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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Mat wirbelte das Medaillon unablässig umher, stieß sich unsicher auf die Beine und betrachtete das Ding, das wie ein Mann aussah. Er will dich genauso sehr tot sehen, wie er sie will, hatte es ihm im Rahad mit einem Lächeln gesagt. Jetzt sprach oder lächelte es nicht. Mat wusste nicht, wer ›er‹ oder ›sie‹ waren, aber alles andere war glasklar. Hier war er nun, kaum dazu in der Lage, auf eigenen Beinen zu stehen. Sein Bein und seine Hüfte brannten wie Feuer, genau wie seine Rippen. Ganz zu schweigen von den Schultern, auf denen der Gholam gelandet war. Er musste zurück auf die Straße, unter Menschen. Vielleicht würden genügend Leute das Ding ablenken. Eine kleine Hoffnung, aber die einzige Hoffnung, die er sah. Er konnte das Stimmengewirr hören, das die Entfernung kaum dämpfte.

Er machte einen vorsichtigen Schritt zurück. Sein Stiefel rutschte in etwas aus, das scheußlich stank. Mat prallte gegen die Schenkenwand. Nur wildes Herumgefuchtel mit dem silbernen Fuchskopf hielt den Gholam zurück. Die Stimmen auf der Straße waren verführerisch nah. Sie hätten genauso gut in Barsine sein können. Barsine war seit langem tot und er würde es bald auch sein.

»Er ist in der Gasse!«, rief ein Mann. »Folgt mir! Beeilt Euch! Er kommt davon!«

Mat hielt seine Augen auf den Gholam gerichtet. Dessen Blick flackerte an ihm vorbei, zur Straße, und er zögerte. »Ich habe den Befehl, mich keinem erkennen zu geben, nur denen, die ich ernte«, fauchte er Mat entgegen, »also wirst du noch eine Weile leben. Eine kleine Weile.«

Er fuhr herum und rannte in die Gasse, rutschte leicht in dem Schlamm aus und schien trotzdem immer noch zu fließen, als er hinter die Schenke sprang.

Mat rannte ihm hinterher. Er hätte dafür keinen Grund nennen können, außer dass das Ungeheuer versucht hatte, ihn zu töten und es wieder versuchen würde. Seine Nackenhaare sträubten sich. Also würde es ihn töten, wenn es ihm passte? Wenn das Medaillon das Ding verletzen konnte, vielleicht konnte er es dann damit auch töteten.

Er erreichte die Ecke der Schenke und sah den Gholam in demselben Augenblick, in dem dieser zurückblickte und ihn ansah. Wieder zögerte das Ding einen Augenblick lang. Die Hintertür der Schenke stand offen und ließ den Lärm von Zecherei hören. In der Rückwand des gegenüberliegenden Gebäudes fehlte ein Stein. Die Kreatur stieß ihre Hände in das Loch. Mat erstarrte. Sie schien kaum Waffen zu brauchen, aber wenn sie dort eine versteckt hatte... Wenn das Ding ihm mit einer Waffe entgegentrat, würde er es bestimmt nicht überleben. Arme folgten Händen, dann verschwand der Kopf des Gholams in dem Loch. Mat klappte der Mund auf. Die Brust des Ungeheuers schlängelte sich hindurch, dann die Beine, und schon war es verschwunden. Durch eine Öffnung, die vielleicht so groß wie Mats beide Hände war.

»Ich glaube nicht, dass ich jemals etwas Ähnliches gesehen habe«, sagte jemand leise neben ihm, und er zuckte zusammen, als er begriff, dass er nicht länger allein dort stand. Der Sprecher war ein weißhaariger alter Mann mit gebeugten Schultern und einer großen Hakennase im traurigen Gesicht, der ein Bündel auf dem Rücken trug. Er schob einen sehr langen Dolch in eine Scheide unter seinem Mantel.

»Ich schon«, sagte Mat in hohlem Tonfall. »In Shadar Logoth.« Manchmal trieben verloren geglaubte Teile seiner eigenen Erinnerung aus dem Nichts an die Oberfläche; diese war gerade aufgetaucht, als er den Gholam betrachtet hatte. Es war eine Erinnerung, die besser verschollen geblieben wäre.

»Nur wenige überleben einen Besuch dort«, sagte der alte Mann und schaute ihn an. Irgendwie kam Mat sein faltiges Gesicht bekannt vor, aber er konnte es nicht unterbringen. »Was hat Euch nach Shadar Logoth geführt?«

»Wo sind Eure Freunde?«, fragte Mat. »Die Leute, denen Ihr zugerufen habt?« Sie standen allein in der Gasse. Die Geräusche von der Straße drangen ungebrochen zu ihnen herüber, doch es ertönten keine Rufe, dass jemand davonkommen würde, wenn sie sich nicht beeilten.

Der Alte zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, ob jemand da draußen gehört hat, was ich gerufen habe. Es ist schon schwer genug, etwas zu verstehen. Aber ich dachte, dass es den Burschen vielleicht vertreibt. Nachdem ich jedoch das hier gesehen habe...« Er zeigte auf das Loch in der Wand und lachte humorlos, was seine Zahnlücken enthüllte. »Vielleicht habt Ihr das Glück des Dunklen Königs auf Eurer Seite.«

Mat schnitt eine Grimasse. Er hatte das zu oft über sich gehört und es gefiel ihm nicht. Vor allem, weil er nicht wusste, ob es womöglich stimmte. »Vielleicht«, murmelte er. »Verzeiht mir, ich sollte mich dem Mann vorstellen, der meinen Hals gerettet hat. Ich bin Mat Cauthon. Seid Ehr neu in Ebou Dar?« Das auf den Rücken geschnallte Bündel verlieh ihm das Aussehen eines Mannes auf der Reise. »Ihr werdet es schwer haben, einen Platz zum Schlafen zu finden.« Er nahm die knorrige Hand, die der andere ihm reichte, mit Vorsicht. Sie bestand nur aus Höckern, als wäre jeder Knochen zur gleichen Zeit gebrochen worden und schlecht geheilt. Aber sein Griff war kräftig.

»Ich bin Noal Charin, Mat Cauthon. Nein, ich bin schon seit einiger Zeit hier. Aber meine Schlafstelle auf dem Dachboden der Goldenen Ente wird jetzt von einem fetten illianischen Ölhändler besetzt, der heute Morgen wegen einem seanchanischen Offizier aus seinem Zimmer geworfen wurde. Ich dachte, ich würde in der Gasse einen Platz zum Schlafen finden.« Er rieb sich mit einem verkrümmten Finger die große Nase und kicherte, als hätte es keine Bedeutung, in einer Gasse schlafen zu müssen. »Es wäre nicht das erste Mal, dass ich unbequem schlafen muss, selbst in einer Stadt.«

»Ich glaube, da weiß ich etwas Besseres«, sagte Mat, aber der Rest von dem, was er hatte sagen wollen, erstarb auf seiner Zunge. Die Würfel wirbelten noch immer in seinem Kopf umher. Er hatte es geschafft, sie zu vergessen, während der Gholam ihn zu töten versuchte, aber sie waren noch immer in Bewegung, warteten noch immer darauf zu fallen. Wenn sie ihn vor etwas Schlimmerem als dem Gholam warnen wollten, dann wollte er es nicht erfahren. Aber das würde er. Da bestand nicht der geringste Zweifel. Er würde es erfahren, wenn es zu spät war.

17

Rosafarbene Schleifen

Kalte Windböen wehten über den Mol Hara, hoben Mats Umhang und drohten den an seiner Kleidung klebenden Schlamm zu gefrieren, als Noal und er aus der Gasse eilten. Die Sonne hing zur Hälfte verborgen hinter den Dachrändern und die Schatten wurden zusehends länger. Mat musste den Umhang gewähren lassen, denn mit der einen Hand hielt er den Stab und mit der anderen in der Manteltasche die zerrissene Schnur des Fuchskopfes, dazu bereit, sie herauszureißen, falls es erforderlich war. Sein Körper schmerzte von Kopf bis Fuß, die klappernden Würfel in seinem Kopf verkündeten ihre Warnung, doch er nahm beides kaum wahr. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, alle Richtungen auf einmal im Auge zu behalten und sich dabei zu fragen, durch ein wie kleines Loch sich das Ding wohl zwängen konnte. Er ertappte sich dabei, wie er die Spalten zwischen den Pflastersteinen des Platzes voller Unbehagen betrachtete. Allerdings erschien es doch eher unwahrscheinlich, dass ihn das Ungeheuer in aller Öffentlichkeit angriff.

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