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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:

Über dieses Buch
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
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Er sprach mit deutlich australischem Akzent.

»In den Wagen mit ihm«, sagte Novello. Es kamen immer mehr Gaffer hinzu. Sie wollte nicht, daß irgend jemand Lightfoot erkannte und die Presse informierte.

Sie schoben ihn auf den Rücksitz des Streifenwagens, und Novello wandte sich an die Leute.

»Also gut«, sagte sie, »die Show ist vorbei. Hier gibt es nichts mehr zu sehen.«

Sie sahen nicht überzeugt aus.

Der Besitzer des heulenden Peugeot kam herbei und stellte den Alarm ab.

»Ist er reingekommen?« erkundigte er sich und suchte den Wagen nach Beschädigungen ab.

»Nein, Sir, alles in Ordnung. Sie haben einen guten Alarm.«

»Hören Sie, ich bin in Eile. Muß ich eine Aussage machen?«

»Nein, danke, Sir. Wir haben Ihre Autonummer notiert für den Fall, daß wir Sie noch brauchen.«

»Wunderbar. Ich hoffe, sie hängen den Mistkerl.«

Der Mann stieg in sein Auto, und die Schaulustigen trollten sich. Nur ein Autoeinbruch – nichts, mit dem man sich brüsten könnte, dabeigewesen zu sein.

»Das war clever«, meinte Turnbull. »Das haben Sie echt gut gemacht, Sonnenschein.«

»Mr. Turnbull, ich bin nicht Ihr Sonnenschein«, entgegnete Novello erschöpft.

Sie beugte sich zum offenen Fenster des Polizeiwagens. Lightfoot sah eher verärgert aus als verängstigt. Er sagte: »Wovon zum Teufel reden Sie da eigentlich? Mordverdacht? Okay, ich hab den Kerl verprügelt, aber das Geld gehört mir. Sagen Sie ihr das, Sie dämlicher Hornochse. Das Geld gehört mir!«

»Wo sollen wir ihn hinbringen, Herzchen?« erkundigte sich der Fahrer.

Sie sagte: »Erst brauche ich seine Wagenschlüssel.«

Der Constable neben Lightfoot schob eine Hand in Lightfoots Tasche und holte den Schlüssel hervor.

»Wo haben Sie geparkt?« fragte Novello.

»Da drüben«, sagte er und hob das Kinn. »Sie machen einen großen Fehler, gute Frau.«

Ein paar Reihen weiter entdeckte sie das Dach eines weißen Campingbusses. Zur gleichen Zeit sah sie mit großer Erleichterung, daß zwei weitere Streifenwagen auf den Parkplatz fuhren. Das bedeutete, daß sie genug Leute hatten, die Verhafteten separat fortzubringen, einschließlich ihrer Fahrzeuge. Sie rechnete es schnell durch. Sie würden zwar eine kleine Prozession bilden, aber es dürfte noch niemand so weit gewarnt sein, daß es auffiel.

»Danby«, sagte sie. »Ich denke, wir sollten alle nach Danby fahren.«

Fünfzehn

In Anwesenheit ihrer Freunde machten Peter und Ellie Pascoe sich über die gutbetuchten Leute lustig, die im Glockenviertel lebten, doch insgeheim wünschten sie sich, dort ein Haus zu haben. Es war eine perfekte Mischung aus Stadt und Land: man hatte die Stille des Landlebens in seinem wunderschönen Garten und alle Vorzüge des Stadtlebens vor der Haustür.

Oder, um es etwas krasser auszudrücken: Man konnte sich in seinem Lieblingspub den Allerwertesten vollaufen lassen, ohne auf die mürrisch-nüchterne Ehefrau angewiesen zu sein, um nach Hause zu kommen.

Wenn er also Gelegenheit hatte, durch das Glockenviertel zu spazieren, wurde Pascoe in Gedanken zum Ölscheich, der sich das eine oder andere Haus anerkennend auswählte und bei diesein oder jenem abschätzend abwinkte.

Heute jedoch, als er das Haus der Wulfstans aufsuchte, verspürte er dazu nicht die geringste Lust, obwohl die Holyclerk Street sich im goldenen Licht der frühen Abendsonne von ihrer besten Seite zeigte.

Ellie hatte ihm gesagt, sie wisse sehr wohl, daß es die Seele verderbe, Polizist zu sein, aber wenn man an die tragische Geschichte der Wulfstans dachte und dann an die Tatsache, daß die eigene Tochter sich gerade von einer sehr schweren Krankheit erholte, brach er hinsichtlich Rücksichtslosigkeit, Absurdität und Unverantwortlichkeit alle Rekorde …

»Hör zu«, hatte er gesagt. »Ich tue das, weil Rosie …«

»Weil ein übererregtes müdes Kind dachte, es hätte irgend etwas gesehen? Weil sie so ein blödes Bilderbuch hat?« warf sie dazwischen. »Na, dann weiß ich ja genau Bescheid!«

»Nein«, gab er ebenso scharf zurück. »Weil wir sie beinahe verloren hätten. Weil ich sie in meinem Kopf bereits verloren hatte und jetzt begreifen kann, was ich oft gesehen, aber nie selbst erlebt habe – nämlich, daß all diese armen Menschen, die ein Kind verloren haben, herumrennen wie kopflose Hühner und Protestvereine ins Leben rufen und Petitionen herausgeben und Gott weiß was alles. Der Grund ist, daß man es verstehen will, und dazu muß man mit Gründen und Ursachen und Verantwortung jonglieren und alles über das Warum und Wozu und das Wann und Wo und Wer herausfinden, o ja, vor allem über letzteres. Sieh mal, du willst herausfinden, was du für Jill tun kannst, und wenn du glaubst, es herausgefunden zu haben, wird dich nichts davon abhalten, es zu tun. Tja, so empfinde ich Mr. und Mrs. Dacre gegenüber. Alles zu wissen ist das einzige, was ihnen bleibt; ich rede jetzt nicht von Gerechtigkeit oder Rache, einfach nur vom Bescheid-Wissen. Kann sein, daß ich mich irre, aber ich schulde es ihnen, ich schulde es Gott oder dem Schicksal oder was immer uns Rosie zurückgegeben hat, daß ich es herausfinde.«

Ellie hatte ihren Mann noch nie so gesehen oder gehört, und zum erstenmal in ihrem gemeinsamen Leben ließ sie sich von seinen aufgebrachten Worten zum Schweigen bringen.

Alles, was sie sagte, als er das Krankenhaus verließ, in dem Rosie in einen tiefen, friedlichen Schlaf gefallen war, war: »Brr, nur ruhig, mein Schatz.« Dann küßte sie ihn.

Er war nicht gerade triumphierend losgezogen, aber mit einem glühenden Gefühl der Rechtschaffenheit, das aus dem Sieg in einer hitzigen Moraldebatte entbrennt.

Doch nun, als er vor der Tür von Hausnummer 41 stand, kam es ihm plötzlich – und nicht zum erstenmal – so vor, als habe Ellie, die zwar nicht in jeder Hinsicht recht hatte, immerhin recht genug, um den Sieg nach Punkten errungen zu haben.

Es war verrückt. Nun ja, angesichts der notwendigen Ermittlungen im Falle eines toten Mädchens war es nicht ganz und gar verrückt, aber die Art und Weise es anzugehen, war wohl ziemlich daneben.

Er trat einen Schritt zurück und hätte wieder fortgehen können oder auch nicht, er würde es nie erfahren, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür, und er stand Inger Sandel gegenüber.

Sie waren sich noch nie begegnet, aber er erkannte sie aufgrund des Fotos in der »Post«, die er noch immer in seiner Aktentasche hatte.

Sie fragte: »Ja, bitte?«

»Hallo. Ich bin Detective Chief Inspector Pascoe.«

»Mr. Wulfstan ist mit Elizabeth bereits nach Danby gefahren, aber Chloe ist noch hier, falls Sie mit ihr sprechen wollen.«

»Warum nicht?« erwiderte er, obwohl ihm schon Gründe einfielen.

Er trat in die Eingangshalle. Auf dem Fußboden standen mehrere Kartons mit CDs.

»Wir armen Troubadoure müssen auch unsere eigenen Händler sein«, sagte sie, als sie seinen Blick bemerkte. »Die sollen auf dem Konzert verkauft werden.«

»Ach ja?« Er nahm eine CD mit den »Kindertotenliedern« in die Hand. »Interessantes Cover. Die Noten da oben sind von Mahler, nehme ich an.«

»Ja, aber nicht von den Liedern. Ich glaube, sie sind aus der zweiten Symphonie.« Sie hielt inne, als erwarte sie eine Antwort, und fuhr dann fort: »Möchten Sie eine kaufen?«

»Nein, danke«, murmelte er und legte die CD hastig zurück. »Meine Frau hat schon eine. Mrs. Wulfstan ist da, sagten Sie?«

»Ja«, antwortete sie und lächelte wie über einen heimlichen Scherz. »Auf Wiedersehen, Mr. Pascoe. Nett, Sie kennengelernt zu haben.«

Sie trat aus dem Haus und wollte die Tür hinter sich zuziehen.

»Warten Sie«, meinte er, etwas unsicher. »Mrs. Wulfstan …«

»Ist schon gut«, versicherte sie ihm. »Ich muß ein wenig an die frische Luft. Rufen Sie einfach.«

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