Das Dorf der verschwundenen Kinder
- Автор: Хилл Реджинальд
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
Turnbull saß zusammengesunken in einem Lehnstuhl und nippte hin und wieder an einem Glas. Dann richtete er sich plötzlich auf und griff zum Telefonhörer.
Da er selbst keine Tasten drückte, mußte er angerufen worden sein. Das Gespräch dauerte nicht lange. Turnbull legte den Hörer auf, leerte sein Glas, erhob sich und verschwand aus Novellos Sichtfeld.
Sie kehrte augenblicklich zu ihrem Wagen zurück.
Ihr Instinkt erwies sich als richtig. Eine Minute später trat Turnbull aus dem Bungalow. In der Hand hielt er eine Tasche. Er stieg in den Volvo und verließ das Grundstück in Richtung Osten. Es war eine relativ leere Landstraße, und Novello konnte großen Abstand halten. Sechs oder sieben Meilen hinter Bixford jedoch führte die Straße auf die vielbefahrene vierspurige Schnellstraße Richtung Küste, und Novello mußte beschleunigen, um ihn nicht zu verlieren.
Einige Meilen weiter setzte er den Blinker und bog in eine Tankstelle ab. Novello dachte, er wolle tanken, doch er fuhr auf den Parkplatz, stieg aus und steuerte mit der Tüte in der Hand auf die Cafeteria zu.
Novello folgte ihm. Sie wartete, bis sich einige Leute hinter ihm angestellt hatten, und trat dann ebenfalls in die Reihe. Er kaufte ein Kännchen Tee und trug das Tablett zu einem Fenstertisch mit Blick auf die Straße. Er setzte sich so, daß er die Eingangstür im Auge behalten konnte.
Novello holte sich einen Kaffee und fand einige Tische weiter hinten einen freien Platz. Jemand hatte seine Zeitung liegenlassen. Sie schlug sie auf und versteckte ihr Gesicht zur Hälfte. Falls Turnbull sich umblickte und sie an der oberen Gesichtshälfte erkannte – Pech!
Er wartete auf jemanden, daran bestand kein Zweifel. Das Einschenken und Trinken verrichtete er mit der linken Hand, während die rechte den Griff der Ledertasche umklammert hielt, die neben ihm auf dem Stuhl lag. Sein Blick blieb immer auf die Tür gerichtet.
Auf diese Weise vergingen zwanzig Minuten. Menschen kamen, aßen und gingen. Ein Kellner wollte Novellos leeren Becher abräumen, doch sie hielt ihn fest. Sie hatte die Seiten ihrer Zeitung mehrere Male durchgeblättert, ohne auch nur ein Wort zu lesen oder zu wissen, welche Zeitung sie überhaupt in der Hand hielt. Turnbull seinerseits hatte die letzten Tropfen aus dem Kännchen geschüttet. Die Zeit verging. Was auch immer der Grund für sein Kommen gewesen war, er wollte die Fahrt offenbar nicht umsonst gemacht haben.
Dann schließlich erstarrte er. Nicht, daß er sich vorher viel bewegt hätte, aber jetzt saß er so reglos, daß selbst das Mobiliar lebendiger schien als er.
Novello blickte zur Tür.
Sie erkannte ihn sofort von Wields aktualisiertem Foto.
Gerade hatte Benny Lightfoot die Cafeteria betreten.
Andy Dalziel stand am Rand des Stausees, in der Nähe des Steinhaufens, der einmal der Heck-Hof gewesen war. Auf dem vertrockneten Schlamm zu seinen Füßen lagen einige Knochen. Er stupste sie mit dem Fuß.
»Speiche, Elle, und das hier könnten Handwurzelknochen sein, aber da sie so klein sind, haben sie natürlich mehr gelitten als die anderen«, sagte die erste Meerjungfrau, die mit richtigem Namen Sergeant Tom Perriman hieß.
»Alter? Geschlecht? Wie lange liegen die schon hier?« fragte Dalziel kurz angebunden.
Perriman zuckte seine breiten, gummibedeckten Schultern.
»Wir haben sie grad erst rausgezogen«, entgegnete er. »Ein Erwachsener, würd ich sagen, oder mindestens Jugendlicher.«
»Und der Rest?«
»Wir suchen noch«, sagte Perriman. »Eigentlich komisch. An dieser Stelle ist kaum eine Strömung. Man sollte meinen, daß die Knochen zusammen bleiben, selbst nach langer Zeit. Purer Zufall, daß ich sie gefunden hab. Wir wollten eigentlich gar nicht hier suchen, wo es so flach ist …«
»Wo genau?« wollte Dalziel wissen.
»Genau hier«, sagte Perriman, verärgert über die Unterbrechung.
Er deutete auf das seichte Wasser neben dem trockengelegten Steinhaufen und fuhr fort: »Ich kam grade raus und stellte mich hin, um die letzten paar Meter zu gehen, und spürte plötzlich etwas unter meinem Fuß. Natürlich wäre die Stelle hier ohne die Dürrezeit viel tiefer gewesen. Aber wo ist der Rest, das möchte ich wirklich wissen.«
»Vielleicht ist da nicht mehr«, schlug Wield vor.
»Was? Jemand hat einen Arm abgeschnitten und ihn in den See geschmissen?« meinte Dalziel. »Das bedeutet aber immer noch, daß der Rest irgendwo liegen muß, es sei denn, jemand hat ein bißchen Aufruhr provoziert, als er mit vollzähligen Armen spazierenging und mit nur der Hälfte wieder zurückkam.«
»Es gibt schon ein paar ziemlich verschwiegene Typen hier in Mid-Yorkshire, Sir. Jedenfalls hat das Ganze höchstwahrscheinlich nichts mit unserem Fall zu tun.«
»Ach ja? Und was schlagen Sie vor, Wieldy? Daß wir die Knochen zurückschmeißen, und wenn irgend jemand fragt, sagen, daß sie verlorengingen? Selbst wenn es nicht zu unserem Fall gehört, dann gehört es zu einem anderen unserer Fälle. Tüten Sie die Dinger ein und bringen Sie sie ins Labor, Tom. Und suchen Sie weiter.«
Der Dicke drehte sich um und marschierte zu seinem Range Rover. Wield folgte.
»Es gab einige Selbstmorde hier oben, Sir«, sagte er.
»Klar, daran denke ich jedes Mal, wenn ich mir Tee aufbrühe, Wieldy«, erwiderte Dalziel. »Aber für gewöhnlich fischen wir sie raus, oder?«
»Die, von denen wir wissen«, stimmte der Sergeant zu. »Aber es könnte jeder hierher kommen, sich die Taschen voll Steine packen und als Statistik auf unserer Liste der vermißten Personen landen.«
»Vielleicht muß ich mir das Teetrinken abgewöhnen«, sagte Dalziel. »Wissen Sie, dieser Stausee war mir vom ersten Augenblick an nicht geheuer. Irgendwas am Dender Mere hat mir immer schon ’ne Gänsehaut verursacht. Hier, das klingt ja fast, als ob George Headingley ein Ei auf sein Funkgerät legt. Was hat ihn nur aufgeweckt, frage ich mich.«
»Werden wir gleich wissen«, sagte Wield und nahm das Mikrophon auf.
»Ist er da, Wieldy?« fragte Headingley ohne Umschweife. »Sagen Sie ihm, daß wir gerade eine Nachricht von Constable Novello reinbekommen haben. Sie sagt, sie sitzt in der Cafeteria der Orecliff-Tankstelle an der Küstenstraße und beobachtet gerade, wie Geordie Turnbull ein Pläuschchen mit Benny Lightfoot hält. Verstehen Sie, was das bedeutet? Sie könnten zusammen da drinstecken! Zwei sind es, nicht einer! Das würde einiges erklären, oder nicht?«
Dalziel griff dazwischen und nahm Wield das Mikrophon ab.
»Es würde nicht erklären, warum Sie das alles der ganzen Welt samt seiner Mutter über Funkfrequenz erzählen, George. Also halten Sie den Mund. Wir sind unterwegs.«
»Und, was denken Sie, Sir?« fragte Wield, als sie wegfuhren. »Zwei zum Preis für einen?«
»Ich denke, George Headingley hat sein Gehirn über den Gesundheitsdienst bekommen, und jetzt wird’s vom Immunsystem abgestoßen«, sagte Dalziel. »Aber wenn Ivor tatsächlich Benny Lightfoot gestellt hat, muß ich sie womöglich heiraten.«
Um etwa dieselbe Zeit wachte Rosie Pascoe wieder auf und verkündete, sie habe Hunger. Als ihr nur eine kleine Menge Flüssignahrung gestattet wurde, beklagte sie sich bitterlich, und ihre Eltern sahen einander grinsend an.
»Bin ich sehr krank?« fragte das Mädchen plötzlich.
Pascoe blieb für eine Sekunde das Herz stehen, doch Ellies feine Ohren hörten bereits die Berechnung heraus, die hinter dieser Frage steckte.
»Du warst mächtig krank«, sagte sie bestimmt, »aber jetzt geht es dir schon viel besser. Und wenn du rechtzeitig zum Jahrmarkt wieder ganz gesund bist, nimmt Daddy dich mit in die große Achterbahn. Jetzt muß Mummy mal einen Moment weggehen, aber ich komme gleich wieder.«