochen hatte es vier menschliche Feuersäulen gegeben, und bei der Polizei war man fest entschlossen, eine fünfte zu verhindern.
Wollte Lomax mich bestrafen oder war dieser Auftrag seine Art, mich wieder sanft in die normale Welt einzuschleusen? So oder so, ich war stinksauer. Ich wollte wieder eine echte Polizistin sein, wieder mit Sal Minucci zusammenarbeiten, meinem alten Partner. Der war für die große Sache eingeteilt, war mitten drin im Geschehen, wo wir beide hingehörten. Ich hätte bei ihm sein sollen.
Schließlich war ich bei der Verbrechensbekämpfung, Menschenskind, dafür hätte ich abgestellt — Wirklich? War ich wirklich scharf drauf, meine Nachtschicht damit zu verbringen, im unterirdischen Pennerviertel von New York herumzutigern und Männern und Frauen Informationen aus der Nase zu ziehen, die so sturzbesoffen waren, dass ihnen ihre brandig gewordenen Beine schnurz waren, die sich nur noch von einer Flasche billigem Fusel zur nächsten hangelten?
Und ob ich scharf drauf war. Wenn es mich auch nur einen Schritt weiter zur nächsthöheren Dienstmarke brächte, würde ich auch sämtliche Teufel in der Hölle verhören. Und das an meinem freien Tag.
Wenn ich eins nicht ausstehen kann, dann eine Säuferin.
Was dachte sich Lomax eigentlich — dass mich die Gesellschaft von Säufern aus der Bahn werfen würde?
Dass ich mir bei einem der Brüder einen Schluck aus der Pulle genehmigen und dann am U-Bahnhof Bleecker Street aus den Pantinen kippen würde? Hatte er mich deswegen aus der großen Sache rausgehalten und mit einem blutigen Anfänger auf routinemäßige Graffiti-Patrouille geschickt?
Litt ich inzwischen unter Verfolgungswahn, oder zersetzte mir der Entzug allmählich das Gehirn?
Manny und ich waren in unsere jeweiligen Umkleidekabinen gegangen, um uns anzuziehen.
Zivilkluft — aber unterste Kategorie. Erst die langen Unterhosen, denn die feuchte Winterkälte kroch unweigerlich in die Tunnels hinunter und von dort direkt in die Knochen. Dann ein Paar Jeans, die sie nicht mal mehr in der Kleiderkammer angenommen hätten. Dicke Wollsocken, Anglerstiefel, schwarzer Rollkragenpullover und Fotografenweste mit jeder Menge Außentaschen. Und eine schwarze Strickmütze fest über den roten Schopf gezogen.
Dann die Ausrüstung: Taschenlampe, bei dem Job wichtiger als eine Waffe, Handschellen, Strafzettelblock, Funkgerät, Knarre, Messer. Den Schlagstock, einen überdimensionalen Totschläger, in der Rückentasche der Weste versteckt. Die waren gegen die Bestimmungen; ich würde mir zumindest einen Verweis einhandeln, wenn ich damit erwischt wurde, wusste aber aus Erfahrung, dass ich lieber damit als mit einer Waffe auf eine Meute Kids losgehen würde.
Ich hatte ganz vergessen, wie schwer das Zeug war; ich kam mir vor wie ein Telefonmonteur.
Und sah aus wie ein Fassadenkletterer.
Delgado und ich trafen uns an der Tür. Es war offensichtlich, dass der Kerl noch nie auf Vandalismustour gewesen war. Seine hellbraunen Chinos waren makellos, und seine Wanderstiefel sahen nicht so aus, als wären sie wasserdicht. Sein rot kariertes Flanellhemd war weder warm genug, noch hatte es die richtige dunkle Farbe.
Dieser gut aussehende Latino hätte sich in einem Verkaufskatalog für Outdoor-Kleidung bestimmt toll gemacht, würde aber nach zehn Minuten im U-Bahntunnel als Schornsteinfeger durchgehen können.
«Wohin soll’s gehen?«, fragte er eine winzige Spur verdrossen. Am Ende der Frage kam auch kein respektvolles» Sergeant«. Dieser Knabe brauchte dringend eine kleine Anstandslektion.
Es bereitete mir diebische Freude, ihm unser Ziel zu beschreiben.
«Ins Schwarze Loch von Kalkutta«, erwiderte ich fröhlich und setzte erklärend hinzu, damit meinte ich den ungenutzten unteren Bahnsteig der U-Bahnstation City Hall in Downtown. Die abgelegenste, dunkelste, nasskälteste Ecke in ganz Manhattan. Wenn es in der U-Bahn Alligatoren gab, dann lauerten sie sicher im Schwarzen Loch.
Die Miene von U-Bahnpolizei-Officer auf Probe Manuel Delgado übertraf meine kühnsten Erwartungen. Fast – aber nur fast — hätte mir der Kerl Leid getan, als ich hinzufügte:»Und danach schauen wir uns noch ein paar von den Geisterbahnhöfen an.« «Geisterbahnhöfe?«Jetzt guckte er wirklich besorgt.
«Was soll denn das sein?« Der Kerl war nicht bloß blutiger Anfänger, sondern auch noch eine Vorstadtpflanze. Jeder New Yorker wusste doch Bescheid über Geisterbahnhöfe, verlassene Bahnsteige, wo keine Züge mehr hielten. Beleuchtet waren sie aber noch und tauchten in den Fenstern der durchfahrenden Züge wie Geisterstädte in der Prärie auf, ideale Leinwände für aufstrebende Kunstmaler der unterirdischen Stadt.
Ich erklärte es ihm in der U-Bahn Richtung Downtown.
In dem Wagen, der unter den Straßen der Stadt wie ein alter Klapperkasten dahinratterte, saßen um ein Uhr morgens kaum Passagiere. Ein typischer Montagabend.
Bei den Fahrgästen handelte es sich um einen orthodoxen Juden, der über seiner hebräischen Bibel einschlief, zwei schwarze Frauen, beide in Liebesromanschmöker in Taschenbuchformat vertieft, das obligatorische Teenagerpärchen, das in der hintersten Sitzreihe herumknutschte, und eine alte Chinesin.
Ich wollte Delgado nicht ansehen. Mehr als einmal hatte ich beim Blick in seine Richtung ein verächtliches Lächeln über sein Gesicht huschen sehen. Als direkte Widersetzlichkeit konnte man es noch nicht gelten lassen, also ignorierte man es am besten.
Ich wiegte mich zum rhythmischen Schaukeln des U-Bahnwagens in einer Litanei von Slogans der Anonymen Alkoholiker: IMMER MIT DER RUHE. MACH’S NICHT KOMPLIZIERT, SCHÄTZCHEN. EINEN TAG NACH DEM ANDEREN. Ich sah sie im Geiste vor mir, wie sie bei den Treffen auf den Wänden erschienen waren, illuminiert wie alte keltische Handschriften.
Heute Nacht musste ich eine Stunde nach der anderen schaffen Vielleicht sogar eine Minute nach der anderen.