Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Peter Stepanowitsch lief lächelnd davon. Überhaupt war er, soviel ich mich erinnere, in dieser Zeit ganz besonders boshaft und erlaubte sich sogar fast allen gegenüber unerträgliche Unarten. Merkwürdig, daß ihm das niemand übelnahm. Aber es hatte sich überhaupt über ihn die Meinung gebildet, daß man an ihn einen besonderen Maßstab anlegen müsse. Ich bemerke, daß er über Nikolai Wsewolodowitschs Duell sehr aufgebracht war. Die Nachricht davon war ihm ganz überraschend gekommen; er wurde ordentlich grün im Gesicht, als es ihm erzählt wurde. Möglicherweise fühlte er sich dabei in seiner Eitelkeit verletzt: er erfuhr es erst am andern Tage, als es bereits allen Leuten bekannt war.
»Aber Sie hatten doch kein Recht sich zu duellieren,« flüsterte er Stawrogin zu, als er mit diesem erst am fünften Tage zufällig im Klub zusammentraf.
Sonderbarerweise waren sie in diesen fünf Tagen einander nirgends begegnet, obwohl Peter Stepanowitsch bei Warwara Petrowna fast täglich vorsprach.
Nikolai Wsewolodowitsch sah ihn schweigend mit zerstreuter Miene an, wie wenn er gar nicht verstände, um was es sich handelte, und ging ohne stehen zu bleiben an ihm vorbei. Er durchschritt den großen Klubsaal und begab sich nach dem Büfett.
»Sie sind auch bei Schatow gewesen ... Sie wollen Ihre Ehe mit Marja Timofejewna bekanntgeben,« fuhr Peter Stepanowitsch fort, indem er hinter ihm herlief und ihn wie in der Zerstreuung an der Schulter faßte.
Nikolai Wsewolodowitsch schüttelte seine Hand von sich ab und drehte sich mit drohend gerunzelter Stirn zu ihm um. Dieser blickte ihn an und lächelte in einer sonderbaren, starren Weise. Das Ganze dauerte nur einen Augenblick. Nikolai Wsewolodowitsch ging weiter.
II.
Von Warwara Petrowna ging er sogleich schnell zu seinem Vater, und wenn er sich so beeilte, so tat er das lediglich aus Bosheit, um sich für eine frühere Beleidigung zu rächen, von der ich bis dahin noch keine Kenntnis gehabt hatte. Die Sache war die, daß bei ihrem letzten Zusammensein, nämlich am Donnerstag der vorhergehenden Woche, Stepan Trofimowitsch, der übrigens den Streit selbst angefangen hatte, schließlich seinen Sohn mit dem Stocke hinausgejagt hatte. Diese Tatsache hatte er mir damals verheimlicht; aber als jetzt Peter Stepanowitsch hereingelaufen kam, mit seinem steten naiv-hochmütigen Lächeln und mit seinem unangenehm neugierigen, in allen Ecken herumhuschenden Blicke, da machte mir Stepan Trofimowitsch sofort ein geheimes Zeichen, ich möchte das Zimmer nicht verlassen. Auf diese Weise enthüllten sich mir ihre augenblicklichen Beziehungen; denn diesmal hörte ich das ganze Gespräch mit an.
Stepan Trofimowitsch saß, halb liegend, auf einer Chaiselongue. Seit jenem Donnerstage war er abgemagert und gelblich geworden. Peter Stepanowitsch setzte sich mit der familiärsten Miene neben ihn, wobei er ungeniert die Beine unter den Leib schlug und auf der Chaiselongue weit mehr Platz einnahm, als sich mit dem Respekt gegen seinen Vater vertrug. Stepan Trofimowitsch rückte schweigend und würdevoll zur Seite.
Auf dem Tische lag ein aufgeschlagenes Buch. Es war der Roman: »Was ist zu tun?«1 Leider muß ich hier eine sonderbare Schwäche unseres Freundes bekennen: der Gedanke, daß er aus seiner Vereinsamung heraustreten und die letzte Schlacht liefern müsse, gewann in seiner irregehenden Phantasie immer mehr die Oberhand. Ich erriet, daß er sich diesen Roman einzig und allein zu dem Zwecke beschafft hatte und nun studierte, um bei dem mit Sicherheit erwarteten Zusammenstoße mit den »Schreiern« im voraus ihre Methode und ihre Argumente aus ihrem eigenen Katechismus kennen zu lernen und, so vorbereitet, alle seine Gegner vor den Augen seiner Gönnerin zu widerlegen. Oh, wie quälte ihn dieses Buch! Er warf es manchmal in Verzweiflung hin und ging, von seinem Platze aufspringend, ganz außer sich im Zimmer hin und her.
»Ich gebe zu, daß der Grundgedanke des Verfassers richtig ist,« sagte er zu mir in fieberhafter Erregung; »aber das ist ja um so schrecklicher! Es ist derselbe Gedanke, den wir ausgesprochen haben, genau unser Gedanke; wir, wir sind die ersten gewesen, die ihn gepflanzt und großgezogen und ausgestaltet haben, – und was könnten sie nach uns noch Neues sagen! Aber, mein Gott, wie haben sie das alles ausgedrückt, entstellt, verdreht!« rief er, mit den Fingern auf das Buch klopfend. »Sind das die Resultate, nach denen wir gestrebt haben? Wer kann da den ursprünglichen Gedanken wiedererkennen?«
»Du klärst dich wohl auf?« fragte Peter Stepanowitsch, der das Buch vom Tische aufgenommen und den Titel gelesen hatte, lächelnd. »Das hättest du schon längst tun sollen. Ich werde dir noch Besseres bringen, wenn du willst.«
Stepan Trofimowitsch beobachtete wieder ein würdevolles Stillschweigen. Ich saß in einer Ecke auf dem Sofa.
Peter Stepanowitsch erklärte schnell den Anlaß seines Besuches. Natürlich war Stepan Trofimowitsch maßlos überrascht und hörte diese Mitteilung mit einem Schrecken an, in den sich ein gut Teil Unwille mischte.
»Und diese Julija Michailowna rechnet wirklich darauf, daß ich zu ihr hinkomme und etwas vorlese!«
»Das heißt, eigentlich hat sie dich überhaupt nicht nötig. Sie tut es vielmehr nur, um dir eine Freundlichkeit zu erweisen und sich dadurch bei Warwara Petrowna einzuschmeicheln. Aber selbstverständlich wirst du es nicht wagen, die Vorlesung abzulehnen. Ich glaube auch, du hast selbst große Lust dazu,« fügte er lächelnd hinzu. »Ihr alten Herren habt ja alle einen höllischen Ehrgeiz. Aber hör mal, du darfst es nicht langweilig machen. Du hast wohl etwas fertig, spanische Geschichte, wie? Gib es mir doch auf drei Tage zur Durchsicht; sonst bringst du womöglich die Zuhörer zum Einschlafen.«
Die unverhüllte Grobheit dieser eilig vorgebrachten Sticheleien war offenbar beabsichtigt. Er tat, als könne man mit Stepan Trofimowitsch überhaupt nicht in feinerer Ausdrucks- und Denkweise reden. Stepan Trofimowitsch beharrte standhaft dabei, die Beleidigung nicht zu bemerken; aber die ihm mitgeteilten Tatsachen versetzten ihn in immer steigende Aufregung.
»Und sie selbst, sie selbst hat dich beauftragt, mir dies zu bestellen?« fragte er erblassend.
»Das heißt, siehst du, sie will dir Tag und Ort zu einer gegenseitigen Aussprache bestimmen; das ist noch so ein Überrest von eurer Sentimentalität. Du hast zwanzig Jahre lang mit ihr kokettiert und ihr die lächerlichsten Manieren angewöhnt. Aber beunruhige dich nicht; die Sache liegt jetzt ganz anders; sie sagt selbst alle Augenblicke, sie fange jetzt erst an ›klar zu sehen.‹ Ich habe ihr geradezu auseinandergesetzt, daß eure ganze Freundschaft nur ein wechselseitiges Begießen mit Spülicht war. Sie hat mir vieles erzählt, mein Lieber; pfui, was für eine Bedientenstellung hast du diese ganze Zeit her innegehabt! Ich bin ordentlich rot geworden, so habe ich mich über dein Verhalten geschämt.«
»Ich hätte eine Bedientenstellung innegehabt?« brauste Stepan Trofimowitsch auf.
»Sogar eine noch schlimmere; du bist ein Parasit gewesen, das heißt ein freiwilliger Bedienter. Zu faul zum Arbeiten, haben wir doch Appetit auf Geld. All das durchschaut auch sie jetzt; wenigstens hat sie mir schrecklich viel über dich erzählt. Na, mein Lieber, und wie habe ich über deine Briefe an sie gelacht! Die sind ja gräßlich, zum Schämen! Aber ihr Parasiten seid sittlich so verdorben, sittlich so verdorben! Im Almosenempfangen liegt doch etwas, was den Menschen für immer zugrunde richtet. Dafür bist du ein eklatantes Beispiel!«
»Sie hat dir meine Briefe gezeigt?«
»Alle. Das heißt, natürlich, wie könnte ich sie durchlesen? Donnerwetter, was hast du ihr für eine Menge Briefe geschrieben; ich glaube, es sind über zweitausend Stück da ... Aber weißt du, Alter, ich glaube, es hat bei euch einmal einen Augenblick gegeben, wo sie bereit war, dich zu heiraten. Du hast dir die Gelegenheit höchst dummer Weise entgehen lassen! Ich sage das natürlich von deinem Standpunkte aus; aber es wäre doch besser gewesen als jetzt, wo man dir wie einem Hausnarren eine Braut gibt, damit du für Geld fremde Sünden zudeckst.«