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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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«Ach, das ist es nicht«, protestierte Deborah hastig.»Du darfst nicht. Du wirst ihn schon kennen lernen. Er kann es kaum erwarten, da er ja im Lauf der Jahre so viel von dir gehört hat.«

«Ach ja?«China blickte auf und sah sie ruhig an. Deborah wurde heiß unter diesem Blick. China sagte:»Ist schon okay. Du warst mit deinem Leben beschäftigt, das ist in Ordnung. Kalifornien waren ja nicht deine drei schönsten Jahre. Ich kann verstehen, dass du nicht gern an die Zeit erinnert wirst. Und wenn du Kontakt gehalten hättest. das wäre auch Erinnerung gewesen, nicht? Außerdem läuft das manchmal so mit Freundschaften. Eine Zeit lang ist man sich nahe und dann nicht mehr. Die Verhältnisse ändern sich. Die Bedürfnisse ändern sich. Das Leben geht weiter. Trotzdem hast du mir gefehlt.«

«Wir hätten in Verbindung bleiben müssen«, sagte Deborah.

«Das ist schwierig, wenn der eine nicht schreibt. Oder mal anruft. Oder irgendwas. «China sah sie mit einem Lächeln an. Aber es steckte Trauer dahinter, und Deborah fühlte sie.

«Es tut mir Leid, China. Ich weiß nicht, warum ich nicht geschrieben habe. Ich wollte ja, aber die Zeit verging, und dann. Ich hätte schreiben sollen. Mailen. Anrufen.«

«Trommeln.«

«Egal, was. Du musst dich — ich weiß nicht — , du hast wahrscheinlich geglaubt, ich hätte dich vergessen. Aber ich habe dich nie vergessen. Wie auch, nach allem, was gewesen ist.«

«Na ja, die Hochzeitsanzeige habe ich ja bekommen. «Aber keine Einladung, schwang unausgesprochen mit.

Deborah hörte es und versuchte, zu erklären.»Ich dachte, du würdest es merkwürdig finden. Nach Tommy. Nach allem, was passiert ist, heirate ich Knall auf Fall einen anderen. Ich wusste einfach nicht, wie ich es erklären soll.«

«Hast du gedacht, du wärst mir eine Erklärung schuldig? Warum?«

«Na ja, es sah so. «Deborah wünschte sich ein passendes Wort, um zu beschreiben, wie ihr Wechsel von Tommy Lynley zu Simon St. James ihrer Meinung nach auf jemanden gewirkt haben könnte, der nicht die ganze Geschichte ihrer Liebe zu Simon und ihrer Trennung von ihm kannte. Als sie damals in Amerika gewesen war, war es zu schmerzlich gewesen, darüber zu sprechen. Dann war Tommy gekommen und hatte eine Lücke gefüllt, von deren Existenz selbst er zu jener Zeit nichts geahnt hatte. Es war alles viel zu kompliziert. Vielleicht hatte sie China darum einfach zu einem Teil einer amerikanischen Episode gemacht, zu der auch Tommy gehörte und die in die Vergangenheit verbannt werden musste, als die Zeit mit Tommy vorbei gewesen war.

«Ich habe nie viel von Simon gesprochen, nicht?«

«Du hast nicht mal seinen Namen erwähnt. Du hast immer auf Post gewartet, und jedes Mal, wenn das Telefon geklingelt hat, hast du ein Gesicht gemacht wie ein begieriges kleines Hündchen. Wenn dann der Brief, auf den du gewartet hast, nicht kam, und der Anruf auch nicht, bist du ein paar Stunden lang verschwunden. Ich dachte mir, dass daheim in England jemand ist, den du vergessen willst, aber ich wollte nicht fragen. Ich dachte, du würdest es mir selbst erzählen, wenn du so weit bist. Aber du hast es nie getan. «China kippte die Nudeln in ein Sieb. Eine Dampfwolke stieg hinter ihr in die Höhe, als sie sich herumdrehte.»Wir hätten das miteinander teilen können«, sagte sie.»Schade, dass dein Vertrauen zu mir dafür nicht gereicht hat.«

«Aber so war es nicht. Überleg doch mal, was darauf alles passiert ist. Ist das kein Beweis dafür, dass ich dir vollkommen vertraut habe?«

«Ja, klar, der Abbruch. Aber das war was Körperliches. Emotional hast du dich nie jemandem anvertraut. Nicht mal, als du Simon geheiratet hast. Nicht mal jetzt, wo du Ärger mit ihm hast. Aber eine Freundin ist jemand, der man sich mitteilt, kein Gebrauchsgegenstand, den man benutzt wie ein Kleenex, wenn man mal schnauzen muss.«

«Glaubst du denn, dass ich dich so gesehen habe? Dass ich dich

jetzt so sehe?«

China zuckte mit den Schultern und machte ein resigniertes Gesicht.»Nein, wahrscheinlich nicht.«

Während Deborah jetzt in den Candie Gardens saß, dachte sie über den Abend mit China nach. Cherokee hatte sich nicht blicken lassen, solange sie da gewesen war — »er wollte ins Kino, aber wahrscheinlich sitzt er in irgendeiner Kneipe und baggert eine Frau an«-, es hatte also keine Ablenkung gegeben, keine Entschuldigung, die Augen davor zu verschließen, was aus ihrer Freundschaft geworden war.

Sie hatten sich hier in Guernsey in einer veränderten Rollenverteilung wieder getroffen, und das schuf Unsicherheit zwischen ihnen. China, lange Zeit in ihrer Beziehung die Sorgende, unermüdlich um die Fremde bemüht, die mit den Verletzungen einer uneingestande- nen Liebe nach Kalifornien gekommen war, war durch die Umstände in die Rolle der vom Wohlwollen anderer abhängigen Bittstellerin gedrängt worden. Deborah, ursprünglich die Empfängerin von Chinas Fürsorge, war in die Rolle der Helferin geschlüpft. Diese Änderung des früher gewohnten Umgangs miteinander, war eine Irritation, die sie empfindlich machte, empfindlicher vielleicht, als sie es gewesen wären, hätte nur die durch die Jahre des Schweigens verursachte Verletzung zwischen ihnen gestanden. Sie wussten beide nicht so recht, wie sie sich verhalten sollten. Aber Deborah war überzeugt, dass sie im Herzen das Gleiche fühlten, auch wenn ihr Bemühen, es auszudrücken, noch so ungeschickt war. Jeder von ihnen lag das Wohl der anderen am Herzen, und beide waren sie vorsichtig. Sie waren im Begriff, sich aneinander heranzutasten, um einen Weg nach vorn zu finden, der aus der Vergangenheit herausführen würde.

Als Deborah von der Bank aufstand, fiel milchiges Licht auf den Fußweg. Sie folgte ihm zwischen Rasenflächen und Buschwerk hindurch und umrundete einen Weiher, in dem Goldfische schwammen, zarte Miniaturausgaben der Fische im japanischen Garten von Le Reposoir.

Draußen auf der Straße hatte der morgendliche Berufsverkehr begonnen, rundherum eilten die Menschen ins Stadtzentrum. Die meis- ten überquerten die Straße zum St. Ann's Place. Deborah folgte ihnen den sanften Bogen entlang, in dem das Hotel sichtbar wurde.

Gegenüber, an der niedrigen Mauer des kleinen Parks, sah sie Cherokee stehen. Er aß irgendetwas aus einer Papierserviette und hielt einen dampfenden Pappbecher in der Hand. Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtete er unverwandt das Hotel.

Sie trat zu ihm. Er bemerkte sie nicht und zuckte zusammen, als sie ihn ansprach. Dann lachte er.»Es funktioniert tatsächlich«, sagte er.»Ich habe dir dauernd telepathische Botschaften gesandt, dass du rauskommen sollst.«

«Telefonische wirken im Allgemeinen besser«, erwiderte sie.»Was isst du da?«

«Schokocroissant. Magst du was?«Er hielt es ihr hin.

Sie nahm seine Hand in die ihre und hielt sie fest.»Und ganz frisch. Köstlich. «Sie kaute.

Er bot ihr den nach Kaffee duftenden Becher an. Sie trank. Er lächelte.»Hervorragend.«

«Was?«

«Was hier gerade stattgefunden hat.«

«Was denn?«

«Unsere Eheschließung. In einigen der primitivsten Stämme im Amazonasgebiet wärst du soeben meine Frau geworden.«

«Was würde das bedeuten?«

«Komm mit mir an den Amazonas, dann erfährst du's. «Er biss von seinem Croissant ab und betrachtete sie aufmerksam.»Ich weiß gar nicht, was damals mit mir los war. Mir ist nie aufgefallen, was für eine scharfe Frau du bist. Wahrscheinlich, weil du vergeben warst.«

«Ich bin immer noch vergeben«, sagte Deborah.

«Verheiratet zählt nicht.«

«Wieso nicht?«

«Das ist schwer zu erklären.«

Sie lehnte sich neben ihm an die Mauer, nahm ihm den Kaffeebecher aus der Hand und gönnte sich noch einen Schluck.»Versuch's.«

«Ach, das ist so ein Ding unter Kerlen. Die Grundregeln. Du kannst eine Frau anmachen, wenn sie Single oder verheiratet ist. Single ist klar, sie ist frei und, seien wir ehrlich, im Allgemeinen auf der Suche nach einem Typen, der ihr bestätigt, dass sie gut aussieht. Also stört es sie nicht, wenn sie angemacht wird. Verheiratet, weil ihr Ehemann sie wahrscheinlich einmal zu oft ignoriert hat, und wenn's nicht so ist, sagt sie dir das gleich ins Gesicht, und du kannst dir die Zeit sparen. Aber eine Frau, die mit einem Typen zusammen, aber nicht mit ihm verheiratet ist, ist absolut tabu. Sie ist gegen jede Anmache immun, und wenn man's bei ihr versucht, kriegt man früher oder später von ihrem Typen zu hören.«

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