Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
»Das liegt nun einmal in den Sitten hier zu Lande,« sagte er; »wenigstens ist es charakteristisch und ... kühn. Sehen Sie, alle lachen; Sie sind die einzige, die darüber empört ist.«
Aber es kamen auch schlechte Streiche vor, die über das Maß des allenfalls zu Ertragenden hinausgingen und eine bestimmte Färbung trugen.
Es erschien in der Stadt eine Bücherverkäuferin, welche Neue Testamente verkaufte, eine achtungswerte Frau, wenn sie auch nur eine Kleinbürgerin war. Man wurde auf sie aufmerksam und sprach von ihr, weil soeben in den hauptstädtischen Zeitungen merkwürdige Mitteilungen über solche Bücherverkäuferinnen gestanden hatten. Wieder war es derselbe Schalk Ljamschin, der hier einen Streich verübte. Mit Hilfe eines Seminaristen, der auf eine Lehrerstelle an einer Schule wartete und sich bis dahin müßig umhertrieb, praktizierte er der Bücherverkäuferin, indem er sich stellte, als wolle er ihr Bücher abkaufen, heimlich in ihren Sack ein ganzes Päckchen verführerischer, unsauberer ausländischer Photographien, die, wie wir nachher erfuhren, ein hochangesehener alter Herr eigens zu diesem Zwecke hergegeben hatte; seinen Namen will ich weglassen; er trägt einen hohen Orden am Halse und liebt nach seinem Ausdrucke, »ein gesundes Lachen und einen lustigen Spaß«. Als die arme Frau in unserem Kaufhofe ihre frommen Bücher herausnahm, fielen auch die Photographien heraus. Es erhob sich ein Gelächter, es wurde gemurrt; eine dichte Menschenmenge sammelte sich; man schimpfte auf die Frau und hätte sie wohl sogar geprügelt, wenn die Polizei nicht rechtzeitig dazugekommen wäre. Die Bücherverkäuferin wurde in Arrest gebracht; erst am Abend wurde sie infolge der Bemühungen Mawriki Nikolajewitschs, der mit Entrüstung die geheimen Einzelheiten dieser garstigen Geschichte gehört hatte, wieder in Freiheit gesetzt und aus der Stadt geschafft. Diesmal war Julija Michailowna fest entschlossen, Ljamschin wegzujagen; aber noch an demselben Abend brachte ein ganzer Schwarm der Unsrigen ihn zu ihr mit der Nachricht, er habe ein besonderes neues Klavierstück ersonnen, und beredeten sie, es wenigstens anzuhören. Dieses Stück, das den komischen Titeclass="underline" »Der französisch-preußische Krieg« führte, erwies sich wirklich als sehr amüsant. Es begann mit den drohenden Klängen der Marseillaise:
Qu'un sang impur abreuve nos sillons!
Man hörte eine hochtrabende Herausforderung, eine Berauschtheit von künftigen Siegen. Aber plötzlich ertönten gleichzeitig mit der meisterhaft variierten Melodie der Hymne irgendwo seitwärts, unten, im Winkel, aber sehr nah die häßlichen Klänge von »Mein lieber Augustin«. Die Marseillaise bemerkt diese Klänge nicht. Von ihrer eigenen Größe berauscht, befindet sie sich jetzt auf der höchsten Stufe der Trunkenheit; aber Augustin wird kräftiger, Augustin wird immer dreister, und nun beginnt unerwartet die Melodie Augustins mit der Melodie der Marseillaise zusammenzufallen. Die Marseillaise scheint ärgerlich zu werden; sie wird Augustin endlich gewahr; sie will ihn verjagen, vertreiben, wie eine zudringliche, unbedeutende Fliege; aber Mein lieber Augustin hat sich festgeklammert; er ist fröhlich und selbstbewußt, vergnügt und frech, und die Marseillaise benimmt sich auf einmal schrecklich dumm: sie verbirgt es nicht mehr, daß sie gereizt ist und sich beleidigt fühlt; da hört man das Geheul der Entrüstung; da hört man Tränen und Schwüre mit himmelwärts aufgehobenen Händen:
Pas un pouce de notre terrain, pas une pierre de nos forteresses.
Aber schon sieht sie sich genötigt mit Mein lieber Augustin in demselben Takte zu singen. Ihre Klänge gehen in der dümmsten Weise in die Klänge von Augustin über; sie fügt sich; sie erlischt. Nur ganz selten, bruchstückweis hört man wieder: qu'un sang impur ... aber sofort springt diese Melodie auch wieder in den garstigen Walzer hinüber. Die Marseillaise hat sich vollständig ergeben: das ist Jules Favre, der an Bismarcks Brust schluchzt und alles hingibt, alles ... Aber nun wird auch Augustin grimmig: man hört heisere Laute; man spürt das maßlos getrunkene Bier, die Raserei des Selbstlobes, die Forderung von Milliarden, von feinen Zigarren, von Champagner und Geiseln; Augustin geht in ein wütendes Gebrüll über ... der französisch-preußische Krieg ist zu Ende. Die Unsrigen klatschten Beifall; Julija Michailowna lächelte und sagte: »Nun, wie soll man einen solchen Menschen wegjagen?« Der Friede war geschlossen. Dieser Schuft besaß tatsächlich ein bißchen Talent. Stepan Trofimowitsch versicherte mir einmal, die höchsten künstlerischen Talente seien mitunter die ärgsten Schufte und eines stehe dem anderen nicht im Wege. Nachher verbreitete sich das Gerücht, Ljamschin habe dieses Musikstück einem talentvollen, bescheidenen jungen Manne, einem Bekannten von ihm, bei dessen Durchreise gestohlen, infolge wovon die Autorschaft desselben unbekannt geblieben sei; aber dies nur nebenbei. Dieser Taugenichts, der mehrere Jahre lang um Stepan Trofimowitsch herumscherwenzelt und bei dessen Abendgesellschaften auf Verlangen verschiedene Juden oder die Beichte einer tauben Frau oder die Geburt eines Kindes zur Darstellung gebracht hatte, der karikierte jetzt manchmal in humoristischer Weise bei Julija Michailowna unter anderm auch Stepan Trofimowitsch selbst, unter dem Titeclass="underline" »Ein Liberaler der vierziger Jahre.« Alle wälzten sich vor Lachen, so daß es schließlich unmöglich war, ihn wegzujagen: der Mensch war geradezu unentbehrlich. Zudem bemühte er sich in knechtischer Weise um Peter Stepanowitschs Gunst, der seinerseits in jener Zeit bereits einen auffallend starken Einfluß auf Julija Michailowna gewonnen hatte.
Ich würde von diesem schändlichen Menschen nicht besonders reden und es wäre nicht der Mühe wert, sich mit ihm aufzuhalten, wenn sich nicht eine empörende Geschichte zugetragen hätte, bei der er, wie behauptet wird, ebenfalls beteiligt war; diese Geschichte aber kann ich in meiner geschichtlichen Darstellung unmöglich übergehen.
Eines Morgens lief durch die ganze Stadt die Kunde von einem unerhörten, abscheulichen Religionsfrevel. Am Eingange zu unserm großen Marktplatze steht eine alte Kirche zu Mariä Geburt, ein bemerkenswertes Altertumsdenkmal in unserer altertümlichen Stadt. Neben dem Tore der Umfassungsmauer ist seit alter Zeit ein großes Bild der Muttergottes angebracht; es ist hinter einem Gitter in die Mauer eingefügt. Dieses Bild war in der Nacht beraubt worden, das davor befindliche Glas zerschlagen, das Gitter zerbrochen, und aus der Krone sowie aus der Einfassung des Bildes waren mehrere Edelsteine und Perlen entwendet; ob sehr wertvolle, weiß ich nicht. Aber die Hauptsache war, daß außer dem Diebstahl auch sinnloser, spöttischer Religionsfrevel begangen war: hinter dem zerschlagenen Glase des Heiligenbildes wurde, wie man sagt, am Morgen eine lebende Maus gefunden. Es ist jetzt, vier Monate nach dem Ereignisse, positiv bekannt, daß das Verbrechen von dem Sträfling Fedka begangen war; aber aus irgendwelchem Grunde ist man zu der Annahme gelangt, daß auch Ljamschin dabei beteiligt war. Damals sprach niemand von Ljamschin, und man hatte überhaupt keinen Verdacht auf ihn; aber jetzt behaupten alle, daß er es gewesen sei, der damals die Maus hineingesetzt habe. Ich erinnere mich, daß unsere gesamte Obrigkeit ein wenig den Kopf verloren hatte. Das Volk drängte sich vom Morgen an bei dem Orte des Verbrechens zusammen. Beständig stand ein großer Haufe da, Gott weiß was alles für Menschen, aber an Zahl gewiß gegen hundert. Die einen kamen hinzu, die andern gingen wieder weg. Die Leute traten heran, bekreuzten sich und küßten das heilige Bild; sie begannen, Spenden zu geben, und es erschien ein Opferbecken und bei dem Opferbecken ein Mönch, und erst um drei Uhr nachmittags kam die Behörde auf den Gedanken, daß man dem Volke befehlen könne, es solle nicht in einem Haufen stehen bleiben, sondern jeder solle, nachdem er gebetet, das Bild geküßt und seine Spende gegeben habe, weitergehen. Auf Herrn v. Lembke übte dieser unglückliche Vorfall die traurigste Wirkung aus. Wie mir erzählt wurde, äußerte Julija Michailowna später, sie habe seit diesem unseligen Morgen an ihrem Gatten jene seltsame Niedergeschlagenheit bemerkt, die dann bei ihm ununterbrochen fortdauerte, bis er vor zwei Monaten krankheitshalber aus unserer Stadt wegreiste, und die ihn, wie es scheint, auch jetzt in der Schweiz noch nicht verlassen hat, wo er sich nach seiner kurzen Amtstätigkeit in unserm Gouvernement immer noch erholt.