Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Lebenov zögerte nicht lange und zeigte ihm ein Foto von Leonid Aldanov. »Hast du diesen Mann schon mal gesehen?«
Der Mann starrte auf das Bild und sagte erst nichts, bis Lebenov ihm einen Wodka anbot, den er mit einem Schluck hinunterkippte, den Blick immer noch abwartend auf das leere Glas gerichtet, als ob er ein gewisses Pensum benötigte, um überhaupt etwas sagen zu können. Lebenov stellte ihm gleich eine ganze Flasche auf den Tisch, bevor er ihm nochmals das Foto hinhielt.
»Ich kenne ihn«, sagte er so plötzlich, dass Lebenov verdutzt aufschaute. »Er ist der Sohn einer früheren Klassenkameradin. Seinen Vater habe ich auch gekannt. Ein armer Teufel! Hat alles verloren, so wie ich. Aber bei ihm war es schlimmer, weil er nichts dafür konnte.«
»Was soll das heißen?« Lebenov sah den Mann abwartend an.
»Auf der Familie lag ein Fluch. Sie sind alle krepiert - bis auf den einen da, und der ist dann auch noch im Krieg gefallen.«
»Ist er in letzter Zeit vielleicht noch hier herumgelaufen?«
Der Ewenke sah ihn mit zusammengekniffenen Lidern an. Dann nahm er einen weiteren Schluck Wodka und schüttelte sich wie ein nasser Hund.
»Was?«, stammelte er. »Herumgelaufen? Ich denke, er ist tot? Also, ich bin vielleicht ein Säufer, aber nicht besoffen genug, um die Geister von Verstorbenen zu sehen. Das heißt ...« Nachdenklich betrachtete er das Foto. »Nach allem, was man sich von ihm und seiner Familie erzählt, wäre es gut möglich, dass er immer noch als Untoter durch die Wälder streift.«
»Was hat man sich denn erzählt?« Lebenov gähnte gelangweilt, vielleicht weil er ahnte, dass der Kerl ihn nur aufs Glatteis führen würde, als er von einem großen Geheimnis sprach, das er zu lüften bereit sei. In Wahrheit hatte er nicht die geringste Ahnung, was von ihm erwartet wurde, sondern war nur ein mittelloser Informant, der dem Kapitan und seinem Sergeanten im Ort ab und an wertlose Neuigkeiten überbrachte und dafür einen Napf mit Suppe und eine Flasche Schnaps erhielt.
»Seine Vorfahren sollen an der Katastrophe von Tunguska schuld gewesen sein.«
Lebenov hob abrupt den Kopf und horchte für einen Moment auf.
Adam Adamowitsch sah das Interesse in den Augen des Offiziers aufflackern und fühlte sich bestärkt, in seinen Ausführungen fortzufahren.
»Angeblich waren es zwei mächtige Schamanen aus zwei verschiedenen Familien, die den Gott Ogdy erzürnt haben. Deshalb ist es vor hundert Jahren zu dieser gewaltigen Explosion gekommen.«
»Ich denke, es sei ein Meteor gewesen?« Lebenov hob eine Braue.
»Ach, Unsinn.« Adamowitsch setzte eine verschwörerische Miene auf. »Hier, dieser junge Kerl ... wie hieß er noch gleich? ... Ach, Leonid war sein Name. Er war der einzige Sohn des Boris Ivanowitsch Aldanov, und er soll die Kräfte dieser beiden Schamanen in sich vereint haben. Es waren seine Ururgroßväter. Man sagt, er habe die außergewöhnlichen Fähigkeiten seiner Ahnen in sich getragen, und wenn er nicht im Krieg gefallen und stattdessen zum Schamanen ausgebildet worden wäre, hätte er jederzeit die Katastrophe von Tun-guska allein kraft seines Geistes wiederholen können.«
Lebenov stieß einen Seufzer aus. Also hatte der Kerl doch sein Gehirn versoffen! »Danke, das reicht«, sagte er voller Spott und erhob sich von seinem Stuhl. »Ich sage meinem Fahrer Bescheid. Er soll dich zurück in die Stadt bringen.«
»Und was ist mit meinem Geld?« Adamowitsch sprang empört auf.
»Welches Geld?« Lebenov sah ihn mitleidig an. »Dafür, dass du mir einen solchen Unsinn erzählst?«
»Das ist kein Unsinn«, giftete Adamowitsch zurück. »Und außerdem gibt es da noch etwas, das ich noch nicht erzählt habe.«
Lebenov sah ihn fragend an. »Der Kapitan sagt, ihr sucht einen Kerl, der aussieht wie dieser hier auf dem Bild.«
»Und?«
»Einen solchen Mann habe ich manchmal gesehen - nur dass er lange Haare hat. Angeblich ist er ein Cousin des Verstorbenen. Soweit ich gehört habe, ist er gelegentlich beim Stammesältesten von Vanavara zu Besuch. Was er da treibt, kann ich allerdings nicht sagen. Makar Charitonowitsch spricht nicht mehr mit mir seit der Sache mit dem Mädchen.«
Der Chekosee lag glitzernd im sanften Licht der Abendsonne, die sich einen Weg durch Gewitterwolken bahnte. Ein paar Vögel zwitscherten, und alles in allem hatte man nicht den Eindruck, als könnte sich hier bald eine Katastrophe ereignen. Ein Blick auf Leonid reichte Viktoria jedoch vollkommen aus, um das Schlimmste zu befürchten. Flankiert von zwei bewaffneten Soldaten, trug er Theisen mit einem dritten Söldner über einen unebenen, matschigen Weg. Kein Wort der Klage kam über seine Lippen, obwohl er sich mit seinen Plastikfesseln viel schwerer tat als der Mann auf der anderen Seite. Von allen unbemerkt, den Kopf gesenkt, zwinkerte Leonid ihr durch die Strähnen seiner langen Haare aufmunternd zu. Er wollte ihr Mut machen, damit sie sich nicht allzu sehr sorgte. Im Angesicht von vier Maschinenpistolen zeigte dieses Lächeln bei Viktoria aber nicht die erhoffte Wirkung.
Fieberhaft überlegte sie, ob Rodius seinen Einfluss als international anerkannter Professor gelten machen konnte, damit man Leonid halbwegs anständig behandelte.
Zwei von Lebenovs Wachen, junge Burschen, die kaum zwanzig Jahre alt waren, salutierten, als Rebrov mit seinen Gefolgsleuten den Eingang zum Lager passierte.
»Los, hol den Kommandeur!«, befahl Rebrov barsch, »Sag ihm, es ist dringend.«
Ohne Absprache sorgte Rebrov dafür, dass man Theisen ins CampLazarett verfrachtete. Viktoria wäre zu gerne losgelaufen, um Rodius aus seiner Baracke zu holen, doch sie wollte zuerst wissen, was man mit Leonid zu tun gedachte. Nachdem man ihn von seiner Last befreit und den auf einem Bein humpelnden Theisen in ein Krankenbett gebracht hatte, stand Leonid regungslos da und beobachtete aufmerksam die Umgebung, als ob er nach etwas suchen würde. In dem behelfsmäßigen Hangar standen die zwei verbliebenen Helikopter. Der dritte, mit dem Doktor Parlowa und Professor Olguth nach Krasno-jarsk aufgebrochen waren, wurde erst im Verlauf des nächsten Tages zurückerwartet. Überhaupt wirkte das Camp wie ausgestorben.
Wenig später trat Lebenov auf den Hof. Bashtiri folgte in einem Abstand von fünf Metern, begleitet von seinen Bodyguards. Zwei von ihnen hatten die Hand demonstrativ an ihren Waffen, die sie am Gür-telholster trugen.
Lebenov nickte nur einmal kurz, dann war Leonid von Soldaten umringt. Der Sicherheitsoffizier von GazCom marschierte einmal um ihn herum, mit einem Blick, als ob er ein seltenes Tier betrachten würde. Dann blieb er stehen, und zwei seiner Männer traten zur Seite, damit er so dicht an Leonid herankommen konnte, bis der Ewenke seinen Atem spürte.