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Die Goldhändlerin

Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:

Deutschland im Jahre 1485 - Für die junge Jüdin Lea endet ein Jahr der Katastrophen: Ihr Vater und ihr jüngerer Bruder Samuel kamen bei einem Pogrom ums Leben. Um das Erbe ihres Vaters und damit ihr Überleben und das ihrer Geschwister zu sichern, muss Lea sich fortan als Samuel ausgeben. In ihrer Doppelrolle drohen ihr viele Gefahren, nicht nur von christlicher Seite, sondern auch von ihren Glaubensbrüdern, die »Samuel« unbedingt verheiraten wollen. Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in den mysteriösen Roland, der sie zu einer mehr als abenteuerlichen Mission verleitet ...

Autorin

Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
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Lea betrachtete die Königin genauer und musste van Haalen Recht geben. Isabella war gewiss keine Frau, die sich das Heft aus der Hand nehmen ließ. Da hätte der König schon aus härterem Holz geschnitzt sein müssen.

Die kurze Audienz war rasch vorbei. Frans von Haalen und seine Kavaliere verneigten sich mehrfach vor dem Königspaar und verließen den Kreis rückwärts gehend. Die Königin stand auf, hob noch einmal die Hand zum Gruß und stieg eine kleine Treppe hoch, die wie von Zauberhand neben ihr aufgetaucht war, und setzte sich auf ihren Zelter. Der König wartete, bis sie gut im Sattel saß, und schwang sich dann vom Boden aus mit einer kraftvollen Bewegung auf den Rücken eines unruhig stampfenden andalusischen Hengstes.

Lea sah dem Königspaar und der Schar ihrer Begleiter nach, bis sie den Hang zu dem kleinen Schloss hinaufritten, und blickte sich dann nach ihren Freunden um. Doch die waren inzwischen zu dem Pferch hinübergelaufen, um sich die Pferde anzusehen. Einzig Colombo weilte noch in ihrer Nähe. Er winkte eben einem der Edelleute zu, den

Lea in der Begleitung des Königspaares gesehen hatte und der ebenfalls zurückgeblieben war. Der Mann erwiderte Colombos Gruß und kam mit sichtlicher Freude auf ihn zu.

Lea eilte an die Seite des Genuesen. »Wer ist der Herr?«

Colombo lächelte ungewohnt fröhlich. »Seine Durchlaucht, der Herzog von Medicaneli, einer der angesehensten Männer am spanischen Hof und einer der wenigen Höflinge, die ihren Kopf zum Denken benutzen und nicht nur, um ein schmuckes Hütchen darauf zu setzen.«

Lea atmete innerlich auf, und bevor der Genuese ihr mit einer sicherlich wortreichen Begrüßung zuvorkommen konnte, beugte sie ihr Haupt und sprach den Herzog an.

»Eure Durchlaucht, es ist mir eine Freude, Euch von einem gemeinsamen Freund grüßen zu dürfen.«

15.

Etwa um die gleiche Stunde, in der Lea dem Herzog von Medicaneli begegnete, stieg Orlando Terasa de Quereda y Cunjol in London an Bord des Handelsschiffs »Seagull«, das mit dem nächsten Ebbstrom die Themse hinabfahren wollte, um nach Spanien zu segeln. Oben an Deck drehte er sich um und starrte das Ufer an. Er wusste, dass es Wahnsinn war, was er tat, und die Stimme der Vernunft drängte ihn dazu, das Schiff sofort wieder zu verlassen und die Geschäftspartner aufzusuchen, bei denen er um diese Zeit hätte ankommen müssen. Doch sein Herz trieb ihn in eine andere Richtung, immer näher auf das Land zu, das er seinem Vater zufolge nie wieder betreten durfte und in dem, wenn er nicht übermenschliches Glück hatte, ein qualvoller Tod auf ihn wartete.

Orlando war sich bewusst, dass er sein Wort hätte halten können, wenn er nicht den Fehler begangen und ausgerechnet Lea dorthin geschickt hätte. Seit ihrer Abfahrt aus Antwerpen vor mehr als vier Monaten hatte er nichts mehr von ihr gehört, und es war ihm auch nicht gelungen, von den noch existierenden Handelspartnern seines Vaters eine Nachricht von ihr oder über sie zu bekommen. Dafür hatte er sichere Kunde, dass sein Onkel Ba-ramosta mit seiner Familie immer noch im Kloster San Juan de Bereja lebte, und das hieß für ihn nichts anderes, als dass Lea gescheitert war und sich nun in den Händen der Inquisition befand.

Seit Wochen verfolgten ihn nachts die schrecklichsten Albträume, in denen Lea in düsteren Kellern gemartert wurde, bis nur noch ein zuckendes, blutiges Bündel von ihr übrig blieb, das unter dem Gejohle des Volkes an einen Pfahl gebunden und langsam verbrannt wurde. Wenn er aufwachte, hallten ihre Schreie noch in seinem Ohr, und er ekelte sich vor sich selbst. Er vermochte sich kaum noch zu rasieren, weil er seinen eigenen Anblick nicht mehr ertrug, so sehr verachtete er sich dafür, dass er eine Frau Gefahren ausgesetzt hatte, denen er sich selbst nicht hatte stellen wollen. Nein, nicht irgendeine Frau, korrigierte er sich, sondern die Frau, die er liebte.

Der Kapitän tippte ihm auf die Schulter und riss ihn für einen Augenblick aus seiner Selbstzerfleischung. »Die Flut steht hoch, Master Fischkopf. Wir werden einen starken Ebbstrom haben, der uns sicher auf das Meer hinaustragen wird.«

»Das wollen wir hoffen, Master Hörne.« Orlando zwang sich zu einem gequälten Lachen. Zu anderen Zeiten hätte er das Gespräch mit dem Kapitän genossen und über dessen Scherze gelacht. Doch in seinem ganzen Sinnen und Fühlen war nur Platz für Lea. Er musste Gewissheit haben, was mit ihr geschehen war, und vor allen Dingen wollte er sie, wenn er sie gegen alle Wahrscheinlichkeit noch lebend und wohlbehalten antraf, so schnell wie möglich aus Spanien wegbringen.

Während Orlando dem Matrosen, der sein Gepäck aufgenommen hatte, unter Deck folgte, zog der am Fockmast lehnende Zahlmeister, der ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte, ein zerfleddertes Blatt Papier aus einer Innentasche seines Wamses, las den Text noch einmal aufmerksam durch und grinste breit. Mit den dreitausend goldenen Reales, die die Spanier für die Gefangennahme eines gewissen Orlando Terasa, auch genannt Roland Fischkopf, zahlen würden, konnte er sich ein eigenes Schiff kaufen oder sich an mehreren großen Handelsseglern beteiligen.

Sechster Teil.

Für den Ruhm Kastiliens 

1.

Lea zitterte bei jedem Schritt der Stute und saß so stocksteif im Sattel, als könnte er sich samt dem Pferd jeden Moment unter ihr auflösen. Fast drei Wochen hatte sie darauf gewartet, zu Medicaneli gerufen zu werden, doch als sein Reitknecht ihr am Morgen die Einladung zu einem Ausritt überbracht hatte, hatte sie erschrocken abgewehrt und ihm erklärt, dass sie nicht reiten könne. Der Mann hatte nur gelacht und gesagt, der Herzog erwarte den Senor. Danach hatte Lea sich den ganzen Vormittag Vorwürfe gemacht, denn eigentlich hätte sie wissen müssen, dass es so kommen würde, denn Medica-neli war schon mit einer Reihe burgundischer Edelleute ausgeritten, angefangen bei Frans van Grovius und seinem engeren Stab bis zu ihren Freunden de Poleur und de la Massoulet. Zu ihrer Erleichterung war der Reitknecht am Nachmittag mit einer lammfrommen Stute erschienen und hatte mit einer völlig regungslosen Miene gewartet, bis sie in den Sattel geklettert war.

Der Herzog war ein schlanker, hoch gewachsener Mann mit schmalem, hochmütigem Gesicht und blondem Haar, zu dem seine fast schwarzen, wachsamen Augen einen scharfen Kontrast bildeten. Eine Weile sah er über Leas mangelnde Reitkünste hinweg, aber als sie scharf Luft holte, weil die Stute den Kopf hochwarf und den Hang ein wenig schneller hinablief, begann er schallend zu lachen. »Keine Sorge, Saint Jacques, Cereza beißt nicht.«

Cereza, die Kirsche, war ein passender Name für die hübsche Rotfuchsstute. Zuerst hatte Lea ihn nicht richtig verstanden und sich gewundert, wieso man ein solches

Pferd Bier nennen konnte. Dann hatte sie begriffen, dass sie unwillkürlich ein V in das Wort Cereza geschmuggelt und »cerveza« verstanden hatte. Dabei gab es im spanischen Heerlager kein Bier, sondern Wein, der in Kastilien und Aragon gekeltert wurde und zu den besten der Welt zählte. Dieser Wein war es auch, der in ganzen Schiffsladungen nach Flandern gebracht wurde und ihr zurzeit ein kleines Vermögen bescherte. Lea erinnerte sich noch gut daran, wie verblüfft sie gewesen war, als Orlando ihr anhand der Abrechnungen gezeigt hatte, wie viel sie an ihrem Weinmonopol verdiente.

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