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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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Tyrion wendete sein Pferd und blickte nach Osten. Der Strom floss noch immer schwarz dahin, doch die Oberfläche war eine kochende Masse aus Blut und Flammen. Der Himmel war rot und orange und grell grün. »Was?«, fragte er. Dann sah er es.

In Stahl gepanzerte Soldaten kletterten aus einer zerschmetterten Galeere, die auf einen Kai gelaufen war. So viele, wo kommen die bloß alle her? Er kniff die Augen wegen des Rauchs zusammen und verfolgte ihren Weg zurück auf den Fluss. Zwanzig Galeeren waren ineinander verkeilt, vielleicht auch mehr, es war schwierig zu zählen. Die Ruder waren gegeneinander gekreuzt, die Rümpfe mit Enterleinen aneinander gefesselt oder hatten sich gegenseitig auf die Rammen gespießt und in der herabgefallenen Takelage verschlungen. Ein großes Schiff trieb kieloben zwischen zwei kleineren. Wracks, jedoch so dicht aneinander gedrängt, dass man von einem Deck zum anderen springen und so den Schwarzwasser überqueren konnte.

Hunderte von Stannis Baratheons verwegensten Soldaten taten genau das. Tyrion sah einen törichten Narren von Ritter, der sogar versuchte, herüberzureiten und sein verängstigtes Pferd über Bordwände und Ruder hinwegtrieb, über schräge Decks, die glitschig von Blut waren und auf denen grünes Feuer knisterte. Wir haben ihnen eine verfluchte Brücke gebaut, dachte er entsetzt. Ein Teil der Brücke sank, ein anderer brannte, und das Ganze ächzte und schwankte und würde vermutlich jeden Moment auseinanderbrechen, doch das schien die Männer nicht aufzuhalten. »Das sind tapfere Kerle«, sagte er bewundernd zu Ser Balon. »Gehen wir und töten wir sie.«

Er führte sie durch die flackernden Feuer und den Ruß und die Asche am Ufer, galoppierte über einen langen Steinkai, und seine und Ser Balons Männer folgten ihm. Ser Mandon, von dessen Schild nur noch ein zerhackter Rest übrig war, stieß zu ihnen. Rauch und Asche wirbelten durch die Luft, und die Feinde wichen vor ihrem Angriff zurück, warfen sich zurück ins Wasser und stießen jene nieder, die gerade herauskletterten. Das Ende der Brücke bildete eine halb gesunkene feindliche Galeere, auf deren Bug Drachentod gemalt und deren Rumpf von einem der Wracks aufgerissen worden war, die Tyrion zwischen den Kais versenkt hatte. Ein Speerträger mit dem roten Krebs des Hauses Celtigar trieb seine Waffe durch die Brust von Balon Swanns Pferd, ehe dieser absteigen konnte, und warf den Ritter aus dem Sattel. Tyrion hackte dem Mann den Kopf ab, während er vorbeiflog, und dann war es zu spät, sein Pferd zu zügeln. Der Hengst sprang vom Rand des Kais über ein zersplittertes Schandeck und landete wiehernd und spritzend im knöcheltiefen Wasser. Tyrion flog die Axt aus der Hand, er selbst wurde abgeworfen und landete mit feuchtem Klatschen auf dem Deck.

Jetzt folgte der blanke Wahnsinn. Sein Pferd hatte sich ein Bein gebrochen und schrie entsetzlich. Irgendwie gelang es Tyrion, den Dolch zu ziehen und der armen Kreatur die Kehle durchzuschneiden. Das Blut spritzte in scharlachroter Fontäne hervor und bedeckte seine Arme und seine Brust. Er kam wieder auf die Beine und taumelte zur Reling, dann kämpfte er weiter, taumelte und rutschte über schiefe Decks, die vom Wasser überflutet waren. Männer stürzten sich auf ihn. Manche tötete er, manche verwundete er, und einige flohen, doch ständig kamen neue. Er verlor sein Messer und gewann stattdessen einen abgebrochenen Speer, wie, hätte er nicht sagen können. Er umklammerte den Schaft und stieß zu, wobei er lauthals Flüche brüllte. Männer liefen vor ihm davon, er lief ihnen nach, kletterte über die Reling zum nächsten Schiff und wieder zum nächsten. Seine beiden weißen Schatten waren stets bei ihm; Balon Swann und Mandon Moor, die in ihren hellen Panzern prächtig anzusehen waren. Umzingelt von Velaryons Speerträgern kämpften sie Rücken an Rücken und fochten so anmutig, als würden sie tanzen.

Er selbst hingegen tötete eher plump und unbeholfen. Er stach einem Mann in die Nieren, als dieser ihm den Rücken zukehrte, und packte einen anderen am Bein und warf ihn in den Fluss. Pfeile zischten an seinem Kopf vorbei und prallten scheppernd von seiner Rüstung ab; einer blieb zwischen Schulter und Bruststück stecken, doch er spürte ihn gar nicht. Ein nackter Mann fiel vom Himmel und landete auf dem Deck; sein Körper zerplatzte wie eine Melone, die von einem Turm fällt. Das Blut spritzte durch den Schlitz von Tyrions Helm. Steine stürzten herab, krachten durch die Decksplanken und zermalmten Männer zu Brei, bis die ganze Brücke erschauerte, sich unter seinen Füßen verdrehte und ihn zur Seite warf.

Plötzlich strömte der Fluss in seinen Helm. Er riss ihn herunter und kroch das schiefe Deck hinauf, bis das Wasser ihm nur noch bis zum Hals reichte. Ein Stöhnen erfüllte die Luft wie der Todesschrei einer riesigen Bestie. Das Schiff, konnte er noch denken, das Schiff reißt sich los. Die Galeerenwracks und mit ihnen die Brücke brachen auseinander. Kaum war er zu dieser Erkenntnis gekommen, hörte er ein donnerndes Krachen; das Deck schlingerte unter ihm, und wieder rutschte er ins Wasser.

Diesmal war die Schlagseite so steil, dass er hinaufklettern und sich an einer Leine Zoll um verdammten Zoll hochziehen musste. Aus den Augenwinkeln sah er, dass sich das Schiff, mit dem ihres gerade noch verbunden gewesen war, drehte und mit der Strömung trieb. Männer sprangen über die Reling. Einige trugen Stannis’ flammendes Herz, andere Joffreys Hirsch und Löwen, einige andere Wappen, doch es schien keine Rolle zu spielen. Sowohl flussaufwärts als auch flussabwärts brannten Feuer. Auf seiner einen Seite tobte eine wütende Schlacht, ein großes Gewühl aus kämpfenden Männern, über denen helle Banner wehten, Schildwälle, die sich bildeten und wieder auflösten, Ritter auf Pferden, die sich durch die Menge drängten, Staub und Schlamm und Blut und Rauch. Auf der anderen Seite erhob sich der Rote Bergfried auf seinem Hügel und spuckte Feuer. Beides befand sich jeweils auf der falschen Seite. Einen Augenblick lang dachte Tyrion, dass er gerade den Verstand verlor, dass Stannis und die Burg die Seiten getauscht hatten. Wie hat Stannis den Fluss zum Nordufer überqueren können? Dann begriff er, das Deck drehte sich, und irgendwie hatte er Burg und Schlacht verwechselt. Schlacht? Was für eine Schlacht? Wenn Stannis nicht am Nordufer ist, mit wem kämpft er dann? Tyrion war zu erschöpft, um auf diese Frage eine logische Antwort zu finden. Seine Schulter schmerzte entsetzlich, und als er hingriff, sah er den Pfeil und erinnerte sich. Ich muss runter von diesem Schiff. Flussabwärts war nichts als eine Feuerwand, und wenn er auf dem Wrack bliebe, würde er genau dort hineingetrieben werden.

Jemand rief seinen Namen durch den Lärm der Gefechte. Tyrion versuchte zurückzurufen: »Hier! Hier, ich bin hier, helft mir, Hilfe!« Seine Stimme klang so dünn, dass er sie selbst kaum hören konnte. Er zog sich auf das geneigte Deck hinauf und griff nach der Reling. Der Rumpf stieß gegen die nächste Galeere und prallte heftig zurück. Beinahe wäre er ins Wasser gefallen. Wo war bloß seine ganze Kraft geblieben? Er konnte sich nur noch mit großer Mühe festhalten.

»MYLORD! NEHMT MEINE HAND! MYLORD TYRION!«

Dort auf dem Deck des nächsten Schiffes, jenseits einer breiter werdenden Kluft aus schwarzem Wasser, stand Ser Mandon Moor und streckte ihm die Hand entgegen. Gelbes und grünes Feuer leuchtete auf dem Weiß seiner Rüstung, und sein Handschuh war klebrig von Blut, trotzdem griff Tyrion danach und wünschte nur, seine Arme wären länger. Erst im letzten Augenblick, als sich ihre Finger über die Kluft hinweg fast berührten, fiel ihm etwas auf … Ser Mandon hielt ihm die linke Hand entgegen, warum …

Wich er deshalb zurück, oder hatte er das Schwert gesehen? Er würde es niemals erfahren. Die Spitze traf ihn knapp unter den Augen, er spürte ihre kalte harte Berührung und gleich darauf einen stechenden Schmerz. Sein Kopf fuhr herum, als habe er eine Ohrfeige erhalten. Das kalte Wasser war ein zweiter Schlag, heftiger noch als der erste. Er schlug um sich, suchte nach einem Halt, wusste, dass er nicht wieder hochkommen würde, wenn er einmal untergegangen wäre. Irgendwie fand seine Hand das zersplitterte Ende eines Ruders. Er umklammerte es wie ein verzweifelter Liebhaber und zog sich Zoll für Zoll daran hoch. Seine Augen waren voll Wasser, sein Mund voll Blut, und sein Schädel pochte entsetzlich. Mögen die Götter mir die Kraft geben, das Deck zu erreichen … Nichts anderes existierte mehr, nur das Ruder, das Wasser, das Deck.

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