In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
Er hatte Gold, um Luca jeden gewünschten Preis zu bezahlen und noch mehr, aber es befand sich alles in einer Truhe im Tarasin-Palast, und er würde nicht den Versuch wagen, genug auf einmal mitzunehmen, nicht nachdem ihn die Palastdiener wie einen auf der Jagd erbeuteten Hirsch von den Docks zurückgetragen hatten. Damals hatte er bloß mit Schiffskapitänen gesprochen; falls Tylin erfuhr — und sie würde es erfahren —, dass er versuchte, den Palast mit mehr Gold zu verlassen, als er für einen Würfelabend brauchte... O nein! Er musste ein Zimmer haben, eine Kammer von der Größe eines Schrankes auf dem Dachboden irgendeines Gasthauses, egal was, wo er im Laufe der Zeit immer wieder ein paar Münzen verstecken konnte, oder er musste Glück im Spiel haben, eines von beiden. Aber ob Glück oder nicht, er kam schließlich zu dem Schluss, dass er an diesem Tag keines von beiden finden würde. Und diese verdammten Würfel rasselten noch immer in seinem Kopf herum.
Er blieb nie lange an einem Ort und das nicht nur, weil weder ein Spiel noch ein Raum zu finden waren. Seine grellbunten Kleider, die einen Kesselflicker noch beschämen würden, zogen Blicke auf sich. Einige Seanchaner glaubten, er sei zur Unterhaltung da, und versuchten ihn für eine Darbietung zu bezahlen! Beinahe hätte er ein- oder zweimal eingewilligt, aber sie hätten nach seinen Sangeskünsten ihr Geld zurückverlangt. Einige der Ebou Dari, die lange, gekrümmte Messer hinten im Gürtel stecken und Wut im Bauch hatten, die sie nicht an den Seanchanern auslassen konnten, dachten daran, sie an dem Hanswurst abzureagieren, dem nur noch das geschminkte Gesicht fehlte, um wie der Hofnarr eines Adligen auszusehen. Wann immer Mat sah, dass ihn solche Kerle musterten, wich er sofort auf die belebte Straße zurück. Er hatte auf die harte Weise lernen müssen, dass er noch nicht in der Verfassung zum Kämpfen war, und es würde ihm gar nichts nützen, wenn der Kopf seines Mörders vor dem Stadttor zur Schau gestellt wurde.
Er ruhte sich aus, wo immer er konnte, auf einem leeren Fass, das an einer Gassenmündung stand, auf den raren Bänken vor einer Schenke, wo noch Platz für eine Person war, oder auf den Steinstufen eines Gebäudes, bis die Besitzerin herauskam und ihm mit einer schwungvollen Bewegung ihres Besens den Hut vom Kopf fegte. Sein Magen hing ihm schon bis zu den Knien, und er wurde das Gefühl nicht los, dass ihn jeder wegen seiner bunten Kleidung anstarrte. Die feuchte Kälte sickerte in seine Knochen, und die einzigen Würfel, die es zu finden gab, donnerten wie die Hufe eines galoppierenden Pferdes in seinem Kopf herum. Er glaubte nicht, dass sie jemals so laut gewesen waren.
»Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als zurück in den Palast zu gehen und das verdammte Schoßtier der Königin zu sein!«, knurrte er und benutzte den Stab, um sich von einer zerbrochenen Holzkiste, die an der Straßenseite lag, in die Höhe zu stemmen. Einige Passanten sahen ihn bereits an, als wäre sein Gesicht bemalt. Er ignorierte sie. Sie waren seine Aufmerksamkeit nicht wert. Er versetzte ihnen keinen Hieb mit dem Stab auf den Kopf, obwohl sie es verdient hatten, starrten sie einen Mann doch auf diese Weise an.
Ihm wurde bewusst, dass die Straßen genauso überfüllt waren wie zuvor; falls er versuchte, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, würde er den Palast erst weit nach Einbruch der Dunkelheit erreichen. Natürlich würde Tylin bis dahin vermutlich schon schlafen. Vielleicht. Sein Magen knurrte beinahe laut genug, um die Würfel zu übertönen. Falls er zu spät kam, mochte sie dem Küchenpersonal befehlen, ihm nichts zu essen zu geben.
Zehn hart erkämpfte Schritte durch die Menschenmenge und er kam zu einer schmalen und dunklen Gasse. Sie war nicht gepflastert. Der weiße Verputz auf den fensterlosen Wänden war gesprungen und an einigen Stellen abgefallen, um die darunter liegenden Ziegel zu enthüllen. Die Luft stank nach Verfall, und auch wenn das, was unter seinen Stiefeln schmatzte, einen widerwärtigen Geruch absonderte, hoffte er dennoch, dass es sich um Schlamm handelte. Es war niemand in Sicht. Er konnte schnell ausschreiten. Zumindest so schnell, wie er dazu fähig war. Er konnte kaum den Tag abwarten, an dem er wieder ein paar Meilen gehen konnte, ohne keuchen zu müssen. Schmerzen zu haben oder sich auf einen Stock stützen zu müssen. Verwinkelte Gassen durchzogen die Stadt in einem Labyrinth, in dem man sich leicht verirren konnte, wenn man den Weg nicht kannte; die meisten von ihnen waren so schmal, dass seine Schultern beide Häuserwände berührten. Er nahm niemals eine falsche Abzweigung, selbst wenn sich eine enge, gebogene Passage plötzlich in drei oder sogar vier neue gabelte, die sich alle scheinbar in ungefähr die gleiche Richtung schlängelten. Es hatte einige Gelegenheiten in Ebou Dar gegeben, bei denen er neugierige Blicke meiden musste, und er kannte diese Gassei} wie seine Hand. Obwohl er seltsamerweise noch immer das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Aber das würde sich wohl kaum ändern, solange er diese verfluchten Sachen tragen musste.
Um von einer Gasse zur anderen zu gelangen, musste er sich durch die Massen aus Menschen und Vieh kämpfen und gelegentlich auch den Weg über eine Brücke erzwingen, die wie eine solide Menschenmauer erschien, trotzdem würde er es noch immer in der Zeit zum Palast schaffen, die er sonst allein für drei Straßen gebraucht hätte. Als er in die dunkle Passage zwischen einer hell erleuchteten Schenke und einem geschlossenen Lackwarenladen eilte, fragte er sich, was die Palastköche wohl vorbereitet haben würden. Diese Gasse war geräumiger als die meisten, breit genug für drei, wenn sie freundlich gesinnt waren, und führte auf den Mol Hara-Platz, der sich fast genau vor dem TarasinPalast befand. Suroth lebte dort, und seit sie die Köche nach ihrer ersten Mahlzeit hatte auspeitschen lassen, übertrafen sie sich beinahe in ihrer Fertigkeit. Möglicherweise gab es Austern mit Sahne und vielleicht Bratfisch und Tintenfisch mit Pfeffer. Nach zehn Schritten in den Schatten trat er gegen etwas, das nicht nachgab, und er fiel mit einem Grunzen in den kalten Schlamm. Im letzten Augenblick konnte er sich noch so drehen, dass er nicht auf seinem schlimmen Bein landete. Eiskalte Flüssigkeit drang durch den Mantelstoff. Er hoffte, dass es Wasser war.
Da krachten von oben Stiefel auf seine Schultern und er grunzte erneut. Der Springer stolperte fluchend von ihm herunter, taumelte durch den Schlamm tiefer in die Gasse hinein, fiel auf ein Knie und schaffte es gerade noch, sich an der Schenkenwand abzustützen, bevor er selbst der Länge nach hinschlug. Mats Augen waren an das Dämmerlicht gewöhnt, es reichte, um einen schlanken, unauffälligen Mann auszumachen. Ein Mann, der scheinbar eine große Narbe auf der Wange hatte. Nur dass es sich um keinen Menschen handelte. Mat hatte gesehen, wie die Kreatur seinem Freund mit der nackten Hand die Kehle herausgerissen und sich ein Messer aus der Brust gezogen und zurück in seine Richtung geschleudert hatte. Und wäre er gerade eben nicht gestolpert, wäre das Ding genau vor ihm gelandet, in bequemer Reichweite. Vielleicht hatte ja eine kleine ta'uerett-Beeinflussung zu seinen Gunsten gewirkt, dem Licht sei Dank! Das alles raste ihm in dem Augenblick durch den Kopf, den es dauerte, zu sehen, wie der Gholam sich an der Wand abfing und den Kopf drehte, um ihn böse anzustarren.
Mit einem Fluch schnappte sich Mat seinen zu Boden gefallenen Wanderstab und schleuderte ihn wie einen Speer unbeholfen auf das Ungeheuer. Auf seine Beine, in der Hoffnung, es zum Stolpern zu bringen, einen Augenblick zu gewinnen. Das Ding floss zur Seite wie Wasser und entging dem Stab, dann warf es sich Mat entgegen. Aber der Aufschub hatte gereicht. Der Stab hatte noch nicht Mats Hand verlassen, als er auch schon unter dem Hemd nach dem Fuchskopf-Medaillon tastete. Er riss es heraus, und dabei ging das Lederband entzwei, an dem es hing. Der Gholam warf sich auf ihn und er schwang verzweifelt das Medaillon. Silber, das kühl auf seiner Haut gelegen hatte, fuhr mit einem Zischen wie bratender Speck und dem Gestank nach verbranntem Fleisch über eine ausgestreckte Hand. Das Ding fauchte, bewegte sich so flüssig wie Quecksilber, versuchte dem Medaillon auszuweichen und nach Mat zu greifen. Sobald es auch nur eine Hand an ihn legte, war er so gut wie tot. Diesmal würde es nicht versuchen, mit ihm zu spielen, wie es das im Rahad getan hatte. In ständiger Bewegung traf er es mit dem Fuchskopf an der anderen Hand, dann im Gesicht, und beide Male zischte es und stank, als hätte er es mit einem glühenden Eisen getroffen. Der Gholam wich mit gebleckten Zähnen zurück, blieb aber leicht geduckt, die Hände zu Krallen geformt, dazu bereit, beim kleinsten Anzeichen von Schwäche zu springen.