Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Fünftes Kapitel.
Vor dem Feste.
I.
Der Tag des Festes, das Julija Michailowna auf Subskription zum Besten der Gouvernanten unseres Gouvernements zu veranstalten gedachte, war schon mehrmals angesetzt und immer wieder verschoben worden. Um sie herum waren beständig tätig: Peter Stepanowitsch und der als Laufbursche dienende niedrige Beamte Ljamschin, der eine Zeitlang bei Stepan Trofimowitsch verkehrt hatte und auf einmal im Gouverneurshause wegen seines Klavierspiels zu Gnaden gekommen war; dann bis zu einem gewissen Grade Liputin, welchen Julija Michailowna zum Redakteur der künftigen unabhängigen Gouvernementszeitung ausersehen hatte; ferner einige junge Mädchen und verheiratete Damen; und endlich ist sogar Karmasinow zu nennen, der zwar nicht eine solche Geschäftigkeit an den Tag legte, aber laut und mit zufriedener Miene versicherte, wenn die literarische Quadrille beginne, werde er allen eine angenehme Überraschung bereiten. Die Zahl derjenigen, die subskribierten und ihren Beitrag bezahlten, stellte sich als außerordentlich groß heraus; die gesamte auserlesene Gesellschaft unserer Stadt beteiligte sich; aber es wurden auch solche, die sehr wenig auserlesen waren, zugelassen, wenn sie nur ihr Geld brachten. Julija Michailowna bemerkte, daß es manchmal geradezu notwendig sei, eine Mischung der Stände zuzulassen; wer sollte sonst die unteren Stände aufklären? Es hatte sich ein geheimes Hauskomitee gebildet, in welchem beschlossen worden war, daß das Fest einen demokratischen Charakter tragen solle. Die so reichliche Subskription verlockte zu weiteren Ausgaben; man wollte etwas Wunderbares schaffen; dies war der Grund, weshalb der Termin mehrmals aufgeschoben wurde. Es war immer noch nicht festgesetzt, wo am Abend der Ball stattfinden sollte; ob in dem sehr geräumigen Hause der Frau Adelsmarschall, das diese für den betreffenden Tag dazu hergeben wollte, oder bei Warwara Petrowna in Skworeschniki. Nach Skworeschniki wäre es etwas weit gewesen; aber viele in dem Komitee waren der Meinung, es würde dort »freier« sein. Warwara Petrowna selbst wünschte lebhaft, daß man sich für ihr Gut entscheiden möchte. Es ist schwer zu sagen, warum diese stolze Frau beinah um Julija Michailownas Gunst buhlte. Wahrscheinlich gefiel es ihr, daß diese ihrerseits sich vor Nikolai Wsewolodowitsch fast erniedrigte und gegen ihn von einer Liebenswürdigkeit war, wie gegen keinen andern. Ich wiederhole noch einmaclass="underline" Peter Stepanowitsch hatte die ganze Zeit über ununterbrochen fortgefahren, im Hause des Gouverneurs einem Gedanken, den er schon früher in Umlauf gesetzt hatte, durch geflüsterte Mitteilungen immer festeren Glauben zu verschaffen: daß nämlich Nikolai Wsewolodowitsch ein Mensch sei, der in einer sehr geheimnisvollen Welt sehr geheimnisvolle Verbindungen habe, und daß er sich wahrscheinlich mit irgendeinem besonderen Auftrage hier aufhalte.
Es herrschte hier damals eine seltsame Stimmung der Gemüter. Besonders in der Damenwelt machte sich eine Art von Leichtsinn bemerklich, und man kann nicht sagen, daß sich das nur allmählich so entwickelt hätte. Nein, wie vom Winde herbeigetragen, wurden plötzlich mancherlei sehr freie Anschauungen laut. Es kam ein ausgelassenes, leichtes Wesen auf, von dem ich nicht sagen kann, daß es immer angenehm gewesen wäre. Eine gewisse Unordnung in den Köpfen war Mode geworden. Nachher, als alles zu Ende war, beschuldigte man deswegen Julija Michailowna, ihren Kreis und ihren Einfluß; aber schwerlich ging alles nur von ihr aus. Im Gegenteil lobten sehr viele anfangs um die Wette die neue Frau Gouverneur, weil sie es verstehe, die Gesellschaft zu vereinigen, und der Ton auf einmal ein heitrerer geworden sei. Es kamen sogar einige skandalöse Begebenheiten vor, an denen übrigens Julija Michailowna ganz und gar keine Schuld trug; aber alle lachten damals nur darüber und amüsierten sich, und niemand fand sich veranlaßt, hemmend einzugreifen. Allerdings hielt sich eine ziemlich bedeutende Gruppe von Personen abseits, die ihre besonderen Ansichten über den damaligen Lauf der Dinge hatten; aber auch diese murrten damals noch nicht, sondern lächelten nur.
Ich erinnere mich, es hatte sich damals wie von selbst ein ziemlich weiter Kreis gebildet, dessen Mittelpunkt sich wohl tatsächlich in Julija Michailownas Salon befand. In diesem intimen Kreise, der sich um sie geschart hatte, erlaubte man (das heißt natürlich die Jugend) es sich, allerlei Streiche zu begehen, ja man machte sich das sogar zur Regel, und diese Streiche waren wirklich manchmal ziemlich ausgelassen. Es gehörten zu diesem Kreise auch einige sehr hübsche Damen. Die jungen Leute veranstalteten Picknicks und kleine Abendgesellschaften und fuhren oder ritten manchmal in ganzen Kavalkaden durch die Stadt. Sie gingen auf Abenteuer aus und führten solche sogar absichtlich selbst herbei, lediglich um einen amüsanten Gesprächsstoff zu liefern. Unsere Stadt behandelten sie, als ob lauter Dummköpfe darin wohnten. Man nannte sie »die Spötter«, weil sie vor nichts Respekt hatten. So begab es sich zum Beispiel, daß die Frau eines Leutnants der Garnison, eine noch sehr jugendliche Brünette, die allerdings von ihrem Manne sehr knapp gehalten wurde, bei einer Abendgesellschaft sich aus Leichtsinn an einem hohen Whistspiel beteiligte, in der Hoffnung, das Geld zu einer Mantille zu gewinnen, und statt zu gewinnen fünfzehn Rubel verlor. Da sie sich vor ihrem Manne fürchtete und kein Geld zum Bezahlen hatte, entschloß sie sich, in Erinnerung an ihre frühere Keckheit, gleich auf dieser Abendgesellschaft den Sohn unseres Bürgermeisters insgeheim um ein Darlehn zu bitten, einen sehr widerwärtigen, trotz seines jugendlichen Alters sehr liederlichen Burschen. Dieser schlug die Bitte nicht nur ab, sondern ging auch laut lachend zu ihrem Manne hin, um es diesem zu erzählen. Der Leutnant, der wirklich von seinem bloßen Gehalte ein ärmliches Leben führte, brachte seine Gattin nach Hause und tränkte es ihr dort gehörig ein, mochte sie auch noch soviel jammern und schreien und ihn auf den Knien um Verzeihung bitten. Diese häßliche Geschichte erregte überall in der Stadt nur Gelächter, und obgleich die arme Leutnantsfrau nicht zu der Gesellschaft gehörte, die sich um Julija Michailowna geschart hatte, so fuhr doch eine exzentrische, kecke Dame aus diesem Zirkel, die mit der Leutnantsfrau einigermaßen bekannt war, zu ihr hin und brachte sie ganz einfach zu sich in ihr Haus, damit sie da wohne. Hier bemächtigten sich ihrer sogleich unsere Taugenichtse, spielten die Liebenswürdigen, beschenkten sie und hielten sie vier Tage lang fest, ohne sie zu ihrem Manne zurückzulassen. Sie wohnte bei der kecken Dame, fuhr mit ihr und der ganzen ausgelassenen Gesellschaft ganze Tage lang in der Stadt spazieren und nahm an den Vergnügungen und Tanzbelustigungen teil. Sie stachelten sie immer auf, sie solle doch ihren Mann vor Gericht ziehen und einen Skandal hervorrufen; sie versicherten, sie würden sie dann sämtlich unterstützen und als Zeugen auftreten. Der Gatte verhielt sich ruhig, da er es nicht wagte, mit dieser Gesellschaft den Kampf aufzunehmen. Die arme Frau sah endlich ein, daß sie sich ins Unglück stürzte, entfloh am vierten Tage in der Dämmerzeit ihren Beschützern und lief halbtot vor Angst zu ihrem Manne. Man erfuhr nicht genau, was nun zwischen den Eheleuten vorging; aber die beiden Fensterläden des niedrigen Holzhäuschens, in dem der Leutnant eine Mietswohnung innehatte, wurden vierzehn Tage lang nicht geöffnet. Julija Michailowna wurde, als sie alles erfuhr, sehr ärgerlich auf die Taugenichtse und war mit dem Benehmen der kecken Dame sehr unzufrieden, obgleich diese ihr die Leutnantsfrau gleich am Tage der Entführung vorgestellt hatte. Übrigens kam die Geschichte sehr bald in Vergessenheit.
Ein andermal hatte bei einem kleinen Beamten, einem geachteten Familienvater, ein aus einem anderen Kreise zu uns gezogener junger Mann, ebenfalls ein kleiner Beamter, sich um die Hand der Tochter desselben, eines siebzehnjährigen, schönen, in der Stadt allgemein bekannten Mädchens, beworben und sie auch erhalten. Aber auf einmal erfuhr man, daß der junge Ehemann in der Hochzeitsnacht mit der schönen jungen Frau sehr unhöflich umgegangen sei, um sich an ihr für eine Beschimpfung seiner Ehre zu rächen. Ljamschin, der beinah Zeuge des Vorfalls gewesen war, weil er sich bei der Hochzeit betrunken hatte und in dem Hause über Nacht geblieben war, lief am Morgen, als es eben dämmerte, mit der lustigen Nachricht bei allen herum. Schleunigst bildete sich eine Gesellschaft von ungefähr zehn Mann, sämtlich zu Pferde, einige auf gemieteten Kosakenpferden, darunter zum Beispiel Peter Stepanowitsch und Liputin, welcher letztere trotz seiner grauen Haare damals fast an allen skandalösen Unternehmungen unserer leichtfertigen jungen Leute teilnahm. Als die jungen Eheleute in einem zweispännigen Wagen auf der Straße erschienen, um die Besuche zu machen, die nach unserem Gebrauche gleich am Tage nach der Hochzeit unter allen Umständen obligatorisch waren, da umringte diese ganze Kavalkade den Wagen mit fröhlichem Gelächter und begleitete ihn den ganzen Vormittag durch die Stadt. Allerdings gingen sie nicht in die Häuser hinein, sondern warteten zu Pferde vor den Haustüren; auch enthielten sie sich besonderer Beleidigungen des jungen Ehemannes und seiner jungen Frau; aber sie riefen trotzdem ein skandalöses Aufsehen hervor. Die ganze Stadt sprach davon. Natürlich lachten alle. Aber diesmal wurde v. Lembke zornig und hatte mit Julija Michailowna wieder eine erregte Szene. Diese war ebenfalls sehr aufgebracht und beabsichtigte schon, den ausgelassenen Buben ihr Haus zu verbieten. Aber bereits am folgenden Tage verzieh sie ihnen allen auf Zureden von seiten Peter Stepanowitschs, sowie infolge einer Bemerkung Karmasinows. Dieser fand den »Scherz« recht witzig.