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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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An den nächsten beiden Abenden spielte Jona ein neues Spiel, wenn der Tag verlosch; früh sagte er Mica und Lea gute Nacht und wartete dann ungeduldig auf die volle, pflaumenfarbene Dunkelheit, die es ihm gestattete, ungesehen aus Benzaquens Scheune zu schlüpfen. Er mied das Mondlicht, drückte sich in den Schatten, wo er ihn fand, und schlich so verstohlen zu ihrem Haus wie einer, der Kehlen durchschneiden will. In beiden Nächten war die Tür für ihn geöffnet, und sie stand gleich dahinter und stürzte sich auf ihn mit einer Begierde, die seiner nicht nachstand. Jedesmal schickte sie ihn lange vor Tagesanbruch wieder weg, denn alle Dörfler waren Bauern, die früh aufstanden, um ihre Tiere zu versorgen.

Sie glaubten, unauffällig und vorsichtig zu sein. Vielleicht waren sie es auch, doch am Freitag morgen bat Benzaquen Jona, ihn zu begleiten. »Damit wir uns besprechen können.«

Die beiden gingen zu Fuß zu einer Stelle ein Stückchen außerhalb des Dorfes. Mica zeige ihm einen breiten Streifen grünenden Landes, der sich vom Fluß bis zum Fuß des Berges erstreckte.

»Das Grundstück liegt genau in der Mitte des Tales«, sagte Mica. »Eine gute Lage, leicht zu erreichen von jedem Dorfbewohner, der einen Arzt braucht.«

Jona dachte an eine frühere Zeit, als er der Werbende gewesen war und Benzaquen ihn kurzerhand abgewiesen hatte. Er vermutete, daß Mica nun für das Dorf um ihn warb.

»Dieses Land war Eigentum des verstorbenen Fireas ben Sa-gan, gehört aber seit seiner Heirat Joaquin Chacon. Er hat bemerkt, daß Ihr ein Auge auf seine Tochter geworfen habt, und mich gebeten, es Euch beiden anzubieten.«

Sie benutzten Adriana als Köder, erkannte er. Es war ein schönes Stück bewaldeten Landes, wo ein Haus an erhöhter Stelle stehen konnte und doch so nahe am Bach, daß man sein Plätschern hörte. Eine Familie, die hier lebte, konnte an warmen Sommertagen in den Tümpeln planschen. Vorne lag ein kleines Feld, hinten erhob sich die bewaldete Bergflanke.

»Es liegt sehr günstig im Tal. Jeder könnte zu Fuß zu Euch kommen. Die Männer würden Euch ein schönes Haus bauen. Wir sind nur eine kleine Gemeinde«, sagte Benzaquen. »Ihr würdet neben den Menschen auch Tiere behandeln müssen, und vielleicht auch ein wenig Land bestellen, wenn Ihr wollt.«

Es war ein gutes Angebot und verdiente eine Antwort. Eine höfliche Ablehnung lag Jona auf den Lippen; zwar hatte er das Tal als Garten Eden gesehen, doch nie für sich selbst. Er wollte aber nicht ablehnen, bevor er wußte, welche Auswirkungen seine Entscheidung auf Adriana Chacons Lebens haben würde.

»Laßt mich darüber nachdenken«, sagte er, und Benzaquen nickte, froh darüber, daß er nicht gleich eine endgültige Ablehnung erhalten hatte. Auf dem Rückweg bat er Benzaquen, etwas für ihn zu tun. »Erinnert Ihr Euch noch an den Abend, als wir uns in Isaak Saadis Haus in Granada trafen, an diese Sabbatfeier nach der alten Religion? Würdet Ihr Eure Freunde heute abend zu einer solchen Feier einladen?«

Benzaquen runzelte die Stirn. Er musterte Jona und sah nun vielleicht Schwierigkeiten, die er zuvor nicht erkannt hatte, doch dann lächelte er ein wenig gequält. »Wenn es etwas ist, das Ihr Euch unbedingt wünscht...«

»Das ist es, Mica.«

»Dann will ich den Männern Bescheid geben.«

Doch an diesem Abend kamen nur Asher de Segarra und Pedro Abulafin zu Benzaquen, und an ihrer verlegenen Art merkte Jona, daß sie nicht aus Frömmigkeit gekommen waren, sondern weil sie ihn als Menschen schätzengelernt hatten.

Gemeinsam saßen sie da und warteten, bis am Himmel der dritte Stern sichtbar wurde, der den Beginn des Sabbat ankündigte.

»Ich weiß nicht mehr viel von den Gebeten«, sagte Asher.

»Ich auch nicht«, sagte Jona. Er hätte ihnen das Schema vorbeten können. Aber am vergangenen Sonntag hatte Padre Sera-fino von der Dreifaltigkeit gesprochen und seiner Gemeinde gesagt: »Es sind drei. Der Vater erschafft. Der Sohn rettet die Seelen. Der Geist läutert die Sünder dieser Welt.«

Das war es, woran die Neuen Christen Pradograndes jetzt glaubten, erkannte Jona. Sie schienen glücklich zu sein als Katholiken, solange nur die Inquisition sie in Ruhe ließ. Wer war Jona Toledano, daß er sie bitten durfte zu singen: »Höre, Israel, der Ewige unser Gott ist ein einiges, ewiges Wesen.«

Asher de Segarra legte Jona die Hand auf die Schulter. »Es bringt nichts, der Vergangenheit nachzutrauern.«

»Ihr habt recht«, sagte Jona.

Bald darauf dankte er ihnen und wünschte ihnen eine geruhsame Nacht. Es waren gute Männer, aber wenn er keinen Minjan echter Juden haben konnte, wollte er auch die widerwillige Teilnahme dieser Abtrünnigen nicht, die nur beteten, um ihm einen Gefallen zu tun. Er wußte, er würde mehr Trost finden, wenn er alleine betete, wie er es schon seit vielen Jahren tat.

An diesem Abend in Adrianas Haus hielt er einen Holzspan an ihr Kochfeuer, bis er brannte, und zündete damit ihre Lampe an. »Setz dich, Adriana«, sagte er. »Es gibt Dinge, die ich dir sagen muß.«

Im ersten Augenblick erwiderte sie gar nichts. »...Geht es darum, daß du bereits eine Frau hast?«

»Ich habe bereits einen Gott.«

In knappen Worten erzählte er ihr, daß er ein Jude sei, dem es gelungen war, seit seiner Kindheit sowohl der Konversion wie der Inquisition zu entgehen. Aufrecht und still saß sie auf ihrem Stuhl, hörte ihm zu, und ihr Blick verließ nie sein Gesicht.

»Ich wurde gefragt, ob ich hier in Pradogrande bleiben will, von deinem Vater und anderen. Aber ich könnte hier nicht leben, wo jeder alles vom anderen weiß. Ich kenne mich. Ich würde mich nicht ändern, und früher oder später würde mich jemand aus Angst verraten.«

»Lebst du an einem sichereren Ort?«

Er erzählte ihr von der hacienda, auf der er abgeschieden und sicher leben konnte, nahe genug an der Stadt, aber doch vor neugierigen Blicken geschützt. »Die Inquisition ist dort zwar einflußreich, aber man hält mich für einen Alten Christen. Ich gehe zur Messe. Ich bezahle der Kirche den Zehnten meines hervorragenden Einkommens. Man hat mich noch nie behelligt.«

»Bring mich weg von hier, Jona.«

»Ich würde dich gerne als meine Frau nach Hause führen, aber ich bin voller Angst. Wenn man mich eines Tages entlarvt, werde ich brennen. Und meine Frau hätte einen schrecklichen Tod zu erwarten.«

»Ein schrecklicher Tod kann jederzeit über jeden kommen«, sagte sie gelassen, und wieder erkannte er, daß sie immer nüchtern und vernünftig dachte. Jetzt stand sie auf, kam zu ihm und drückte ihn fest. »Es ehrt mich, daß du dein Leben in meine Hände gibst, indem du dich mir anvertraust. Du hast bis jetzt überlebt. Wir wer-den gemeinsam überleben.« Ihr Gesicht war feucht an dem seinen, und doch spürte er, wie ihre Mundwinkel sich zu einem Lächeln hoben. »Ich glaube, du wirst in meinen Armen sterben, wenn wir beide sehr alt sind... Wir müssen sofort von hier weg. Die Leute in diesem Tal sind so furchtsam. Wenn sie wissen, daß du ein Jude bist und von der Inquisition gesucht wirst, bringen sie dich eigenhändig um. Merkwürdig«, sagte sie. »Dein Volk war auch mein Volk. Als ich noch ein kleines Kind war, beschloß mein Großvater Isaak, daß wir nicht länger Juden sein dürfen. Und doch bereitete meine Großmutter Suleika für den Rest ihres Lebens jeden Freitagabend ein Festmahl für die ganze Familie zu und entzündete die Sabbatkerzen. Ich habe noch ihre kupfernen Kerzenhalter.« »Die nehmen wir mit.«

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