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Oblomow
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»Ach, wenn du wüßtest, wie schwierig das ist,« sagte er.

»Und du hast mit dem Bruder der Hausfrau gesprochen und eine Wohnung gefunden?« fragte sie dann, ohne die Augen zu heben.

»Er ist des Morgens nie zu Hause, und abends bin ich hier,« sagte Oblomow und freute sich, eine genügende Ausrede gefunden zu haben.

Jetzt seufzte Oljga, sagte aber nichts.

»Morgen spreche ich sicher mit dem Bruder,« beruhigte Oblomow sie. »Morgen ist Sonntag; er geht nicht in die Kanzlei!«

»Bevor das alles erledigt ist, kann man nicht mit der Tante sprechen und muß seltener beisammen sein ...« sagte Oljga sinnend.

»Ja, ja ... das ist wahr,« fügte Oblomow erschrocken hinzu.

»Iß bei uns am Sonntag zu Mittag, das ist unser Empfangstag, und komm dann vielleicht allein am Mittwoch,« beschloß sie. »Außerdem können wir uns im Theater sehen. Du weißt, wann wir hinfahren und kannst auch kommen.«

»Ja, das ist wahr,« sagte er, darüber erfreut, daß sie die Sorge um ihre Zusammenkünfte auf sich nahm.

»Und wenn ein schöner Tag ist,« schloß sie, »fahre ich in den Sommergarten spazieren, und auch du kannst hinkommen; das wird uns an den Park erinnern ... an den Park!« wiederholte sie ausdrucksvoll.

Er küßte ihr schweigend die Hand und nahm von ihr bis Sonntag Abschied. Sie folgte ihm traurig mit den Augen, setzte sich dann ans Klavier und gab sich ganz den Tönen hin. Ihr Herz beweinte etwas, und auch die Tasten weinten. Sie wollte singen - sie konnte aber nicht!

Am nächsten Tag stand Oblomow auf und zog einen leichten Rock an, den er auf dem Lande getragen hatte. Vom Schlafrocke hatte er sich längst verabschiedet und ihn im Schrank hängen lassen. Sachar ging, seiner Gewohnheit nach, das Präsentierbrett wiegend, ungeschickt an den Tisch heran und brachte Kaffee und Kringel. Hinter Sachar erschien, wie gewöhnlich, Anissja bis zur Hälfte in der Tür und beobachtete, ob Sachar das Brett glücklich auf den Tisch stellte; wenn er aber etwas fallen ließ, sprang sie eilig heran, um die übrigen Gegenstände zu retten. Dann begann Sachar zuerst über die Sachen und dann über seine Frau zu schimpfen und zielte mit dem Ellbogen auf ihre Brust.

»Der Kaffee ist so gut! Wer kocht ihn?« fragte Oblomow.

»Die Hausfrau selbst,« sagte Sachar; »sie tut es schon seit sechs Tagen. Sie geben zu viel Zichorie hinein,« sagt sie, »und kochen den Kaffee zu wenig. Lassen Sie nur mich es tun!«

»Er ist sehr gut!« wiederholte Oblomow, sich eine zweite Schale einschenkend. »Danke ihr.«

»Hier ist sie selbst,« sagte Sachar, auf die halbgeöffnete Tür des Nebenzimmers hinweisend. »Das ist wohl ihre Speisekammer; hier arbeitet sie immer, sie hält hier den Tee, den Zucker, den Kaffee und das Geschirr.«

Oblomow sah nur den Rücken der Hausfrau, ihren Nacken, einen Teil ihres weißen Halses und ihre nackten Ellbogen.

»Warum bewegt sie dort so schnell ihre Ellbogen?« fragte Oblomow.

»Wer weiß! Vielleicht bügelt sie Spitzen.«

Oblomow beobachtete, wie die Ellbogen arbeiteten, und wie der Rücken sich beugte und aufrichtete.

Wenn sie sich bückte, sah man ihren reinen Unterrock, ihre reinen Strümpfe und die runden, dicken Füße.

Sie ist eine Beamtenfrau und hat Ellbogen wie eine Gräfin, mit Grübchen! dachte Oblomow.

Um die Mittagsstunde kam Sachar fragen, ob er nicht von der Piroge kosten wolle. Die Hausfrau bäte ihn darum.

»Heute ist Sonntag, da haben sie eine Piroge gebacken.«

»Na, ich kann mir die Piroge vorstellen!« sagte Oblomow geringschätzig. »Wahrscheinlich mit Zwiebeln und Rüben ...«

»Die Piroge ist nicht schlimmer als in Oblomowka,« bemerkte Sachar, »mit jungen Hühnern und frischen Pilzen.«

»Ah, das muß dann gut sein. Bring mir ein Stück! Wer bäckt das? Diese schmutzige Alte?«

»Aber wo denken Sie hin?« sagte Sachar verächtlich. »Wenn die Hausfrau nicht dabei wäre, könnte sie nicht einmal den Teig anmachen. Die Hausfrau macht alles selbst in der Küche. Sie hat die Piroge mit Anissja zusammen gebacken.«

Nach fünf Minuten erschien aus dem Nebenzimmer ein nackter Arm, der mit dem ihm bekannten Schal kaum bedeckt war; die Hand hielt einen Teller, auf dem ein ungeheures Stück Piroge dampfte.

»Danke bestens,« antwortete Oblomow freundlich, die Piroge in Empfang nehmend, blickte in die Tür hinein und heftete seine Augen auf die hohe Brust und die nackten Schultern. Die Tür wurde eilig geschlossen. »Wünschen Sie einen Schnaps?« hörte er fragen.

»Ich trinke nicht; danke vielmals,« sagte Oblomow noch freundlicher. »Was für einen haben Sie?«

»Unseren eigenen, selbstgemachten. Wir lassen ihn auf Johannisbeerblättern ziehen,« sprach die Stimme.

»Ich habe einen auf Johannisbeerblättern gezogenen nie getrunken. Wenn Sie erlauben, werde ich ihn kosten!«

Die Hand erschien wieder mit einem Teller und einem Gläschen Schnaps. Oblomow trank; er schmeckte ihm sehr gut.

»Besten Dank!« sagte er und versuchte, in die Tür hineinzublicken; doch sie wurde zugeschlagen.

»Warum lassen Sie sich nicht anschauen, damit ich Ihnen guten Morgen sagen kann?« fragte Oblomow vorwurfsvoll.

Die Hausfrau lachte hinter der Tür auf.

»Ich bin noch im Morgenkleid. Ich war die ganze Zeit in der Küche. Ich ziehe mich jetzt an; der Bruder kehrt gleich von der Messe zurück,« antwortete sie schüchtern.

»Ach ja, da Sie vom Bruder sprechen,« bemerkte Oblomow, »erinnere ich mich, daß ich ihn sprechen muß.«

»Gut, ich werde es ihm sagen, wenn er zurückkehrt.«

»Wer hustet bei Ihnen? Ich höre einen so trockenen Husten.«

»Das ist die Großmutter, sie hustet schon das achte Jahr.«

Die Tür wurde zugeschlagen.

Wie sie ist ... so einfach, dachte Oblomow, es ist aber etwas in ihr ... Und sie ist so reinlich.

Bis jetzt hatte er noch nicht Gelegenheit gehabt, den »Bruder« kennenzulernen. Er sah nur manchmal vom Bett aus, ganz früh des Morgens am Gitter des Zauns, einen Mann mit einem großen Papierbündel vorüberhuschen und in dem Gäßchen verschwinden, und um fünf Uhr kehrte derselbe Mann mit demselben Paket zurück, huschte an den Fenstern vorüber und verschwand auf der Stiege. Man hörte ihn im Hause nicht. Man merkte aber, daß dort Menschen lebten, besonders des Morgens. In der Küche klapperten die Messer, man hörte durch das Fenster, wie die Alte in einer Ecke etwas auswusch, wie der Hausbesorger Holz hackte oder ein Faß mit Wasser auf zwei Rädern vorüberfuhr; hinter der Wand weinten Kinder, oder es ertönte der hartnäckige trockene Husten der Großmutter.

Oblomow gehörten vier Zimmer, das heißt die ganze Hauptfront des Hauses. Die Hausfrau nahm mit ihrer Familie zwei bescheidene Zimmer ein, während der Bruder oben im Giebelzimmer wohnte. Oblomows Schlaf- und Arbeitszimmer ging mit den Fenstern nach dem Hof hinaus, das Wohnzimmer nach dem Garten und der Salon nach dem großen Gemüsegarten mit dem Kraut und den Kartoffeln. Im Wohnzimmer waren die Fenster mit verblaßten Kattunvorhängen drapiert. An die Wände schmiegten sich einfache Sessel aus Nußholz; unter dem Spiegel stand ein L'hombre-Tisch; auf den Fensterbrettern drängten sich Töpfe mit Geranien und Samtblumen, und darüber hingen vier Käfige mit Zeisigen und Kanarienvögeln.

Der Bruder kam auf den Fußspitzen herein und beantwortete Oblomows Gruß mit einer dreifachen Verbeugung. Alle Knöpfe seiner Uniform waren geschlossen, so daß man nicht beurteilen konnte, ob er Wäsche trug oder nicht; die Krawatte war in einen einfachen Knoten geschlungen, und ihre Enden waren versteckt. Er war etwa vierzig Jahre alt, trug auf der Stirn einen geraden Schopf und auf beiden Schläfen zwei lose Schöpfe, die an Hundeohren mittlerer Größe erinnerten. Die grauen Augen blieben nicht sofort an einem Gegenstand haften, sondern blickten zuerst verstohlen hin und richteten sich erst beim zweitenmal fest auf einen Punkt. Er schien sich seiner Hände zu schämen und bestrebte sich, sie beim Sprechen beide auf dem Rücken oder die eine hinter dem Brustlatz und die andere rückwärts zu verstecken. Wenn er seinem Chef ein Papier hinreichte und erklärte, hielt er die eine Hand auf dem Rücken und zeigte mit dem Mittelfinger der zweiten Hand, den er mit dem Nagel nach unten drehte, vorsichtig auf irgendeine Zeile oder ein Wort hin und versteckte sofort wieder die Hand, vielleicht deswegen, weil seine Finger dick und rötlich waren und ein wenig zitterten und er Grund hatte, sie für nicht ganz anständig zu halten und sie selten sehen zu lassen.

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