Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Die Sache war die, daß der junge Werchowenski gleich von seinem ersten Auftreten an eine entschiedene Respektlosigkeit gegen Andrei Antonowitsch an den Tag legte und ihm gegenüber ganz sonderbare Rechte in Anspruch nahm, Julija Michailowna aber, die doch sonst immer so eifersüchtig darauf bedacht war, die Autorität ihres Gatten zu wahren, überhaupt nichts davon zu bemerken schien; wenigstens maß sie der Sache keine Bedeutung bei. Der junge Mann wurde ihr Günstling, aß und trank im Hause, ja er schlief sogar dort mitunter. Herr v. Lembke suchte sich gegen ihn zu wehren, nannte ihn in Anwesenheit anderer »junger Mann«, klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter, machte aber damit auf ihn keinen Eindruck. Peter Stepanowitsch lachte, selbst wenn er anscheinend ernst sprach, ihm immer geradezu ins Gesicht und sagte ihm in Gegenwart anderer die unerwartetsten Dinge. Als v. Lembke eines Tages nach Hause zurückkehrte, fand er den jungen Menschen uneingeladen in seinem Arbeitszimmer, wo er auf dem Sofa schlief. Dieser erklärte, er habe ihm einen Besuch machen wollen und sei, da er ihn nicht zu Hause getroffen habe, zufällig eingeschlafen. Herr v. Lembke fühlte sich beleidigt und beklagte sich von neuem bei seiner Gemahlin; aber diese lachte ihn wegen seiner Empfindlichkeit aus und bemerkte anzüglich, er selbst verstehe offenbar nicht, den richtigen Standpunkt einzunehmen; ihr gegenüber wenigstens erlaube sich »dieser Junge« niemals Familiaritäten; übrigens besitze er »eine hübsche Naivität und Frische, wenn auch keine gesellschaftlichen Formen«. Herr v. Lembke schmollte. Diesmal brachte sie eine Versöhnung zwischen den beiden zustande. Peter Stepanowitsch bat nicht eigentlich um Entschuldigung, sondern half sich durch einen derben Witz heraus, den man unter andern Umständen für eine neue Beleidigung hätte halten können, der aber im vorliegenden Falle als ein Ausdruck von Reue aufgefaßt wurde. Der schwache Punkt lag darin, daß Andrei Antonowitsch gleich zu Beginn einen Fehler begangen, nämlich dem andern von seinem Roman Mitteilung gemacht hatte. Da er in ihm einen jungen Mann von feurigem Temperamente und poetischen Empfindungen zu erkennen geglaubt und sich schon längst einen Zuhörer gewünscht hatte, so hatte er gleich in den ersten Tagen der Bekanntschaft ihm eines Abends zwei Kapitel vorgelesen. Peter Stepanowitsch hatte zugehört, ohne seine Langeweile zu verbergen, hatte unhöflich gegähnt, an keiner Stelle ein Lob ausgesprochen, aber beim Weggehen sich das Manuskript ausgebeten, um sich in Muße eine Meinung darüber bilden zu können, und Andrei Antonowitsch hatte es ihm überlassen. Seitdem hatte er das Manuskript nicht zurückgegeben, obwohl er täglich ins Haus kam, und auf Fragen danach nur mit Lachen geantwortet; zuletzt hatte er erklärt, er habe es gleich damals auf der Straße verloren. Als Julija Michailowna davon erfuhr, wurde sie auf ihren Mann gewaltig böse.
»Hast du ihm am Ende gar auch von der Kirche etwas gesagt?« fragte sie aufgeregt und ängstlich.
Herr v. Lembke wurde entschieden nachdenklich; aber das Nachdenken war ihm schädlich und war ihm von den Ärzten verboten worden. Abgesehen davon, daß ihm die Verwaltung des Gouvernements viel Mühe und Sorge machte, wovon wir weiter unten sprechen werden, war da noch ein besonderer Umstand, und es litt dabei sogar sein Herz und nicht nur sein Ehrgefühl als hoher Beamter. Als Andrei Antonowitsch seine Ehe einging, hielt er es für ganz ausgeschlossen, daß in seiner Familie künftig einmal Streitigkeiten und Zerwürfnisse vorkommen könnten. Diese Vorstellung hatte er sein ganzes Leben über gehabt, wenn er von einer Minna und Ernestine träumte. Er fühlte, daß er nicht imstande sei, häusliche Gewitter zu ertragen. Julija Michailowna sprach sich endlich mit ihm offen aus.
»Zu ärgern brauchst du dich doch darüber nicht,« sagte sie, »schon deswegen nicht, weil du dreimal so verständig bist als er und auf der gesellschaftlichen Stufenleiter unermeßlich hoch über ihm stehst. In diesem Jungen stecken noch viele Überreste früherer freidenkerischer übler Angewohnheiten oder nach meiner Auffassung einfach viel Unart; aber so plötzlich ist dagegen nichts zu tun; da muß man Schritt für Schritt vorgehen. Man muß unsere jungen Leute achten und schätzen; ich wirke durch Freundlichkeit auf sie ein und halte sie so am Rande des Abgrundes zurück.«
»Aber er redet ganz tolle Geschichten,« erwiderte v. Lembke. »Ich kann mich nicht tolerant benehmen, wenn er in meiner Gegenwart und vor den Ohren anderer Leute behauptet, die Regierung befördere absichtlich das Branntweintrinken, um das Volk zu verdummen und dadurch von einem Aufstande abzuhalten. Stelle dir vor, was ich für eine Rolle spiele, wenn ich so etwas in Gegenwart aller Leute anhören muß!«
Als v. Lembke dies sagte, erinnerte er sich an ein Gespräch, das er unlängst mit Peter Stepanowitsch gehabt hatte. Mit der unschuldigen Absicht, diesen durch Bekundung einer liberalen Gesinnung zu entwaffnen, hatte er ihm seine eigene geheime Sammlung von allen möglichen in Rußland und im Auslande erschienenen revolutionären Proklamationen gezeigt; er hatte diese Papiere seit dem Jahre 1859 mit großer Sorgfalt gesammelt, nicht sowohl aus innerem Interesse als vielmehr einfach, weil er sich davon möglicherweise einen Nutzen versprach. Peter Stepanowitsch, der seine Absicht erriet, bemerkte grob, in einer einzigen Zeile der neuen Proklamationen stecke mehr Sinn und Verstand als in einer ganzen Regierungskanzlei, »die Ihrige nicht ausgenommen«.
Lembke fühlte sich verletzt.
»Aber das ist für uns noch verfrüht, stark verfrüht,« erwiderte er in beinah bittendem Tone, indem er auf die Proklamationen wies.
»Nein, es ist nicht verfrüht; Sie fürchten sich ja davor; also ist es nicht verfrüht.«
»Aber hier steht doch zum Beispiel eine Aufforderung zur Zerstörung der Kirchen.«
»Warum denn nicht? Sie sind ja doch ein verständiger Mensch und glauben gewiß selbst an nichts, sehen aber recht gut ein, daß der Glaube für Sie notwendig ist, damit das Volk dumm bleibt. Die Wahrheit ist ehrenhafter als die Lüge.«
»Einverstanden, einverstanden, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden; aber das ist für uns noch verfrüht, verfrüht,« versetzte v. Lembke mit gerunzelter Stirn.