Joe unter den Piraten
- Автор: Лондон Джек
- Год: 1959
- Язык: немецкий
- Жанр: Морские приключения
Электронная книга - «Joe unter den Piraten». Краткое содержание книги:
Nicht weniger ziellos und unbewußt fand er sich eine Stunde später weit draußen auf dem Pier von Oakland sitzen und seinen schmerzenden Kopf gegen einen hilfreichen Balken lehnen. Von dort aus konnte er auf die Decks einer Anzahl kleinerer Segelschiffe hinunterblicken. Eine ganze Horde neugieriger Bummler hatte sich angesammelt und betrachtete die Boote, und auch Joe begann sich immer mehr für sie zu interessieren. Es waren vier Boote. Von seinem Sitzplatz aus konnte er die Namen lesen. Das Boot unmittelbar unter ihm trug in groß aufgemalten grünen Buchstaben den Namen »Ghost« am Heck. Die anderen drei, die daneben lagen, hießen »Austernkönigin«, »La Caprice« und »Fliegender Holländer«.
Alle Boote hatten mittschiffs eine Kajüte, aus deren Dächern kurze Ofenrohre hervorlugten. Aus dem Ofenrohr der »Ghost« stieg Rauch auf. Die Kajütentüren standen offen, und die Luke war zurückgeschoben, so daß Joe hineinblicken und einen Jungen von etwa neunzehn oder zwanzig Jahren beim Kochen beobachten konnte. Er trug hohe, bis an die Hüften reichende Wasserstiefel, einen blauen Overall und einen schwarzen Pullover. Die Ärmel waren bis zu den Ellenbogen aufgerollt und ließen stämmige, sonnengebräunte Arme sehen, und als der Junge einmal den Kopf hob, zeigte auch sein Gesicht dieselbe tiefe Bräune.
Kaffeeduft stieg Joe in die Nase, und aus einem kleinen eisernen Topf kam der unverkennbare Geruch fast gargekochter Bohnen. Der Koch stellte eine Bratpfanne auf das Fenster, rieb sie, nachdem sie heiß geworden war, mit einem Stück Rindertalg ein, und warf dann ein großes Stück Rindfleisch hinein. Gleichzeitig unterhielt er sich mit seinem Kameraden, der damit beschäftigt war, einen Eimer außenbords zu füllen und das Salzwasser über ganze Haufen von Austern zu gießen, die an Deck lagen. Als er damit fertig war, deckte er die Austern mit nassen Säcken ab und ging in die Kajüte, wo auf einem winzigen Tisch für ihn gedeckt war. Der Koch trug das Essen auf und setzte sich, um ebenfalls zuzulangen.
Joes Hang zum Romantischen regte sich bei diesem Anblick.
Das war Leben! Die da unten lebten doch wirklich! Sie verdienten sich ihr Leben in freier Natur unter der Sonne und unter dem Sternenhimmel. Die See warf sie umher, und es wehte der Wind, oder der Regen goß auf sie herab. Da saß er Tag für Tag mit fünfzig seinesgleichen in einem Klassenzimmer eingepfercht, zermarterte sein Gehirn und stopfte trockenes Wissen in sich hinein, während die da unten ein frohes, unbekümmertes, glückliches Leben führten, ruderten und segelten, selber ihr Essen kochten und gewiß Abenteuer bestanden, von denen man in der Enge des Schulzimmers kaum zu träumen wagte. Joe seufzte. Es war ihm klar, daß er für solch ein Leben geschaffen war und nicht für die Studierstube. In der Schule war er ohne Zweifel ein Versager. Er war durch die Prüfung gefallen, während Bessie in diesem Augenblick bestimmt auch ihre letzte Aufgabe gelöst hatte und triumphierend nach Hause ging. Oh, es war nicht zu ertragen! Sein Vater sollte ihn überhaupt nicht in die Schule schicken. Schulen waren ganz schön und gut für Jungen, denen der Kopf nach Studieren stand, aber es hatte sich erwiesen, daß er nicht zu ihnen gehörte. Und schließlich konnte man auch ohne Gymnasium seinen Weg machen. Es gab Männer, die mit dem allerniedrigsten Rang zur See gegangen und doch zu stolzer Höhe aufgestiegen waren - Männer, die mächtige Flotten ihr eigen nannten, große Taten vollbrachten und ihren Namen in das Buch der Geschichte einschrieben. Warum denn nicht auch er, Joe Bronson? Er schloß die Augen und tat sich mit einem Male unendlich leid. Als er die Augen wieder öffnete, mußte er feststellen, daß er geschlafen hatte und daß die Sonne schon fast untergegangen war.
Es war bereits dunkel, als er zu Hause ankam. Er ging sofort auf sein Zimmer und zu Bett, ohne mit irgend jemandem gesprochen zu haben. Mit einem zufriedenen Seufzer kroch er zwischen die kühlen Laken. - Komme, was wolle, dachte er - um die Geschichtsprüfung brauchte er sich jedenfalls keine Sorgen mehr zu machen. Dann jedoch drängte sich ein anderer, weniger willkommener Gedanke vor: Ein neues Schulhalbjahr stand bevor, und in sechs Monaten erwartete ihn wiederum eine Prüfung in griechischer Geschichte.
VII.
VATER UND SOHN
Am nächsten Morgen wurde Joe gleich nach dem Frühstück von seinem Vater in die Bibliothek gerufen. Froh darüber, daß sein gespanntes Warten ein Ende hatte, betrat er das Zimmer. Mr. Bronson stand am Fenster. Ein lautes Geschilp von Spatzen schien seine Aufmerksamkeit zu erregen. Joe blickte neben ihm heraus. Er sah einen kaum flügge gewordenen Sperling im Gras, der mit komischem Torkeln versuchte, von seinen schwachen, dünnen Beinchen Gebrauch zu machen. Er war aus dem Nest in dem um das Fenster rankenden Rosenbusch gefallen, und die beiden Spatzeneltern umflatterten ihn außer sich vor Angst. »Kleine Vögel sind so«, bemerkte Mr. Bronson und wandte sich Joe mit einem erneuten Lächeln zu. »Und es sieht mir so aus«, fuhr er fort, »als ob du in eine ähnlich mißliche Lage kommen könntest, mein Junge. Ich glaube, die Dinge spitzen sich zu, Joe. Seit einem Jahr habe ich es kommen sehen: du hast nichts gelernt, du warst nachlässig und unaufmerksam, und immer mußtest du 'raus aus dem Haus und irgendeinem Abenteuer nachjagen.« Er hielt inne, als warte er auf eine Antwort. Aber Joe schwieg.
»Ich habe dir viel Freiheit gelassen. Ich glaube an Freiheit. Die Tüchtigsten wachsen auf einem solchen Boden. Ich habe dich nicht mit endlosen Vorschriften und leidigen Verboten eingeengt. Ich habe nur wenig von dir verlangt, und du bist mehr oder weniger gekommen und gegangen, wie es dir paßte. Ich habe dir vertraut, du warst fast ganz dein eigener Herr. Ich habe mich darauf verlassen, daß dein Gefühl für das Rechte und Gute dich von allem Schlechten fernhielt und deinen Lerneifer förderte. Du hast mich enttäuscht. Was soll ich jetzt tun? Dir Vorschriften machen, wie du deine Zeit einzuteilen hast? Dich überwachen? Dich mit Gewalt an die Bücher zwingen? - Dieser Brief hier ist angekommen«, sagte Mr. Bronson nach einer Pause, während er einen Umschlag vom Tisch aufnahm und ein beschriebenes Blatt herauszog.
Joe erkannte Miß Wilsons steife, unnachgiebige Schrift. Sein Herz stockte. Mr. Bronson las vor:
»Während des vergangenen Halbjahres zeigte er bei all seinen Arbeiten Lustlosigkeit und Nachlässigkeit, so daß er für die Prüfung völlig unvorbereitet war. Weder in Geschichte noch in Algebra machte er den Versuch, eine Frage zu beantworten, sondern gab seine Bogen leer wieder ab. Diese Prüfungen fanden am Morgen statt. Am Nachmittag hielt er es nicht einmal für nötig, zu den restlichen Prüfungen zu erscheinen . . .«
Joes Vater blickte von dem Brief auf. »Wo warst du gestern nachmittag?« fragte er.
»Ich bin nach Oakland hinübergefahren«, antwortete Joe. Es lag ihm nichts daran, seine Kopfschmerzen und den gepeinigten Körper beschönigend ins Feld zu führen. »Das nennt man >schwänzen<, oder?« »Ja, Vater«, erwiderte Joe.
»Am Abend vor den Prüfungen hast du es für richtig gehalten, aus dem Haus zu gehen und dich auf eine schändliche Schlägerei mit Halbstarken einzulassen, anstatt dich hinter deine Bücher zu klemmen. Ich habe hinterher nichts gesagt; und, ehrlich gestanden, ich hätte dir fast verziehen, wenn in der Schule alles in Ordnung gewesen wäre.« Joe konnte nichts sagen. Er wußte, daß er die Angelegenheit ganz anders sah, aber es war klar, daß sein Vater ihn nicht verstehen würde. Also hatte es wenig Zweck, es ihm zu erklären.
»Was mir an dir nicht gefällt, Joe, ist diese Nachlässigkeit, diese Zerstreutheit. Du scheinst genau das zu brauchen, wofür ich bisher nicht gesorgt habe, nämlich strenge Disziplin. Schon seit einiger Zeit mache ich mir Gedanken, ob es nicht doch ratsam sei, dich in eine Kadettenanstalt zu stecken, in der deine Pflichten festliegen und dir genau vorgeschrieben wird, was du in den vierundzwanzig Stunden eines Tages zu tun und zu lassen hast.« »Vater, du verstehst mich nicht! Du kannst mich nicht verstehen!« brach es endlich aus Joe heraus. »Ich versuche zu lernen, ganz bestimmt! Aber irgendwie - ich weiß selber nicht, wie - kann ich es einfach nicht. Vielleicht bin ich ein Versager. Vielleicht hab' ich einfach nicht den Kopf zum Büffeln. Ich will in die Welt hinaus. Leben will ich sehen – und selber leben. Kadettenanstalt - bah! Zur See möchte ich gehen. Irgendwohin, wo ich etwas leisten kann, wo ich etwas werden kann!«