Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Die steife Brise aus Nordwest half der »Marijkje« zusammen mit der auflaufenden Flut, gegen die Strömung der Schelde anzukämpfen, so dass Orlando bald schon den hoch aufragenden Turm der Pauluskerk und die stark bewehrte Burg des herzoglichen Pflegers erkennen konnte, die sich schützend neben den Hafenanlagen ausbreitete.
Die »Marijkje« war das kleinste Schiff, das sich von See her Antwerpen näherte. Gegen die wuchtigen Koggen und Karacken, die diese Strecke befuhren, wirkte sie beinahe wie ein Beiboot. Als sich ein englischer Segler ihr von achtern näherte, um sie zu überholen, flogen Spott und Beleidigungen herüber. Marinus van Duvl spuckte nur ins Wasser und legte das Ruder einen Strich herum, damit das braunrote Großsegel seiner Barke mehr Wind fasste. Innerhalb kürzester Zeit wurde die »Marijkje« schneller, und der anmaßende Engländer blieb hinter ihnen zurück.
Wie versprochen, machte die »Marijkje« noch vor Einbruch der Nacht am Kai fest. Orlando bezahlte dem Schiffer die vereinbarte Summe plus der fünf Gulden und einem Trinkgeld für die Mannschaft und bedankte sich für die schnelle Fahrt. Dann stieg er unter das Vorder-deck, um Lea zu holen. Im Schein der Laterne, die ein Matrose mittschiffs aufgehängt hatte, wirkte ihr Gesicht immer noch grünlich, doch sie stand auf ihren Füßen und hielt ihren Reisesack in der Hand.
»Komm, ich trage deine Sachen«, bot Orlando ihr an, erntete aber nur ein abwehrendes Kopfschütteln.
»Dann eben nicht.« Er nahm sein eigenes Gepäck und bedeutete Lea mit einer Geste, vorauszugehen, damit er ihr helfen konnte, wenn sie auf der Leiter strauchelte. Es war jedoch nicht nötig, denn ein Matrose streckte ihr die Hand entgegen und half ihr an Deck. Als Orlando oben ankam, hatte sie das Schiff bereits verlassen und stand mit erleichtertem Gesicht auf festem Boden. Marinus van Duvl verhandelte bereits mit einem Gehilfen des Hafenmeisters, der sich die Ausführungen des Holländers gut gelaunt anhörte. Orlando unterbrach das Gespräch und meldete sich und Leon de Saint Jacques als Passagiere an. Da der Beamte ihn kannte, wünschte er ihm nur einen guten Aufenthalt und erfolgreiche Geschäfte.
Als sie den Hafen verließen, sah Lea ihren Begleiter neugierig an.
»Treffen wir heute noch auf die Gesandtschaft?«
»Nein, wir suchen Freunde auf, die uns Obdach gewähren werden«, antwortete Orlando, während er auf einen der beiden Wächter des Hafentors zuging, ihm die Torsteuer mit einem Trinkgeld in die Hand drückte und lachend auf eine für Lea unverständliche Bemerkung im gleichen Dialekt antwortete.
4.
Als Lea am nächsten Morgen erwachte, starrte sie verwirrt auf die Wände des Holzkastens, in dem sie lag. Zu ihrer Linken ließ ein handtellergroßes Fenster Luft und fernen Straßenlärm hinein, und auf der anderen Seite gab es zwei Türflügel, die mit einem primitiven, auch von außen zu öffnenden Riegel zusammengehalten wurden. Jetzt dämmerte es ihr, dass sie sich in einem landesüblichen Alkovenbett befand, löste die Türen, die wie von selbst aufschwangen, und streckte die Füße ins Freie. Dann aber bemerkte sie, dass sie sich ja bis auf das dünne Hemd ausgezogen hatte und zog die Bettdecke bis zum Kinn hoch. Wenn jemand sie so sah, würde er sofort erkennen, dass der angebliche Bankier in Roland Fischkopfs Begleitung in Wirklichkeit eine Frau war.
Sie richtete sich so auf, dass die Decke weiterhin ihre Gestalt verhüllte, und sah sich um. Zu ihrer Erleichterung befand sie sich allein im Raum. Doch eine Schüssel mit Wasser, Handtücher und Rasierzeug wiesen darauf hin, dass ein dienstbarer Geist im Raum gewesen war, um dem Gast die Morgentoilette zu ermöglichen.
Lea warf die Decke ab, huschte zur Tür und klemmte einen der beiden Stühle unter die Klinke, um vor unverhofft auftauchenden Besuchern sicher zu sein. Danach zog sie sich aus, wusch sich und kleidete sich mit aller Sorgfalt an. Um keinen Verdacht zu erregen, nahm sie das Rasierzeug, schäumte den Pinsel kräftig ein und spülte ihn dann nachlässig aus, damit es so aussah, als hätte sie ihn gebraucht. Nach einem kurzen Blick in den Kupferspiegel, der über dem Waschtisch hing, klebte sie ein paar
Seifenflocken an das Rasiermesser und ihr rechtes Ohrläppchen und verließ dann mit einem zittrigen Seufzer das Zimmer.
Ein Diener zeigte ihr den Weg zum Frühstückszimmer, in dem sie ihren Begleiter und den Hausherrn im Gespräch vertieft vorfand. Am Tag zuvor war sie zu erschöpft gewesen, um ihren Gastgeber richtig wahrzunehmen. Jetzt sah sie einen mittelgroßen, hageren Mann an der Schwelle zum Greisenalter vor sich, der mit einem einfachen braunen Hausmantel bekleidet war, Filzpantoffeln trug und eine Wollkappe auf seinen grauen Schopf gestülpt hatte. Der Mann umklammerte Roland Fischkopfs Hände und schüttelte sie mit offensichtlicher Begeisterung. Ohne sich umzudrehen rief er nach jemanden mit dem Namen Marita. »Komm her, Töchterchen, und begrüße unseren Retter.«
Ein schlankes Mädchen von etwa siebzehn Jahren in einem schlichten Kleid schlüpfte an Lea vorbei ins Zimmer, eilte auf Roland Fischkopf zu und küsste die Hand, die ihr Vater eben losließ. »Don Orlando! Welche Freude, Euch zu sehen.«
Lea starrte ihren Begleiter verwundert an und trat neugierig näher. Wieso trug Roland hier einen spanischen Vornamen?
Orlando begrüßte das Mädchen mit jenem Lächeln, mit dem man Kinder bedenkt.
Marita hingegen verschlang ihn geradezu mit verliebten Blicken.
»Don Orlando, ich habe jeden Tag gebetet, dass Ihr bald wieder zu uns kommen werdet.«
Lea fragte sich, warum das Mädchen sich bei Rolands - nein, bei Orlandos - Anblick so töricht benahm. Führten sich christliche Jungfrauen beim Anblick eines jungen, unverheirateten Mannes immer so auf, oder war tatsäch-lich etwas Besonderes an dem angeblichen Hamburger Handelsagenten, der hier mit einem spanischen Adelstitel angeredet wurde? Unwillkürlich musterte Lea Orlando mit den Augen einer Frau und fand, dass er ein ausgesprochen gut aussehender Mann war, mit einer Spur Draufgängertum und Verwegenheit in den Zügen, die wohl besonders anziehend auf heiratsfähige Mädchen wirkten. Der Gedanke versetzte Lea einen Stich, obwohl sie jeden Verdacht, sie könne sich für diesen Mann oder irgendeinen anderen interessieren, weit von sich gewiesen hätte. Sie war froh, für die Außenwelt als Mann zu gelten, und hatte nicht vor, etwas daran zu ändern.
Mit einem spöttischen Lächeln hörte sie zu, wie Marita Don Orlandos Mut, seine Klugheit, seine Entschlossenheit und einige andere Eigenschaften, die Lea bis jetzt noch nicht an ihm entdeckt hatte, in höchsten Tönen pries, während ihr Vater jedes ihrer Worte enthusiastisch bestätigte. Zunächst amüsierte sie sich darüber, aber dann begriff sie, dass Orlando diese beiden Menschen tatsächlich vor den Folterkellern der Inquisition bewahrt hatte, und schämte sich für ihre abwertenden Gedanken. Auch wenn Orlando es für Geld tat, so hatte er, wie sie jetzt erfuhr, schon vielen Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft das Leben gerettet.