Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Was denkst du, Schätzchen? Meinst du, wir sind zufällig auf diesen Bunker gestoßen?« Einer von Rebrovs Kameraden grinste anzüglich.
»Lässt er uns etwa observieren?« Theisen starrte Rebrov trotz seiner Schmerzen ungläubig an.
»Nicht ganz«, erwiderte Rebrov kühl. »Wir haben die Gegend durchsucht, und dabei ist uns die charmante deutsche Kollegin in Begleitung eines Unbekannten aufgefallen, und wir haben beobachtet, wie sie zusammen in dieses Loch hinabgestiegen sind.«
Leonids Finger zuckten kurz, als einer der Soldaten mit einem lüsternen Grinsen auf Viktoria zuging, um sie abzutasten.
»Eine falsche Bewegung, oder du bekommst Ärger«, zischte Rebrov, während er den Ewenken durchdringend ansah.
Viktoria war es vollkommen gleichgültig, dass die groben Finger des Soldaten sie viel zu intensiv und an Stellen berührten, wo definitiv nichts zu finden war. Ihre Sorge galt einzig und allein Leonid, der dort stand, wie eine Eiche und sich nicht bewegte. Ihm war die Anspannung anzusehen, mit der er das unwürdige Schauspiel verfolgte. Hoffentlich macht er keine Dummheiten, schoss es ihr durch den Kopf.
»Legt ihm Handfesseln an!«, rief Rebrov seinen Männern zu und deutete auf Leonid, der diese Maßnahme erstaunlich gelassen über sich ergehen ließ.
Die vier Gestalten in Uniform bedrohten nicht nur ihn mit entsicherten Waffen, sondern auch Viktoria und ihren am Boden liegenden Kollegen. Lebhaft stand Leonid noch vor Augen, was mit ihm und den anderen geschehen würde, wenn er sich zur Wehr setzte. In seiner Erinnerung an jenen verregneten Morgen im September 2001 stürmten Bewaffnete das kleine verfallene Haus am Rande von Grosny, in dem er sich seit Tagen versteckt gehalten hatte. Innerhalb von Minuten löschten sie eine vierköpfige Familie aus, noch bevor es Leonid gelang, einen der Männer zu entwaffnen und drei weitere zu erschießen. Der vierte wehrte sich hartnäckig; noch immer spürte Leonid dessen Blut an seinen Fingern, als er ihn in einem regelrechten Rausch nur mit dem Messer tötete. Anna hatte schwer verletzt am Boden gelegen. Eine Handgranate hatte ihr den Unterschenkel abgerissen, und allem Anschein nach hatte die Druckwelle ihre Lunge zerfetzt. Halb am Bo-den liegend, den Kopf an die Zimmerwand gelehnt, röchelte sie rötlichen Schaum. Leonid hatte noch versucht, ihr mit seinem Gürtel das Bein abzubinden, dabei flüsterte sie seinen Namen und sah ihn aus halbgeschlossenen Lidern an. Noch am Tag zuvor hatte er ihre langen blonden Wimpern bewundert und die Augen, die ihm so blau erschienen wie der Himmel im Juni. Er sah, wie sie brachen. Verzweifelt hatte er sich an die heilenden Fähigkeiten seines Onkels erinnert, die angeblich auch in ihm selbst schlummerten. Doch es war zu spät. Anna starb in seinen Armen, und schon damals konnte er spüren, wie ihre Seele den Körper verließ, während er ihre blutigen Lippen küsste.
Leonid schluckte, als man ihm Handfesseln anlegte, sagte jedoch kein Wort. Theisen jammerte lautstark, als Rebrovs Männer versuchten, ihm auf die Beine zu helfen.
»Los!«, knurrte Rebrov und gab Leonid mit einer unwirschen Geste zu verstehen, dass er trotz Fesseln einem der Söldner zu Hilfe gehen sollte. In einer Seilschlinge, die beide Männer an jeweils einer Seite geschultert hielten, versuchte man Theisen sitzend zu tragen. Laufen konnte er nicht, weil er sich allem Anschein nach das Wadenbein sowie den linken Arm gebrochen hatte, den Viktoria ihm mit seinem Gürtel fest an den Körper gebunden hatte.
»Ich werde mich noch heute Abend an die deutsche Botschaft in Moskau wenden und mich über Sie beschweren«, grunzte Theisen, während er sein Gesicht vor Schmerzen verzog.
Rebrov schien diese Aussage nicht verstanden zu haben, und Viktoria schüttelte langsam den Kopf, um Theisen von weiteren Unmutsbekundungen abzuhalten. Solange sie sich in der Gewalt von Lebenovs Leuten befanden, hielt sie es für besser, diese nicht auch noch zu reizen.
Theisen an die Oberfläche zu befördern, erwies sich als so schwierig, dass Leonid nochmals mithelfen musste. Während sich seine Muskeln unter dem Lederhemd anspannten, ließ Rebrov ihn nicht aus den Augen.
Als sie es endlich geschafft hatten, sahen sie, dass der Himmel düster war, obwohl es in dieser Gegend im Sommer gewöhnlich lange hell blieb.
Viktoria fiel sofort auf, dass Ajaci verschwunden war. Inbrünstig hoffte sie, dass die Soldaten ihn nicht erschossen hatten. Auch Leonid warf einen forschenden Blick in die Umgebung, dabei dachte er allerdings mehr an seine Großmutter und dass sie nun vergeblich am Ortsausgang von Vanavara auf ihn warten würde.
Lebenov stand aufrecht in seiner Baracke und hielt das uralte, in Leder gebundene Notizbuch ein Stück weit von sich entfernt, um die schön geschwungene, aber für seine Verhältnisse viel zu klein geschriebene Handschrift lesen zu können.
Gott der Herr ist mein Zeuge, stand dort, dass ich nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen habe und dass ich es allein seiner Gnade zu verdanken habe, mit dem Leben davongekommen zu sein. Obwohl ich nie ein gläubiger Mensch war, bin ich mir sicher, dass in jenen Tagen das Jüngste Gericht gekommen ist, um uns einen Ausblick auf jene Hölle zu bescheren, die Menschen zu erschaffen imstande sind, wenn sie sich auf die Unterstützung von Dämonen verlassen. Und so bete ich inbrünstig dafür, dass die Prophezeiung des alten Schamanen niemals in Erfüllung geht und meine Sippe verschont bleiben wird von jenem neunten Kind, das neun Seelen verschlingt und den Geist seiner unseligen Vorväter in sich vereint, noch bevor es das Licht der Welt erblickt.
Lebenov hielt einen Moment inne, dann klappte er das Buch zu und klopfte dem Soldaten, der es ihm überbracht hatte, auf die Schulter.
»Gut gemacht«, lobte Lebenov mit markiger Stimme. Dann blickte er fragend auf und sah, dass der Mann abwartend in sein Gesicht schaute. »Sonst noch was?«
»Draußen steht einer von den Einheimischen. Ich habe ihn auf Empfehlung des Kapitans von Vanavara hergebracht. Er meinte, für ein paar Rubel sei der Mann bereit, uns ein Geheimnis preiszugeben.«
»Er soll hereinkommen«, schnaubte Lebenov. Die Sache gestaltete sich derart undurchsichtig, dass er jeden Hinweis dankbar entgegennahm.
Der Mann war Mitte fünfzig und gehörte zu den ewenkischen Ureinwohnern. Er trug keinerlei traditionelle Kleidung, und so wie er aussah, ungepflegt und vom Alkohol gezeichnet, gehörte er nicht unbedingt zur Oberschicht.
»Wie ist dein Name?«
»Adam Adamowitsch.«
Lebenov wies ihm einen Platz an seinem Esstisch zu, nachdem er ihm einen Stuhl hingeschoben hatte, und setzte sich ebenfalls. Draußen vor der Tür hatte er zwei Wachen postiert. Auch wenn von dem Mann keine Gefahr auszugehen schien, so machte diese Maßnahme Eindruck und zeigte seinem Gast, dass er im Zweifel nicht zu Späßen aufgelegt war.
»Also, Adam Adamowitsch, warum glaubst du, dass du uns hilfreich sein kannst?«
Den dürren, krank aussehenden Ewenken mit dem strähnigen Haar hatte man aus der Stammesgemeinschaft ausgestoßen, wie Lebenov bald erfuhr, weil er vor Jahren ein kleines Mädchen belästigt hatte und auch sonst nicht zu den Leuten zählte, die man als zuverlässig bezeichnen durfte. Daher zog er durch das Land, wie ein Wolf, der sein Rudel verloren hatte, immer auf der Suche nach ein paar Almosen und einem billigen Wodka.