Das Erbe der Phaetonen [Illustrationen: L. Rubinstein]
- Автор: Мартынов Георгий Сергеевич
- Год: 1969
- Язык: немецкий
- Год: Kultur und Fortschritt
- Переводчик: Traute Stein
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Das Erbe der Phaetonen [Illustrationen: L. Rubinstein]». Краткое содержание книги:
„Bravo!“ hörte er Melnikow ausrufen.
Wtorow öffnete die Augen. Im ersten Augenblick wollte er es gar nicht glauben — sein Wunsch war in Erfüllung gegangen. Er ertappte sich bei einem selbstzufriedenen Lächeln. Glich sie nicht einem Wunder, diese Zaubertechnik, die auf einen Befehl der Vorstellungskraft reagierte?
„Lösch das Licht“, sagte Melnikow in einem Ton, als brauche man nur die Hand auszustrecken und einen Schalter herumzudrehen.
Eine Stunde vor dem Tode
Durch den menschlichen Organismus fließen ununterbrochen nach Spannung, Frequenz und Stärke unterschiedliche elektrische Ströme. Bei jeder Tätigkeit des lebenden Gewebes kommt es zu einer Veränderung des elektrischen Potentials. Jeden Befehl des Gehirns, der durch das Zentralnervensystem an die Muskeln weitergegeben wird, kann man durch einen Spezialapparat in Form eines Elektrogramms aufzeichnen.
In der Wissenschaft werden diese Ströme des Organismus als „Bioströme“ bezeichnet.
Unsere Technik hat längst gelernt, die in den Muskeln entstehenden Bioströme für das Funktionieren künstlicher Gliedmaßen — Arme oder Beine — auszunutzen. Heute steht die Herstellung von Maschinen, die unmittelbar durch Hirnströme gelenkt werden, auf der Tagesordnung von Wissenschaft und Technik. Schwierigkeiten ergeben sich jedoch daraus, daß die zahllosen Impulse, die gleichzeitig von den Milliarden Nervenzellen des Gehirns ausgehen, voneinander getrennt werden müssen.
Im Jahre 19…, als die „SSSR-KS 3“ zur Venus flog, gingen in der UdSSR, in den USA und anderen Ländern die ersten Muster hirngesteuerter Maschinen in Produktion. Sie waren noch sehr einfach, aber die Entwicklung komplizierterer und vollkommenerer zeichnete sich bereits ab. Selbstbewußt stattete der Mensch die Technik mit der Kraft seines Denkens aus.
Der Ausdruck „mit Gedankenschnelle“ ist allgemein bekannt.
Und in der Tat entsteht der Gedanke praktisch in einem Augenblick. Die durch den Gedanken ausgelöste Handlung aber erfolgt unvermeidlich mit Verzögerung. Um einen Befehl des Gehirns in Bewegung umzusetzen, benötigen die Muskeln Zeit.
Eine gut konstruierte Maschine jedoch kann ebensoschnell arbeiten, wie der Mensch denkt. Daraus erhellt, welche Vorteile die unmittelbare Übertragung eines Befehls vom Gehirn zur Maschine bietet. Das Zwischenglied, die Handbewegung des Menschen, entfällt. Durch diese Steuermethode werden Schnelligkeit und Genauigkeit erheblich gesteigert. Das Denken wird unmittelbar in Handlung umgesetzt, ohne Entstellungen, wie sie die Organe unseres Körpers — Gelenke, Muskeln und schließlich die Finger, die nicht biegsam und gehorsam genug sind — ständig hervorrufen.
Den Kommandanten von Weltraumschiffen eröffnen sich angesichts der ungeheuren Fluggeschwindigkeit und der häufigen Notwendigkeit, blitzschnelle Entschlüsse fassen und sie ebenso blitzschnell in die Tat umsetzen zu müssen, durch die gedankliche Steuerung ungeahnte Möglichkeiten. Es verwundert daher nicht, daß sich die Phaetonen, deren wissenschaftliche und technische Entwicklung der irdischen weit voraus war, für dieses, das vollkommenste Prinzip der Raumschifflenkung entschieden hatten.
Die auf Bioströmen beruhende Technik war auch auf der Erde bereits bekannt. Deshalb kamen Melnikow und Wtorow verhältnismäßig leicht hinter das Rätsel der fremden Steuerungstechnik, das ihnen anfangs unlösbar erschienen war.
Die entscheidende Rolle spielte dabei die Ähnlichkeit zwischen den Menschen des Phaeton und denen der Erde. Sie waren gleich gebaut, die Natur hatte sie nach ein und demselben Muster geschaffen. Das Gehirn der Phaetonen — das ließ sich mit Sicherheit sagen — war dem des Menschen analog, ein Unterschied bestand lediglich im Entwicklungsstand. Die Denkweisen unterschieden sich nicht voneinander. Was die Phaetonen konnten, konnten auch die Menschen. Natürlich dachten die Phaetonen konkreter, genauer, war ihre Phantasie reicher und mannigfaltiger, ihre Vorstellungskraft deutlicher und plastischer.
Dennoch handelte es sich um das gleiche Denken, die gleiche Phantasie, die gleichen Vorstellungen. Das bewies die Tatsache, daß die Mechanismen Wtorows Gedanken gehorcht hatten.
Durch seine Vorstellungskraft hatte er das Raumschiff veranlaßt, von der Venus fortzufliegen, hatte er die fünfeckigen Türen geöffnet, die Wände durchsichtig und dann wieder undurchsichtig gemacht, hatte er schließlich das Licht wunschgemäß zum Aufflammen und zum Erlöschen gebracht. Das bedeutete, daß die Bioströme seines Gehirns genau denen des Phaetonengehirns entsprachen.
War das ein glücklicher Zufall? Konnte man sagen, daß Melnikow und Wtorow nur dank diesem Zufall Aussicht auf Rettung hatten? Natürlich nicht! Hätten sich Wtorows Bioströme von denen der Phaetonen unterschieden, wäre eine Rettung überhaupt nicht notwendig geworden. Dann läge das Raumschiff noch immer auf der Venus. Was geschehen war, hatte dieselbe Kraft hervorgerufen, die sie jetzt retten sollte.
Die Aufgabe war einfach, aber nicht leicht. Praxis in der gedanklichen Steuerung hatte Wtorow natürlich nicht. Diese Kunst mußte er sozusagen im Fluge, während des Steuerns selbst erlernen. Angesichts der ungeheuren Geschwindigkeit, mit der das Raumschiff flog, barg das große Gefahren in sich. Eine scharfe Kurve zum Beispiel konnte ihnen durch Überlastung den Tod bringen. Wtorows Vermutung, die Phaetonen hätten sich unmöglich ganz und gar auf ihre eigene Vorstellungskraft verlassen und die Automatik ihres Raumschiffs würde solch scharfe Kurven nicht zulassen, bedurfte noch der Überprüfung.
Die „Qualität“ des Denkens der Phaetonen, seine Diszipliniertheit waren vorläufig unbekannt.
Um diese Überprüfung kamen Melnikow und Wtorow nicht herum. Ohne zu zögern, entschlossen sie sich daher zu einem gefährlichen Experiment.
„Unsere Rettung hängt von dir ab“, sagte Melnikow. „Aber übereil nichts, sei äußerst vorsichtig. Übereilung wäre unser sicheres Verderben.“
„Das weiß ich“, erwiderte Wtorow.
„Wir müssen den Stier bei den Hörnern packen. Versuchen wir, eine Wendung von hundertachtzig Grad auszuführen. Wenn du recht hast und die Automatik läßt keine scharfe Kurve zu, sind wir gerettet. Vollführt das Raumschiff aber diese knappe Wendung, ist alles aus.“
„Ich weiß“, wiederholte Wtorow. „Ich bin bereit.“
„Es kann auch passieren, daß das Raumschiff deinem ›Befehl‹ überhaupt nicht gehorcht. Dann…“
„Dann ist ebenfalls alles aus“, unterbrach ihn Wtorow. „Nur daß der Tod dann nicht sofort eintritt. Ich weiß das alles, Boris Nikolajewitsch, und ich bin ganz ruhig. Gehen wir zum Pult.
Verlieren wir keine Zeit mehr.“ Mit Verwunderung registrierte Melnikow die feste Stimme seines Kameraden. Keine Spur von Aufregung war auf Wtorows Gesicht festzustellen. Er war nach den wenigen Stunden der Ruhe wie umgewandelt, glich in nichts mehr jenem Menschen, der noch wenige Stunden zuvor beinahe in Hysterie verfallen wäre. Eine erstaunliche Veränderung!
„Ja, gehen wir!“ Sie hatten volle acht Stunden fest und traumlos geschlafen.
Zu gleicher Zeit waren sie wieder aufgewacht, und Wtorow hatte sofort für Licht gesorgt; es war gehorsam aufgeflammt, sobald er es wünschte. Ebenfalls waren die Wände sofort wieder durchsichtig geworden.
Wo mochten sich die erstaunlichen Mechanismen der Phaetonen befinden? Höchstwahrscheinlich waren es jene langgestreckten, flachen Kästen, die in allen Räumen standen. Sie mußten über eine wahrhaft märchenhafte Empfindlichkeit verfügen, wenn sie die schwachen Bioströme des Gehirns noch über eine Entfernung von mehreren Metern empfingen. Welch einen Riesensprung vorwärts würde die Wissenschaft der Erde machen, wenn sie hinter das Geheimnis von Konstruktion und Arbeitsweise dieser Mechanismen kam. Das Raumschiff der Phaetonen, eine Gipfelleistung wissenschaftlichen und technischen Denkens, war eine wahre Schatzkammer des Wissens der älteren Brüder des Menschen. Und dieser Schatz war durch den Willen des Schicksals zwei Menschen anvertraut. Von ihnen hing es ab, ob er erhalten blieb oder verlorenging. Nachdem sie sich hierüber klargeworden waren, erschien ihnen ihr eigenes Schicksal bedeutungslos. Der anfängliche Wunsch, nur sich selbst zu retten, wurde allmählich durch einen anderen verdrängt: das Raumschiff zu retten, koste es, was es wolle — für die Wissenschaft, für die Menschheit, für die Heimat.