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Joe unter den Piraten

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Joe unter den Piraten
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Mr. Bronson betrachtete ihn wohlwollend. »Aber nur durch gründliches Lernen wird es dir gelingen, etwas zu leisten in der Welt und etwas zu werden«, sagte er. Joe hob die Hand zu einer verzweifelten Gebärde. »Ich weiß genau, wie die Geschichte für dich aussieht«, fuhr Mr. Bronson fort. »Aber du bist schließlich immer noch ein Junge. Du gleichst dem Spatzen, den wir da draußen beobachtet haben. Wenn du dich nicht einmal zu Hause beherrschen und deine Schularbeiten ordentlich erledigen kannst, wie willst du dann draußen in der Welt, die dich deiner Meinung nach ruft, weit weg von zu Hause genügend Selbstbeherrschung aufbringen, um deinen Mann zu stehen?

Dennoch bin ich bereit, Joe - ja, ich bin durchaus bereit, dich nach Abschluß der höheren Schule und bevor du auf die Universität gehst, für eine Weile in die Welt hinauszuschicken.«

»Laß mich doch jetzt gehen!« drängte Joe. »Nein, jetzt noch nicht. Dir fehlen noch die Flügel. Du bist noch nicht fertig. Dein Ziel und deine Maßstäbe liegen noch längst nicht genau fest.«

»Aber ich kann einfach nicht lernen!« sagte Joe fast drohend. »Ich weiß genau, daß ich nicht für die Schule tauge!« Mr. Bronson blickte auf seine Taschenuhr und stand auf. »Noch habe ich keinen endgültigen Entschluß gefaßt«, sagte er. »Ich weiß nicht, was ich tun werde - ob wir es noch einmal mit der höheren Schule versuchen oder ob ich dich gleich in die Kadettenanstalt schicke.«

Er ging. An der Tür blieb er zögernd stehen und drehte sich um. »Vergiß eins nicht, Joe: Ich bin dir nicht böse«, sagte er. »Aber du machst mir Kummer. Überleg es dir noch einmal und sag mir heute abend, was du für das Beste hältst.«

Damit verließ er den Raum. Joe hörte, wie die Haustür hinter seinem Vater ins Schloß fiel. Er lehnte sich in dem schweren Sessel zurück und schloß die Augen. In die Kadettenanstalt! Davor fürchtete er sich, wie ein Tier sich vor einer Falle fürchtete. Nein, die Kadettenanstalt kam einfach nicht in Frage! Und was die höhere Schule betraf . . . Er seufzte schwer, als er an die Schule dachte. Bis zum Abend hatte er Zeit, sich zu überlegen, was er wollte. Nun, er wußte genau, was er wollte. Er brauchte nicht bis zum Abend zu warten, um es herauszufinden.

Mit entschlossener Miene stand er auf, griff nach seiner Mütze und verließ das Haus. Er würde seinem Vater beweisen, daß er in der Welt seinen Mann stehen konnte, dachte er, als er die Straße hinunterging. Er würde es ihm schon zeigen!

Als er die Schule erreichte, lag sein Plan in allen Einzelheiten fest. Er brauchte ihn nur noch auszuführen. Es war gerade Mittagspause. Joe schlich sich in sein Klassenzimmer und packte unbemerkt seine Bücher zusammen. Als er über den Hof zurückging, traf er auf Fred und Charlie. »Was ist denn mit dir los?« fragte Charlie. »Nichts«, grunzte Joe. »Was hast du vor?« »Meine Bücher bring' ich nach Hause, was denn sonst?« »Na, na«, schaltete Fred sich ein, »mal nicht so geheimnisvoll. Uns kannst du doch erzählen, was los ist!«

»Werdet ihr schon früh genug merken«, sagte Joe bedeutungsvoll - bedeutungsvoller, als es seine Absicht war. Und aus Furcht, er könne sich verplappern, kehrte er seinen verdutzten Freunden den Rücken und eilte davon. Er ging unverzüglich nach Hause und auf sein Zimmer und machte sich an die nötigen Vorbereitungen. Er vertauschte den Anzug, den er trug, mit einem älteren und hängte seine Sachen sorgsam in den Schrank. Aus der Kommode holte er etwas Unterwäsche, ein paar Baumwollhemden und ein halbes Dutzend Paar Socken. Dazu legte er noch ebenso viele Taschentücher, einen Kamm und eine Zahnbürste. Er wickelte das ganze Bündel in kräftiges Packpapier und betrachtete es mit Genugtuung. Dann ging er zu seinem Pult und entnahm einem kleinen Innenfach die Ersparnisse der letzten Monate, immerhin mehrere Dollars. Eigentlich hatte er das Geld für den Unabhängigkeitstag aufbewahren wollen, aber er steckte es ohne großes Bedauern in die Tasche. Dann setzte er sich, zog einen Schreibblock heran und schrieb:

»Sucht nicht nach mir. Ich bin ein Versager. Ich gehe zur See. Macht euch keine Sorgen um mich. Ich werde mich schon durchschlagen. Eines Tages werde ich zurückkommen, und dann werdet ihr alle stolz auf mich sein. Lebt wohl, Papa, Mama und Bessie!    JOE«

Den Zettel ließ er so auf dem Pult liegen, daß man ihn leicht finden konnte. Er klemmte sich das Bündel unter den Arm, und nach einem letzten abschiednehmenden Blick auf sein Zimmer stahl er sich hinaus.

ZWEITER TEIL 

VIII.

FRISCO KID UND DER NEUE

Frisco Kid war unzufrieden - unzufrieden und ekelhafter Laune. Die Jungen, die oben vom Pier herunter angelten, hätten das für unmöglich gehalten, denn sie beneideten ihn außerordentlich. Zugegeben, ihre Kleidung war sauberer und besser, und sie hatten Eltern, die sich um sie sorgten. Aber der da unten führte ein freies Seemannsleben in der Bucht, dem Schauplatz bewegter Abenteuer, und er hatte richtige Männer zu Freunden. Für sie dagegen gab es nichts als die strenge Disziplin und die graue Eintönigkeit häuslichen Lebens. Nicht einmal im Traum konnten sie sich vorstellen, daß Frisco Kid vom Ruder der Blender zu ihnen aufblicken und sie um gerade jener Dinge willen beneiden könne, die ihnen oft als die abscheulichsten erschienen und unter denen sie bis zum Überdruß litten. So wie ihnen abenteuerliche Romantik ein Sirenenlied sang und lockende Kunde von fernen Ländern und mutigen Taten in ihr Ohr flüsterte, so beschäftigten die köstlichen Geheimnisse eines trauten Zuhause Frisco Kids weitschweifende Phantasie, und seine schönsten Träume drehten sich um das, was er nicht kannte: Brüder, Schwestern, den Rat eines Vaters und den Kuß einer Mutter.

Er runzelte die Stirn, erhob sich von seinem Sonnenbad auf dem Kajütendach der Blender und schleuderte die schweren Gummistiefel von den Beinen. Dann streckte er sich auf das schmale Seitendeck und ließ seine Füße in das kühle Salzwasser baumeln.

Das ist echte Freiheit, dachten die Jungen, die ihm zusahen. Die langen, bis an die Hüften reichenden und am Leibriemen festgeschnallten Seestiefel besaßen für sie eine seltsam-wundervolle Anziehungskraft. Sie wußten nicht, daß Frisco Kid so etwas wie Schuhe überhaupt nicht besaß und daß die Stiefel Pete le Maire gehörten, alt waren und mindestens drei Nummern zu groß für ihn. Und wie unbequem sie an einem heißen Sommertag waren, konnten sie auch nicht ahnen.

Diese Jungen, die am Ende des Piers saßen und ihn bewunderten, waren der Grund für Frisco Kids Unzufriedenheit. Seine üble Laune jedoch hatte eine ganz andere Ursache. Die Blender hatte einen Mann Besatzung zuwenig, und er mußte daher härter arbeiten, als man gerechterweise von ihm verlangen konnte. Das Kochen machte ihm nichts aus, und auch nicht das Deckscheuern und das Pumpen. Aber dann auch noch Farbe waschen und Geschirr spülen - das ging zu weit! Er glaubte, sich das Recht erworben zu haben, von solcher Küchenjungenarbeit befreit zu sein. Jeder Anfänger war dafür zu gebrauchen, während er, Frisco Kid, immerhin Segel setzen und einholen, den Anker lichten, steuern und anlegen konnte. »Wahrschau, da unten I« Pete le Maire, auch »Franzosen-Pete« genannt, Kapitän der Blender und Frisco Kids Herr und Meister, warf ein Bündel in den Ruderstand und kletterte über die Steuerbordwanten an Bord.

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