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Die Dämonen
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»Ich bedaure, daß ich nicht vor einigen Jahren hier gewesen bin ... ich war nämlich in Karlsbad. Hm ... Mich interessiert dieser junge Mann sehr, über den ich nachher so viele Gerüchte von allerlei Art vorfand. Hm ... Wie ist das? Ist es wahr, daß er geistesgestört ist? Damals behauptete es jemand. Auf einmal hörte ich neulich, daß ihn hier ein Student in Gegenwart seiner Kusinen beleidigt habe und er vor ihm unter den Tisch gekrochen sei; und gestern höre ich von Stepan Wysozki, daß Stawrogin sich mit diesem ... Gaganow duelliert habe. Und einzig und allein in der kavaliermäßigen Absicht, dem wütenden Menschen seine Stirn darzubieten, um nur von ihm loszukommen. Hm ... Das war in den zwanziger Jahren bei der Garde so Sitte. Verkehrt er hier bei jemandem?«

Der General schwieg, wie wenn er eine Antwort erwartete. Für die Ungeduld der Gesellschaft waren nun die Schleusen geöffnet.

»Was kann einfacher sein?« sagte auf einmal Julija Michailowna mit erhobener Stimme; sie war gereizt darüber, daß alle plötzlich wie auf Kommando die Blicke zu ihr hingewandt hatten. »Es ist doch nicht weiter zu verwundern, daß Stawrogin sich mit Gaganow geschlagen, dem Studenten aber sich nicht gestellt hat. Er konnte doch seinen früheren Leibeigenen nicht zum Duell fordern!«

Das waren bedeutsame Worte! Ein einfacher, klarer Gedanke, der aber niemandem bis dahin in den Sinn gekommen war. Diese Worte taten außerordentliche Wirkung. Aller skandalöse Klatsch, alles Kleinliche und Anekdotenhafte trat mit einem Schlage in den Hintergrund. Die Sache gewann auf einmal ein ganz anderes Gesicht. Es erschien auf dem Plan eine neue Persönlichkeit, in der sich alle bisher geirrt hatten, ein Mann von fast idealer Strenge der Denkweise. Tödlich beleidigt von einem Studenten, also von einem gebildeten, nicht mehr leibeigenen Menschen, verachtet er die Beleidigung, weil der Beleidiger sein früherer Leibeigener ist. In der Gesellschaft ruft dieses Verhalten Aufsehen und häßliches Gerede hervor; die unbesonnen urteilende Gesellschaft blickt geringschätzig auf einen Menschen, der sich hat ins Gesicht schlagen lassen; er verachtet die Meinung der Gesellschaft, die sich nicht zu einer richtigen Anschauungsweise erheben kann und doch über solche Dinge urteilt.

»Und da sitzen nun wir beide da, Iwan Alexandrowitsch, und reden über die richtige Anschauungsweise,« bemerkte ein altes Klubmitglied mit edler Erregung über die eigenen Mängel zu einem andern.

»Jawohl, Peter Michailowitsch, jawohl!« stimmte ihm der andere mit einer Art von Genuß bei. »Und da redet man noch von der Jugend!«

»Hier ist nicht von der Jugend im allgemeinen die Rede, Iwan Alexandrowitsch,« mischte sich ein dritter ein. »Hier handelt es sich nicht um die Jugend im allgemeinen, sondern um ein Meteor, nicht um einen beliebigen jungen Menschen; so muß man die Sache auffassen.«

»Das ist es gerade, was wir brauchen; wir haben Mangel an wirklichen Männern.«

Die Hauptsache war dabei, daß der »neue Mann« nicht nur ein »unzweifelhafter Edelmann«, sondern überdies auch einer der reichsten Grundbesitzer des Gouvernements war und folglich als eine kräftige Stütze der Gesellschaft angesehen werden mußte. Übrigens habe ich auch schon früher die Stimmung unserer Gutsbesitzer beiläufig erwähnt.

Man ereiferte sich sogar:

»Nicht genug daran, daß er den Studenten nicht gefordert hat, er hat sogar die Hände auf den Rücken gelegt; beachten Sie das noch ganz besonders, Exzellenz!« betonte ein anderer.

»Auch hat er ihn nicht vor ein neumodisches Gericht gezogen,« fügte wieder ein anderer hinzu.

»Obgleich der Student von einem neumodischen Gerichte wegen tätlicher Beleidigung eines Edelmannes zu fünfzehn Rubeln verurteilt worden wäre, he-he-he!«

»Nein, ich will Ihnen ein geheimes Mittel angeben, das bei den neumodischen Gerichten von Nutzen ist,« sagte einer ganz wütend. »Wenn jemand gestohlen oder betrogen hat und abgefaßt und klar überführt ist, dann muß er so schnell wie möglich, solange es noch Zeit ist, nach Hause laufen und seine Mutter totschlagen. Sofort wird er von allem freigesprochen, und die Damen auf den Tribünen winken mit ihren batistenen Taschentüchern. Das ist die volle Wahrheit!«

»Ja, das ist die Wahrheit! Das ist die Wahrheit!«

Interessante Geschichtchen durften natürlich nicht fehlen. Man erinnerte sich an Nikolai Wsewolodowitschs Beziehungen zum Grafen K***. Die scharfen, isoliert dastehenden Ansichten des Grafen K*** über die letzten Reformen waren bekannt. Bekannt war auch seine merkwürdige Tätigkeit, die in der letzten Zeit allerdings etwas nachgelassen hatte. Und nun wurde es allen auf einmal unzweifelhaft, daß Nikolai Wsewolodowitsch mit einer der Töchter des Grafen K*** verlobt sei, obgleich nichts einen bestimmten Anlaß zu einem solchen Gerüchte gab. Was aber die wunderbaren Abenteuer mit Lisaweta Nikolajewna in der Schweiz anlangte, so redeten die Damen davon überhaupt nicht mehr. Wir erwähnen bei dieser Gelegenheit, daß Drosdows gerade in dieser Zeit alle bisher von ihnen unterlassenen Besuche nachgeholt hatten. Über Lisaweta Nikolajewna hatten sich alle bereits die feststehende Meinung gebildet, sie sei ein ganz gewöhnliches Mädchen und kokettiere mit ihren kranken Nerven. Ihre Ohnmacht am Tage von Nikolai Wsewolodowitschs Ankunft erklärte man jetzt ganz einfach als eine Folge des Schrecks über das ungeheuerliche Benehmen des Studenten. Man betonte sogar übermäßig den prosaischen Charakter eben des Begebnisses, dem man vorher eine Art von phantastischem Kolorit zu geben gesucht hatte; und an eine gewisse lahme Frauensperson dachte man überhaupt nicht mehr; man genierte sich, sie auch nur zu erwähnen. »Und wenn auch hundert lahme Frauenspersonen da wären, – wer ist nicht einmal jung gewesen?« hieß es. Man hob Nikolai Wsewolodowitschs respektvolles Benehmen gegen seine Mutter hervor, fand an ihm diese und jene Tugenden und sprach wohlwollend von dem Wissen, das er sich in den vier Jahren auf deutschen Universitäten erworben habe. Artemi Petrowitschs Verhalten wurde entschieden als taktlos bezeichnet, als eine Verkennung der Pflichten gegen einen Standesgenossen; Julija Michailowna erklärte man für eine überaus scharfsinnige Dame.

So kam es, daß, als endlich Nikolai Wsewolodowitsch selbst erschien, alle ihm mit dem naivsten Ernste begegneten und in allen Augen, die auf ihn gerichtet waren, die ungeduldigste Erwartung zu lesen war. Nikolai Wsewolodowitsch hüllte sich sogleich in das strengste Schweigen, was alle selbstverständlich weit mehr billigten, als wenn er eine Unmenge zusammengeredet hätte. Kurz, alles glückte ihm; er war in die Mode gekommen. Wer sich einmal in der Gesellschaft der Gouvernementsstadt gezeigt hatte, konnte sich nachher auf keine Weise wieder verbergen. Nikolai Wsewolodowitsch begann wieder wie früher alle gesellschaftlichen Gebräuche der Gouvernementsstadt auf das peinlichste zu erfüllen. Man fand ihn nicht heiter: »Der junge Mann hat viel gelitten,« hieß es; »er ist ein anderer Mensch wie andere Leute; er hat allen Anlaß, nachdenklich zu sein.« Selbst sein Stolz und seine launenhafte Unzugänglichkeit, um derentwillen er bei uns vier Jahre vorher so gehaßt worden war, wurden jetzt geachtet und gefielen wohl.

Am meisten triumphierte Warwara Petrowna. Ich kann nicht sagen, ob sie sich über die Zerstörung ihrer Zukunftsträumereien in betreff Lisaweta Nikolajewnas sehr grämte. Auch der Familienstolz half dabei natürlich sehr mit. Eins war merkwürdig: Warwara Petrowna war auf einmal ganz fest davon überzeugt, daß Nikolai tatsächlich bei dem Grafen K*** »seine Wahl getroffen« habe; aber (und das war das Allermerkwürdigste) sie war davon nur auf Grund von Gerüchten überzeugt, die ihr wie allen anderen der Wind zugetragen hatte; Nikolai Wsewolodowitsch selbst zu fragen fürchtete sie sich. Ein paarmal allerdings konnte sie sich doch nicht beherrschen und machte ihm in heiterem Tone unter vier Augen Vorwürfe, daß er ihr gegenüber nicht recht offen sei; Nikolai Wsewolodowitsch lächelte und fuhr fort zu schweigen. Das Schweigen faßte sie als Zeichen der Zustimmung auf. Aber bei alledem wurde sie den Gedanken an die Lahme nicht los. Dieser Gedanke lag ihr wie ein Stein, wie ein Alp auf dem Herzen und ängstigte sie durch sonderbare Träume und Ahnungen, und das alles zusammen und gleichzeitig mit den hoffnungsvollen Vermutungen in betreff der Töchter des Grafen K***. Aber davon wird noch später die Rede sein. Selbstverständlich begann man in der Gesellschaft sich gegen Warwara Petrowna wieder mit außerordentlicher Zuvorkommenheit und Hochachtung zu benehmen; aber sie nutzte das nur wenig aus und machte nur sehr selten Besuche.

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