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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Alfonso, von seiner Höhe aus, überschaute das Schlachtfeld. Sah, wie die Calatrava-Ritter stürmten, zurückgeworfen wurden, ein zweites Mal stürmten, ein zweites Mal wichen, dann aber die Reihen der Feinde brachen. Und nun drangen sie vor, seine Calatrava-Ritter, unaufhaltsam, und bald werden sie das rote Kriegszelt des Kalifen erreicht haben und den Siegesboten schicken, und dann wird er seinesteils vorstürmen und den Feind vollends aufreiben.

Da schauten sie also, der König und die Seinen, warteten, genossen die Schau. Dort unten, auf dem »Gebreite der Arroyos«, erfüllte sich der Traum des Sängers Bertran de Born; da waren die Stürmenden, die Fallenden und Gefallenen, da war jenes Geschrei: A lor, a lor!, und da hinein: Allah! und: Mohammed!, da war das Wiehern der reiterlosen, todwunden Pferde. Alazars Herz schwoll vor Lust. Er nahm in sich auf die herrliche Wirrnis von Tod, Ruhm, Sieg, Märtyrertum, und es war ihm nur leid, daß Staub und Dunst aufwölkte und ihm den Kampf verhüllte. Aber er sah um sich die wilden, glühenden, freudigen Gesichter des Königs und seiner Ritter, und sein Gesicht war freudig wie das ihre, und er wischte sich die tränenden Augen, nieste sich den Staub aus der Nase und lachte.

Da aber ereignete sich Unerwartetes. Staub und Dunst waren jetzt so dicht, daß man kaum mehr recht erkennen konnte, was geschah. Doch soviel war gewiß: Kampf war plötzlich schon ziemlich nahe an ihrer Höhe, weit also im Rücken der Calatrava-Ritter. Beturbante Reiter tauchten auf in naher Nähe des Lagers. Griffen die jüdischen Abteilungen an, die zur Verteidigung des Lagers bestellt waren. Ja, die Juden waren im Kampf, sie hielten sich wacker, man hörte deutlich ihren geilen, uralten, hebräischen Schlachtruf: »Hedad, hedad!«, sie gaben nicht Raum, sie hielten stand. Aber ihrer waren nur dreitausend, der Feind war sichtlich in der Überzahl, und dunkel, einen Augenblick lang, dachte Alfonso an die Vorhersage Don Simeons, es werde Unheil bringen, am Sabbat zu kämpfen.

Aber wie in aller Welt war es möglich, daß moslemische Reiter so weit vorgedrungen waren? Und in solcher Zahl? Und wo blieben die Calatrava-Ritter?

Der König ahnte, was geschehen war, aber er verbot sich, es zu glauben. Fünfhundert mal tausend Mann, hatten die Späher berichtet, zähle das Heer des Kalifen, und Alfonso hatte gelacht. Aber da wälzte es sich heran, endlos, und aus dem Staub kamen immer neue, beturbante Krieger, zu Fuß und zu Pferde. Alfonso lachte nicht mehr.

Was sich aber ereignet hatte, war dieses. Die Calatrava-Ritter, siegberauscht, waren weitergestürmt in das dichte Gewimmel. Sie achteten nicht der Hitze und des Staubes, der ihnen das Atmen schwer machte. Aus dem dumpfen Lärm, von dem das Schlachtfeld dröhnte, hörten sie nur ihr eigenes Geschrei und das Geschrei derer, die sie töteten. Benommen, halb irr von Kampfgier, wütig um sich hauend, drangen sie immer weiter vor in den sonnverhüllenden Dunst.

Der Oberkommandierende der Moslems, Abdullah Ben Senanid, der Andalusier, der Kriegskundige, Schlachtenkluge, hatte das vorhergesehen. Er ließ die Ritter vordringen, ja, er setzte ihnen dünneren Widerstand entgegen. Auf beiden Flanken aber ließ er mohadische Regimenter vorrücken und jene unheimlichen, weithin treffenden Schleudergeschütze in Stellung bringen. Die mohadischen Soldaten, berühmt als ausgezeichnete Armbrustschützen, schlossen sich, unbemerkt von den stürmenden Calatrava-Rittern, in ihrem Rücken und riegelten sie ab von ihrer Hauptmacht und von ihrem Lager. Und nun geschah hier vor Alarcos, was damals in der Schlacht von Al Hattin geschehen war. Die moslemischen Armbrustschützen beschossen die Pferde der christlichen Ritter, und sowie das Pferd fiel, war der Ritter in seiner schweren Rüstung hilflos. Jetzt auch schleuderten die Geschütze des Kalifen ihre gewaltigen Blöcke in die dichten Reihen der Christen. »Es begann«, berichtet der Chronist Ibn Jachja, »ein fürchterliches Schlachten. Alle waren sie stahlbekleidet, die Ungläubigen, auch ihre Pferde trugen Rüstungen, und sie waren die Blüte ihres Heeres, aber es half ihnen zu nichts. Vor der Schlacht hatten sie ihre drei Götter angerufen und bei ihren Kreuzen geschworen, sie würden in diesem Kampfe nicht den Rücken kehren, solange unter ihnen noch einer am Leben sei. Jetzt, zum Segen der Gläubigen, fügte es Allah, daß sie ihr Gelübde auf den Buchstaben erfüllten.«

Und gleichzeitig, um das feindliche Heer vollends zu vernichten, hatte der moslemische Feldherr, seine ungeheure Übermacht nützend, im Rücken der kämpfenden Ritter seine eigene, erlesene, andalusische Reiterei vorgeschickt zu einem Angriff auf das Lager der Christen.

Das also, dieser Angriff auf das Lager, war es, was Alfonso von seiner Höhe wahrnahm. »Jetzt ist es wohl an uns«, erklärte er grimmig fröhlich. Sie sprengten hinunter, dem Lager zu. Sie waren zahlreich, aber doch zu wenig. Die Massen der Moslems schwollen und schluckten sie ein, sie mußten zurück, bevor sie das Lager erreichten, die Höhe wieder hinauf. Sie hielten indes ihre Reihen geschlossen und ließen es nicht zu, daß die Moslems sie überflügelten. Auch gelang es ihnen immer wieder, sich durch kleine Vorstöße Raum und Luft zu schaffen.

Don Alfonso war mitten im Getümmel. Er dachte nicht mehr an das Ganze der Schlacht, nur mehr an den Kampf in seiner nächsten Nähe. Er atmete nur mit Mühe in dem Staub und in der Hitze, und der mattleuchtende Dunst machte alles vor seinen Augen flirren. Er hörte das Gellen der Hörner, das Schlagen der Trommeln, das wüste Geschrei der Moslems und das: Haut ein! Hilf! Her! der Freunde und über dem allem den dunklen Lärm, der ständig von jeder Richtung her rollte und dröhnte. Er war erfüllt von einer dumpfen Wut, die nicht ohne Wohlgefühl war. Er genoß es, mit seinem guten Schwerte Fulmen Dei zuzuschlagen; er genoß es, wenn der Feind fiel, und auch wenn der Freund fiel, spürte er etwas wie Lust.

Langsam wurden sie zurückgedrängt bis zur Hälfte ihrer eigenen Höhe. Der König befahl einen neuen Vorstoß. Sie preschten – es mochten ihrer noch um die Achthundert sein – hinein in feindliches Fußvolk. Einer der Moslems, aus nächster Nähe, zielte mit dem Speer nach Alfonso. Ehe er werfen konnte, haute Alazar ihn nieder. Der Knabe lachte hell. »Das ist ihm nicht geglückt, Herr König«, rief er in den wüsten Lärm hinein. Aber in der Minute darauf stürzte er selber vom Pferd, getroffen, sein Fuß verfing sich im Steigbügel, er wurde eine kleine Strecke geschleift.

Die andern waren weiter vorgedrungen, vor sich her trieben sie das feindliche Fußvolk den Berg hinunter. Ein wenig Luft entstand um den König und die ihm Nächsten.

Er stieg vom Pferde, noch immer in wütiger Dumpfheit, fast ohne Willen und Bewußtsein. Er bemühte sich um Alazar. Er hob das Visier, er wußte kaum, warum, er nahm dem Knaben den Helm ab und wußte kaum, warum, auch nicht, ob der Knabe ihn noch erkannte. Er dachte vorwurfsvoll, daß Alazar ihm doch die tausend Ritter hätte aussuchen sollen, die er ohne Lösegeld freigeben wollte. Der Knabe atmete hart, sein sonst blaßbräunliches Gesicht sah gerötet und verschwollen aus und inmitten all des Schmutzes, des Blutes, der Hitze, der sichtlichen Qual sehr jung. Alfonso beugte sich tiefer über ihn, sah ihn, sah ihn nicht, sah ihn, sagte mit einer Stimme, die heiser vom vielen Schreien war: »Alazar, mein Junge, mein Treuer.« Alazar hob die Hand, mit Mühe, Alfonso verstand nicht, wozu; später deutete er sich’s so, daß Alazar ihm hatte den Handschuh zurückgeben wollen, und es war ihm leid, daß er’s nicht verstanden hatte. Alazar bewegte die Lippen, Alfonso wußte nicht, ob er sprach. Er glaubte zu hören: »Sag meinem Vater –«, aber er erinnerte sich erst viel später, daß er geglaubt habe, das zu hören; auch hätte er nicht sagen können, in welcher Sprache der Knabe diese Worte gesprochen hatte.

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